Schaffhausen
Medienansturm wegen Kettensäge-Mann: Polizei bot Zivilschutz auf

Der Kettensäge-Mann trug Armbrust und Pfeile bei sich, verhielt sich bei der Verhaftung aber zahm. Die Polizei bot wegen des Medienansturms Zivilschutz auf.

Pascal Ritter
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Kopie von Polizei-Grosseinsatz in Schaffhausen: Ein Mann hat mit einer Motorsäge ein Bürogebäude gestürmt und fünf Personen verletzt.
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Riesiges Medieninteresse in Schaffhausen: Sticher und Landolt am Tag nach der Festnahme.
Die Medienkonferenz am Tag nach der Festnahme von Franz W.
Schon vor der Festnahme hatten Einsatzkräfte das Auto des Mannes abgeschleppt.
Das erste Fahndungsbild, das die Schaffhauser Polizei herausgegeben hatte.
Die Schaffhauser Polizei veröffentlichte danach weitere Fahndungsbilder des Angreifers.
Die Schaffhauser Polizei veröffentlichte danach weitere Fahndungsbilder des Angreifers.
Die Polizei suchte mit über 100 Einsatzkräften nach dem Täter.
Am Nachmittag nach der Tat hatten erste Geschäfte in der Schaffhauser Vorstadt wieder geöffnet.
Peter Sticher (links) und Einsatzleiter Ravi Landolt haben am Tag des Angriffs vor den Medien Stellung bezogen. Gemäss ihnen ist der Täter mehrfach vorbestraft.
Einsatzleiter Landolt ist auch Leiter der Sicherheitspolizei in Schaffhausen.
Sticher ist Erster Staatsanwalt.
Die Polizei hatte die Schaffhauser Altstadt mit Sichtschutzanlagen abgeriegelt.
Die Altstadt war gesperrt.
Eine erste Beschreibung des Täters lautete: Es ist ein etwa 1.90 Meter grosser Mann mit Glatze und einer ungepflegte Erscheinung.
Die Polizei macht die Schaffhauserinnen und Schaffhauser darauf aufmerksam, dass der Mann gefährlich sei.

Kopie von Polizei-Grosseinsatz in Schaffhausen: Ein Mann hat mit einer Motorsäge ein Bürogebäude gestürmt und fünf Personen verletzt.

Keystone

Die Tür zum Tatort ist verschlossen. Nur ein Zettel mit dem Aufdruck «Amtlich versiegelt» erinnert am Mittwoch am Eingang zur Filiale der Krankenversicherung CSS in der Schaffhauser Vorstadt an die Schreckenstat. Am Montag gegen 10.30 Uhr ging ein 51-jähriger Kunde der Versicherung durch die Tür und verletzte zwei Mitarbeiter mit einer Kettensäge.

Am Tag eins nach der Verhaftung des mutmasslichen Täters trällert Popmusik aus dem benachbarten Coiffeur-Salon. Demonstrative Normalität.

Spektakulärer geht es im kantonalen Berufsbildungszentrum zu und her. Zivilschützer weisen den Weg zur Pressekonferenz, ein Teil des Pausenplatzes ist mit einem rot-weissen Band abgetrennt, auf dem «Sperrzone» steht.

Eine Sperrzone gibt es freilich keine, dafür wird das Band später als Kulisse für eine Schaltung des deutschen TV-Senders RTL dienen. Ein Zivilschützer scherzt, man habe überlegt, eine Kettensäge als Anschauungsmaterial mitzubringen. Nach zwei Tagen Angst in Schaffhausen ist der Humor zurückgekehrt, wenn auch auf trockene Art.

Benutzername Notfall

Der Kettensäge-Mann hat den kleinen Kanton an der Grenze zu Deutschland vor eine schwierige Aufgabe gestellt. Dabei hält sich der Schaden einigermassen in Grenzen. Von den zwei körperlich Versehrten konnte einer das Spital wieder verlassen. Zwei Kunden stehen weiterhin unter Schock. Der mutmassliche Täter hat sich am Dienstagabend «anständig und kooperativ» in Thalwil am Zürichsee verhaften lassen, heisst es.

Es ist die Kettensäge, welche dem lokalen Ereignis in der Schaffhauser Altstadt zu weltweiter Aufmerksamkeit verhalf und die Bevölkerung in Angst versetzte. Die Kettensäge ist zwar für Gewalttaten eher ungeeignet, weil ineffizient, aber sie ist spektakulär und angsteinflössend, auch wegen ihrer Karriere in Horrorfilmen. Kommt hinzu, dass der Verdächtige mehr als 30 Stunden lang auf der Flucht war.

Das Interesse der Medien war so gross, dass die Medienstelle der Schaffhauser Polizei den Zivilschutz um Unterstützung bat. Am Montag vibrierten darum die Handys von sieben Angehörigen der «Raschen Einsatzformation Medienunterstützung», eine Besonderheit des Schaffhauser Zivilschutzes.

