Internet
Mediennutzer zwischen Amok und Verweigerung

Morgen - oder übermorgen - lesen alle alles nur noch online. Ist das gut? Ändert sich die Welt oder bloss der Journalismus?

Max Dohner
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Online-Lesen mit iPad

Online-Lesen mit iPad

Keystone

HEUTE DREHT SICH ALLES um Online. Journalisten lernen, wie man das macht: kurze und lange Strecken laufen. Zuerst sollen sie an den schnellen User denken, die heisse Kartoffel sofort online stellen, dann den Hintergrund ins Papier pappen und bei allem die Kamera offen halten, am besten fest im Schädel verschraubt. Videos und Bildergalerien zählen zu den beliebtesten Tummelfeldern auf den Sites. Dahin läufts hinaus: in die Youtuberisierung des Stoffs. Ob dieser Stoff irgendwann noch Nachricht sein muss, ist ungewiss.

Dagegen wendet sich gar niemand, zumindest nicht laut. Hinter vorgehaltener Hand aber reden viele von Frust, von Leerlauf. Onliner notabene, die Speerspitze neuer Journalismus-Legionen. Also gibt es Zweifel, heimliche und beständige Zweifel, was sie da tun. Onliner sagen, sie wollen nicht ihr Leben lang Onliner sein - warum eigentlich nicht? Ist doch erstaunlich, angesichts der Begleitmusik. Die Begleitmusik gleicht olympischen Fanfaren: grosses Orchester, goldenes Zeitalter und immer wieder: viel viel Zukunft.

«DAS IST DIE ZUKUNFT!» Solche Sätze fallen dann, wenn man selber nicht genau weiss, wie es um die Zukunft bestellt ist. Wenn man neues Terrain schneller besetzen muss, als man drüber nachdenken kann. Weil es sonst der andere besetzt. Die Technik ist schon da; das gibt das Tempo vor. Also muss es sein: Zukunft! Dabei schaufeln sich Verlage gleichzeitig das Grab. Wer diese Logik nicht kapiert, ist ein Blödmann.

Sorry, ich bin nun mal ein Blödmann. Ein kompletter Online-Laie, bis zum heutigen Tag, da wir Online-Journalismus einüben, was mein Leben verändern kann. Ich bin kein Online-Abstinenzler, sicher nicht, geschweige denn Boykotteur, sondern ein williger Online-Konsument. Einer dieser Klicker, die mit ihrem Klick Hand an die wohlbehütete Publizistik legen können. Denn alles, worauf der so genannte User klickt, rückt die Sache vor, macht sie wichtig und wichtiger, schiebt sie mitunter bis ins Papier, sogar ins Feuilleton.

Ich nenne ein Beispiel:

Unter der Ägide einer früheren Chefredaktion wurde der Aufhänger auf der Kulturseite des «Tages-Anzeigers» gelegentlich mit einem Blick auf die Online-Klicks bestimmt. Konsequent weitergedacht, wären die Titten von Paris Hilton dann halt «auch irgendwie Kultur», so wie für die Zeitungsgeneration der 70er-Jahre «alles irgendwie Politik» gewesen war. Dafür haben wir ein Studium absolviert, dafür hat man uns seit 250 Jahren im Geist der Aufklärung erzogen, worin der moderne Journalismus wurzelt, ohne den Journalismus gar nicht atmen kann: damit wir am Ende blind vollstrecken, was der Klick befiehlt.

À LA BONNE HEURE - so heisse der heutige Baal halt Quote oder Klick. Immerhin eine objektive präzise Instanz, im Unterschied zum uferlosen Gerede der Redaktoren im traditionellen Print, was «öiseri Lääser» im Blatt haben wollen. Über Klicks gibts keine Diskussion.

Das ist natürlich verführerisch. Diesem Gott huldigt man leicht und schnell, denn seine Macht ist berechenbar. «Michelle Hunziker von Gottschalk vergewaltigt, Kachelmann schaute zu» - hundert Stutz, dass diese (fiktive) Nachricht im Handumdrehen zum Quotenhit wird. Was ich sagen will: Alles so zu deichseln, dass möglichst oft drauf geklickt wird, ist ein durchsichtiges, ein etwas ödes Spiel.

Damit ist etwas zu befürchten: Nach der ersten Freude über das neue Spielzeug greift bei Usern rasch Langeweile um sich. Diese Phase be-ginnt ungefähr jetzt.

