Roland Kuhn wurde 1993 zum Ehrenbürger der damaligen Ortsgemeinde Scherzingen ernannt. So steht es auf Wikipedia. Wie das damals von Statten ging, ist heute, 26 Jahre später, nicht mehr so einfach nachzuvollziehen.

«Wir können das auf Grund der Archivrecherchen bestätigen», erklärt René Walther. Er ist Präsident der politischen Gemeinde Münsterlingen, welche in dieser Form erst seit 1994 existiert. Die Forderung des «Vereins Fremdplatziert», dem ehemaligen Chef der Psychiatrischen Klinik wegen der Medikamentenversuche diese Ehre abzuerkennen, kam für Walther überraschend. Aber:

Doch es stellte sich die Frage, ob eine Aberkennung der Ehrenbürgerschaft rechtlich überhaupt möglich sei. Auf Grund jüngster Abklärungen der Gemeindebehörde – auch mit dem Staatsarchiv in Frauenfeld - ist dies bei verstorbenen Personen rechtlich nicht mehr möglich.

Die Gemeinde bietet Hand für eine Gedenkstätte

Selbstverständlich unterstütze man aber seitens Gemeinde auch den Kanton bei der Aufarbeitung der Geschehnisse von damals. Aus Sicht der Gemeinde erfolgte dies wissenschaftlich fundiert und ausgewogen. Laut Walther wurden dabei die Verdienste von Roland Kuhn gewürdigt, als auch dessen Grenzen aufgezeigt. «Die Geschichte kann leider nicht neu geschrieben werden, aber man kann sich damit auseinandersetzen und daraus Lehren ziehen», meint der Gemeindepräsident.

Deshalb biete die Gemeinde etwa Hand für die geplante Gedenkstätte auf dem Spitalfriedhof. «Dieses Zeichen soll ein Mahnmal für die Zukunft sein. Das thurgauische Zeichen der Erinnerung wird ausdrücklich nicht nur an die Betroffenen von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen vor 1981 erinnern, sondern auch an die Betroffenen von Medikamententests in Münsterlingen.»

Der Kantonsrat segnete das Ehrenbürgerrecht ab

Der Möglichkeit eines Widerruf eines Ehrenbürgerrechts steht auch Giacun Valaulta sehr skeptisch gegenüber. Er ist Chef des kantonalen Amts für Handelsregister und Zivilstandswesen. Er weiss, dass die Ernennung Kuhns zum Ehrenbürger damals vom Grossen Rat des Kantons Thurgau bestätigt werden musste, weil dieser Bürger von Bern war und nicht bereits das hiesige Kantonsbürgerrecht besass. Dies geschah an der Sitzung vom 17. November 1993.

Das Ehrenbürgerrecht ist gemäss dem Gesetz gleichbedeutend mit dem normalen Bürgerrecht, sagt Valaulta. Eine Entlassung daraus ist zwar durchaus möglich, zu einer Aberkennung macht das Gesetz jedoch keine Angaben. Da ein Bürgerrecht mit dem Tod einer Person sowieso erlischt, sei die Sache wohl eher eine politische Frage, denn eine rechtliche, meint Valaulta.

Roland Kuhn am 12. Februar 2002.

Roland Kuhn am 12. Februar 2002.

In der psychiatrischen Klinik in Münsterlingen waren zwischen 1946 und 1980 an mindestens 3000 Patienten Medikamente getestet worden. Zentrale Figur war dabei der Arzt und Klinikdirektor Roland Kuhn. Er war bis zu seinem Tod 2005 in Scherzingen wohnhaft. Ein Ende September veröffentlichter Forschungsbericht beleuchtete das dunkle Kapitel der Thurgauer Psychiatriegeschichte.

Konstanz löst das Problem mit symbolischen Akt

Der Gemeinderat der Stadt Konstanz hat ganz aktuell die Ehrenbürgerwürden von Franz Knapp, Conrad Gröber und Paul von Hindenburg aberkannt. Die ersten beiden, weil sie Nazis waren, von Hindenburg, weil er Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt hatte. Die entsprechende Mitteilung versah die Stadt Konstanz mit dem Hinweis, dass es sich dabei um einen deklaratorischen, also symbolischen Akt, handle, weil die Ehrenbürgerwürde mit dem Tod sowieso erlischt.