Frau Sommaruga, mit zwei Dritteln sagt Ihre Partei Nein zum Gegenvorschlag, mit dem Sie gegen die Ausschaffungsinitiative der SVP ankämpfen. Sind Sie überrascht?
Simonetta Sommaruga: Nicht sehr. Dass es zum Gegenvorschlag sehr unterschiedliche Haltungen gibt in der SP, war zu erwarten. Die Meinungen waren wohl vorher schon gemacht. Aber die Partei hat ja auch Nein gesagt zur SVP-Initiative, die völkerrechtswidrig und menschenverachtend ist – und zwar einstimmig Nein.

Wie wollen Sie nach dem ersten Rückschlag vor Ihrer Partei nun den Abstimmungskampf führen?
Es geht hier um ein sehr emotionales Thema. Das hat auch die Debatte am SP-Parteitag jetzt gerade gezeigt. Es war eine sehr heftige Diskussion. Und das wird in den nächsten Wochen nicht anders sein. Es ist darum ganz wichtig, dass ich in meiner Funktion als Bundesrätin in diesen Abstimmungskampf möglichst viel Nüchternheit und gesunden Menschenverstand hineinbringe. Die Leute im Land sollen sich die beiden Vorlagen ganz ruhig nochmals anschauen. Und dann müssen sie entscheiden, ob sie eine menschenverachtende Initiative wollen, die Leute wegen kleiner Delikte einfach automatisch ausschafft. Oder ob sie einem Gegenvorschlag zustimmen, der verhältnismässig und klar ist.

Hat der klare Entscheid gegen Ihren Gegenvorschlag Sie entsprechend enttäuscht?
Dass wir etwa mal Differenzen haben werden, das habe ich schon gewusst, bevor ich Bundesrätin geworden bin. Das gehört dazu.

Das Parteiprogramm hat jetzt wieder ein klar linkes Profil.
Ich habe in der letzten Phase an diesem Programm nicht mehr mitgearbeitet. Aber die teilweise engagierten Debatten darüber zeigen, dass wir eine lebendige Partei sind, die nicht einfach nur abnickt, was von oben kommt. Und darauf bin ich stolz.