Ein weiteres Beispiel:

Drei Online-Dienste brachten vor einiger Zeit die schockierende News, Britney Spears habe sich ihrem Leibwächter nackt gezeigt. Am späten Nachmittag, als ich nach Hause ging, flackerte das über den Bordmonitor im Bus. Dann stands am Bahnhof in der Gratiszeitung. Abends kam die Meldung, vorgebracht im gleichen saloppen Ton, bei RTL in «Explosiv» und auf ATV im Magazin «Hi Society». Als auch «Glanz&Gloria» die Geschichte nachkaute, hätte ich die Moderatorin erwürgt, wäre sie leibhaftig in der Stube erschienen, und das sogar nackt. Was mit der Zeitung anderntags geschah, die abermals im nämlichen Quasselton Britney Spears verhöhnte, schildere ich schon gar nicht mehr.

SO WIRD MAN zum Medien-Amokläufer. Oder zum Total-Verweigerer. Diese Entwicklung ist bereits im Gang. Den Leuten ist inzwischen alles medialer Trash, egal, woher es stammt. Mir kommts nicht ganz geheuer vor. Wer glaubt, ein Online-Medium sei ohne Anspruch - und daher relativ billig -, der könnte hartes Brot beissen in Zukunft. Man tut immer so, als liesse sich Qualität auftrennen entlang der digitalen Schnittstelle. Es ist ein grosser Unterschied zwischen billig und gut, dumm und intelligent, in der Tat. Aber dieser Unterschied verläuft nicht zwischen Medien - hier online, dort Print -, sondern querbeet.

WIRD ONLINE-JOURNALISMUS in naher Zukunft zum blühenden Garten und Geschäft? Das kommt auf die Zahl der schönen farbigen Werbebanner an. Und auf den Clou, wie man den Garten umzäunen, Zollbarrieren einbauen kann.

Sobald man aber die Tarifbarriere schliesst, welcher User schaut dann noch vorbei? Wohl nur jener, der nach Trüffeln wittert im Morast. Diese zu verstecken im Netz - und gleichzeitig darauf aufmerksam zu machen -, sodass jeder frohlockend zahlt, der sie entdeckt, das wird eine ganz verfluchte Herausforderung, die alte Quadratur des Kreises, einfach mit neuem Medium.

Erlaubt sei hier noch ein Zwischenruf zur Werbung online. Was halten Sie davon, wenn Folgendes passiert: An der Haustür klingelts. Sie öffnen einen Spaltbreit. Da drückt der unbekannte Besucher gleich dagegen, reisst die Tür auf und macht sich im ganzen Entree breit. Eine unerhörte Flegelei!

Nichts anderes tut ein Teil der Online-Werbung heute. Man klickt eine Nachricht an und hat gleich den ganzen Bildschirm mit Werbesauce überschwemmt. Man will ein Filmchen sehen und muss zuerst einen Werbeclip über sich ergehen lassen. Reklame keilt, trennt, verdeckt die Nachricht. Werber reden immer von posi-tiver Konnotation eines Brands und gebärden sich online dann so.

DAS ONLINE-GESCHÄFT wird wohl keine Schlacht um Gadgets und Gags. Sondern eine um Inhalt, nach dessen Genuss den User weder die aufgewendete Zeit noch das Geld, nicht mal der zur Verfügung gestellte Grips reut, die kostbarste Gabe, die man vom Mediennutzer bekommen kann - aufmerksamen Geist. Leider weiss er schon heute, was das wert ist. Aufgepasst: Plötzlich baut er die Tarifbarriere ein! Plötzlich will er Kohle sehen, ehe er sich gnädig Medien zuwendet. Lesen wird zur Dienstleistung mit Taxameter, da sie selten ist, im Gegensatz zur Massenware Content.

Vielleicht ist darum und am Ende Online-Journalismus so neu nicht. Auch er muss gut sein.

PERSÖNLICH BIN ICH an folgendem Problem interessiert:

Ein Langstreckenläufer kann nie gleichzeitig Sprinter sein. Schon 400-Meter-Läufer haben Mühe mit der 100-Meter-Distanz. Okay, das ist Leichtathletik, keine Publizistik. Nun sagt mir aber ein Kollege, der viele Jahre beim «Blick» schrieb und heute bei einer Sonntagszeitung tätig ist, er habe elend lang Mühe gehabt, von der kurzen Form in die lange zu wechseln. Die Kraft zur Reportage verkümmerte. Der Atem für die Kürze reichte bei weitem nicht über die Langdistanz. Denn das einzige Kriterium für die Qualität eines Textes ist ja nicht seine Kürze oder Länge, sondern der in ihm steckende Atem, das heisst die Frage: Ist ein Text dünn oder dicht? Wie aber soll man plötzlich schaffen, in Online-Zeiten, was nicht zu schaffen ist? Kurzen und langen Atem haben, je nach Bedarf?

Darauf bin ich gespannt - und lerne es sofort, wenn es denn klappt.

Den hier abgedruckten Vortrag hielt AZ-Autor Max Dohner anlässlich einer internen Schulung für Online-Journalismus.