Therapie

Mehr Hilfe für die Täter: Wie häusliche Gewalt gestoppt werden kann

Viel zu oft werden die Täter heute mit ihren Problemen alleine gelassen. Die Folge: An ihrem gewalttätigen Verhalten ändert sich nichts. (Symbolbild)

Viel zu oft werden die Täter heute mit ihren Problemen alleine gelassen. Die Folge: An ihrem gewalttätigen Verhalten ändert sich nichts. (Symbolbild)

Experten wollen Täter mit Gewalt und ihrer Ursache konfrontieren. Kantone sollen dafür Kurse anbieten. Der allgemeine Tenor: Viel zu oft würden die Täter heute mit ihren Problemen alleine gelassen.

Ein Mann schlägt seine Frau, der Nachbar hört Schreie und ruft die Polizei. Erhärtet sich der Verdacht des Nachbars, verfügt die Polizei eine Wegweisung gegen den Mann. Die Frau kommt in psychologische Behandlung. Rund 14'000-mal rückte die Polizei 2015 wegen häuslicher Gewalt aus, 9195 Personen wurden als Beschuldigte registriert – jede fünfte davon ist eine Frau.

An der nationalen Konferenz zu «Täter und Täterinnen häuslicher Gewalt», die gestern in Bern stattfand, wurde der oben geschilderte Ablauf als «normales Szenario» beschrieben. Was bei diesem Vorgehen zu kurz kommt: der Täter. Dieser müsste sich zwingend mit seinem gewalttätigen Verhalten auseinandersetzen, forderte Sylvie Durrer, Direktorin des eidgenössischen Gleichstellungsbüros.

Viel zu oft würden die Täter heute mit ihren Problemen alleine gelassen. Die Folge: An ihrem gewalttätigen Verhalten ändert sich nichts. Dabei sei der Handlungsbedarf auch aus wissenschaftlicher Sicht angezeigt, sagte Daniel Treuthardt von den Bewährungs- und Vollzugsdiensten Zürich. «Jede zweite Person, die im häuslichen Bereich gewalttätig wird, ist ein Wiederholungstäter.»

Deshalb bräuchten diese nun ein niederschwelliges Angebot, um sich Hilfe zu holen. Heute nutzt nämlich nur ein Bruchteil der Täter die vorhandenen Strukturen (von Therapien über Lernprogramme bis hin zu Gruppensitzungen).

Der Fachverband Gewaltberatung Schweiz schätzt, dass 2015 aber nur rund 1500 gewalttätige Personen ein Angebot tatsächlich nutzten. Die Experten diskutierten also, wie Täter eingebunden werden können, wie letztlich Gewalt besser verhindert werden kann.

Der gelebte Föderalismus

Der Fall des Berners Beat Blatter (siehe Porträt-Text links) zeigt exemplarisch, dass der Täter alleine aufgrund eines Polizeieinsatzes oder einer Strafe nicht zwingend zur Einsicht kommt, dass er Hilfe braucht.

Diese Einsicht sei gar nicht notwendig, so Daniel Treuthardt. «Die Bereitschaft zur Therapie ist keine Voraussetzung für eine erfolgreiche Behandlung.» Er hat deshalb eine Anleitung entwickelt, die in jedem Fall von häuslicher Gewalt angewendet werden kann: Vier Handlungsschritte, die auch eine Person befolgen kann, die nicht vom Fach ist. Denn je nach Kanton unterscheidet sich nicht nur das Therapie-Angebot, sondern auch die Zuständigkeiten.

Die Erfahrungen des Kantons St. Gallen hingegen zeigen, dass solche Täterprogramme zwar äusserst wichtig sind, in der Praxis aber nur selten durchgeführt werden, wie Thomas Hansjakob, der erste St. Galler Staatsanwalt, sagt. Grund dafür seien erstens fehlende Sprachkenntnisse (Kurse sind nur auf Deutsch), zweitens unregelmässige
Arbeitszeiten der Täter (Kurse finden abends statt) und drittens fehlt dem Täter häufig die Einsicht. «Der Täter muss mindestens zugeben, dass er die Tat begangen hat», sagt Hansjakob.

Inwiefern die Kantone gegenseitig von diesen Erkenntnissen lernen, wird sich zeigen. Klar ist: Auch kleine Anpassungen können einen Unterschied machen: So kommen in Bern heute die Täter schneller in ein Lernprogramm, sagt Judith Hanhart von der Interventionsstelle. Obwohl die Teilnahme für viele freiwillig bleibt, gibt es Grund zur Hoffnung: Zum Beispiel hätte Beat Blatter seine Gewalt eher zügeln können, wenn er früher vom Kursangebot erfahren hätte.

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