Nicolas Hehl, SDA

Fast sechsmal pro Jahr gehen Schweizerinnen und Schweizer im Schnitt zum Arzt – Tendenz steigend. Gemäss Krankenkassenverband Santésuisse haben vor allem Spitalambulatorien immer mehr tun. Gleichzeitig explodiert die Zahl der Anrufe in den Callcentern: Allein Medi24 führte letztes Jahr rund 400000 Beratungen durch, doppelt so viele wie noch 2006.

Auch für das laufende Jahr rechnet Martin Denz, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Telemedizin, mit einem rasanten Wachstum. Medgate geht von bis zu 5000 Anrufen pro Tag aus, Medi24 von bis zu 3000. Auf das Jahr hochgerechnet wären dies fast 3 Millionen Patienten.

Gebrochenen Zeh zu Hause schienen

Gemäss statistischen Auswertungen der beiden grossen Anbieter sind zwei Drittel der Beratungen abschliessend: Die Patienten suchen danach weder einen Arzt noch ein Spital auf. Die Beratung kann dabei sehr unterschiedlich ausfallen, wie Denz erklärt.

In vielen Fällen werde festgestellt, dass gar kein medizinisches Problem vorliege. Gewisse Beschwerden – etwa eine Blasenentzündung – könnten oft einwandfrei am Telefon diagnostiziert werden. Das Rezept für die nötige Therapie werde dann direkt an die nächste Apotheke geschickt. Sogar orthopädische Behandlungen seien möglich, sagte Denz. Ein gebrochener kleiner Zeh etwa könne problemlos vom Patienten selbst mit Pflaster geschient werden. Denz erinnert daran, dass Telemedizin nicht nur Beratung, sondern auch die Betreuung chronisch Kranker oder die elektronische Überwachung der Herzfunktion umfasse.

Mit den Möglichkeiten und der Qualität wächst auch die Akzeptanz telemedizinischer Leistungen. Fast alle grossen Krankenkassen bieten ihren Versicherten gratis Zugang zu einer medizinischen Telefonberatung an.

Die schweren Fälle für den Arzt

Dadurch könnten sich die Ärzte auf die schweren Fälle konzentrieren, sagte Jacques de Haller, Präsident des Ärzteverbands FMH. «Dagegen ist nichts einzuwenden, zumal es immer mehr Arbeit für immer weniger Ärzte gibt.» Nach Ansicht von Santésuisse-Sprecher Felix Schneuwly dient Telemedizin in erster Linie der ersten Einteilung der Fälle. Möglicherweise würden auch Kosten eingespart, wenn Bagatellfälle am Telefon erledigt werden könnten.

Zusatzkosten statt Spareffekt

Weder er noch Telemedizin-Experte Denz haben aber eine abschliessende Erklärung für die Tatsache, dass die Arztbesuche weiter zunehmen, obwohl die Patienten immer mehr telemedizinische Beratungen in Anspruch nehmen. Denz führt die alternde Bevölkerung und die wachsende Zahl der chronisch Kranken ins Feld. Beim derzeitigen Ärztemangel könnten die vielen neuen Fälle ohne Telemedizin gar nicht mehr bewältigt werden, ist er überzeugt. Der Gesundheitsökonom Konstantin Beck weist jedoch darauf hin, dass die meisten Versicherer Telemedizin als Zusatzleistung anbieten. «Solange nicht vor jedem Arztbesuch zwingend eine telefonische Beratung gemacht werden muss, wirkt das Modell leistungssteigernd.»