Medienkolumne
«Sklaven», «Secondos», «Söldner»: Irritierende E-Mails von Bankier Hummler und Ex-Chefredaktoren zur Nati

Nicht alle mögen in die Fussball-Euphorie einstimmen. Prominente Männer fühlen sich «ausgegrenzt», ärgern sich über «Söldner und Secondos, die unter dem Namen ‹Schweiz› aufmarschieren». Und stellen gar Sklaverei-Vergleiche an.

Patrik Müller
Patrik Müller
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«Die Parallelen zwischen dem heutigen Fussball und dem damaligen Menschenhandel sind ja augenfällig»: Konrad Hummler.

«Die Parallelen zwischen dem heutigen Fussball und dem damaligen Menschenhandel sind ja augenfällig»: Konrad Hummler.

Arthur Gamsa

Die Fussball-Nati, bei der 18 von 26 Kaderspielern einen Migrationshintergrund haben, lässt niemanden kalt. Ihr historischer Erfolg - die Viertelfinalqualifikation - wirkt wie ein Rorschach-Massentest: Was sehen die Schweizerinnen und Schweizer darin? Die meisten erfüllt er mit Freude, Stolz und Euphorie. Einige wenige aber mit Zurückweisung, Frust und Zorn. Soziodemografisch übervertreten sind in dieser Minderheit gut situierte Männer, und das Suffix «-li» im Nachnamen ist hier signifikant häufiger als «-ic».

Idealtypischer Vertreter dieser Gruppe ist Gottlieb F. Höpli, ehemaliger Chefredaktor des «St. Galler Tagblatts». Durchaus satirefrei legte er «Protest» ein gegen die umfangreiche Berichterstattung dieser Zeitung nach dem Achtelfinal-Spiel, in einer E-Mail, deren Empfängerzeile fast doppelt so viele Namen umfasste wie die Kaderliste der Nati, darunter Professoren (Franz Jaeger, Miriam Meckel, Peter von Matt), Chefredaktoren (Roger Köppel, Eric Gujer, Markus Somm) und viele andere mehr.

«Ohne mich»: Gottlieb F. Höpli

«Ohne mich»: Gottlieb F. Höpli

Bild: Mareycke Frehner

Höpli störte sich insbesondere am Titel, der lautete, die Freude der Nati sei «das Glück einer ganzen Nation». Der Ex-Chefredaktor kommentierte diesen so: «Die ganze Nation? Da gehöre ich definitiv nicht dazu.» Er fühle sich «ausgegrenzt». Die Mannschaft besteht für ihn aus «Fussball-Söldnern und -Secondos», die «unter dem Namen ‹Schweiz› aufmarschiert». Die Nationalhymne lasse sie «peinlich berührt über sich ergehen». Höpli schliesst sein Mail: «Ohne mich.»

In der Schweiz herrscht zum Glück Medienvielfalt, das Online-Magazin «Nebelspalter», für das Höpli inzwischen schreibt, ignorierte am Morgen nach dem Frankreich-Spiel die Nati komplett. Die grosse Story handelte vom Ozonloch.

Als der Autor dieser Kolumne, an den Höplis Mail (nebst anderen) gerichtet war, auf dieses Zeichen gegen den publizistischen Nati-Overkill hinwies, intervenierte ein weiterer Mailempfänger, der ehemalige Wegelin-Bankier Konrad Hummler, Investor beim «Nebelspalter». Der «Nebelspalter» habe «dieser Tage das Thema Fussball schon thematisiert», stellte er klar, «sehr indirekt, dafür umso treffender». Dabei sei es um Sklavenhandel gegangen. Hummler: «Die Parallelen zwischen dem heutigen Fussball und dem damaligen Menschenhandel sind ja augenfällig.»

Augenfällig? In der Sklaverei wurden Millionen von Menschen ihrer Freiheit beraubt und oft zu Tode geschunden, im Fussball verdienen freie junge Männer Millionen...

Aber es ist halt schon so, wie ein anderer ehemaliger Chefredaktor, Philipp Landmark, der «Diskussionsgemeinde», so die Anrede im E-Mail-Verkehr, beschied: «Manchmal werden Redaktionen Opfer falscher Reflexe.»

Früher war es natürlich besser, klar. Aber auch einfacher. Die damalige Fussballnati, mit tieferer Söldner- und Secondo-Quote, stellte die Redaktionen noch nicht vor das Problem, wie denn mit Erfolgen umzugehen sei.

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