Die Zivilschützer bauten die Bühne, auf der Polizei und Staatsanwaltschaft endlich gute Nachrichten verbreiten konnten. Dutzende TV-Kameras sind auf den Ermittlungsleiter, den Staatsanwalt und die Polizeisprecherin gerichtet. An der Wand macht ein Plakat auf die drahtlose Internetverbindung aufmerksam. Benutzername: Notfall. Es funktionierte alles perfekt.

Der Angreifer von Schaffhausen machte weltweit Schlagzeilen:

Auch auf deutscher Seite fahndeten Beamte nach dem Mann. Zwar sei das von den Schweizer Kollegen nicht direkt angefordert worden, sagte ein Sprecher der Inspektion Konstanz. «Aber wir arbeiten natürlich im Grenzraum ohnehin eng und partnerschaftlich zusammen.»
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Mehr als 100 Polizisten fahnden nach Franz Wrousis, 51, von dem sie glauben, er sei der Mann, der am Montagmorgen in Schaffhausen die Büros der Krankenkasse CSS angegriffen hat.
Die Altstadt von Schaffhausen wurde abgeriegelt. Die Polizei sucht im Zentrum und der Nachbarschaft der nördlichsten Stadt der Schweiz weiterhin nach dem Eindringling.
Die Polizei hat Fotos von Wrousis verteilt, die ihn in einem verwirrten Zustand zeigen. Auf den Bildern steht er allein in einem offenbar bewaldeten Gebiet.
Der männliche Verdächtige führte den Angriff in Schaffhausen, in der Nähe der deutschen Grenze, aus. Die Polizei sagt, sie könne einen weiteren Zwischenfall nicht ausschliessen.
Die Schweiz sucht mit internationalem Haftbefehl nach einem Mann, der gestern in der im Norden gelegenen Stadt Schaffhausen mit einer Kettensäge zwei Menschen angegriffen hat.

Auch auf deutscher Seite fahndeten Beamte nach dem Mann. Zwar sei das von den Schweizer Kollegen nicht direkt angefordert worden, sagte ein Sprecher der Inspektion Konstanz. «Aber wir arbeiten natürlich im Grenzraum ohnehin eng und partnerschaftlich zusammen.»

HO

Gebäck für Polizeiopfer

Das war am Montag noch ganz anders. Nachdem um 10.39 Uhr der Notruf in der Zentrale einging, dachten die Behörden zunächst an einen Amoklauf. Die entsprechend hochgerüsteten Polizisten eilten zum Tatort und verhafteten einen unbeteiligten älteren Mann derart brutal, dass dieser im Spital behandelt werden musste.

Mittlerweile habe man sich beim Betroffenen mit einer Packung Schaffhauser Zünglein (ein lokales Gebäck) entschuldigt, wie am Rande der Pressekonferenz zu erfahren war. Der Beschenkte verzichtet auf eine Anzeige.

Als Nächstes nahmen Hunde die Fährte auf. Sie führten die Polizisten ans Ufer des Rheins, wo sich die Spur verlor. Im Wald bei Uhwiesen fand man zwar sein Auto, aber nicht den Gesuchten.

Schliesslich bat man die Bevölkerung um Mithilfe. Fahndungsfotos zeigten einen verwahrlost wirkenden Mann, der mit einem verdächtigen Plastiksack unterwegs war. Mehrere Dutzend Hinweise gingen ein. Offenbar waren viele Falschmeldungen darunter. Während sich der Täter am Zürichsee aufhielt, stand die Polizei in Schaffhausen, im Zürcher Weinland und im thurgauischen Diessenhofen mit insgesamt über 300 Beamten im Einsatz.

Dann kamen Meldungen aus Thalwil. Der Betreiber einer Pizzeria will gemäss «Blick» den entscheidenden Hinweis gegeben haben. Um 18.50 Uhr verhafteten die Zürcher Kollegen den Kettensäge-Mann schliesslich an der Gotthardstrasse in Thalwil. Die Kettensäge ist verschwunden, dafür trug er zwei gespannte Armbrüste mit eingesetzten Pfeilen und zwei weitere angespitzte Holzstücke bei sich.

Kein Verhör nach Verhaftung

Kurz vor Mitternacht wurde der Tatverdächtige nach Schaffhausen überstellt. Noch am Mittwoch fand die erste Befragung statt, über welche die Schaffhauser Behörden heute informieren wollen. Unmittelbar nach der Verhaftung habe man den offenbar psychisch angeschlagenen Mann nur nach seiner Gesundheit, nicht aber nach der Tat befragt, sagte Staatsanwalt Peter Sticher. Man achte strikt darauf, dass die Rechte des mutmasslichen Täters gewahrt werden, etwa das Recht auf den Beistand eines Verteidigers.

Auf viele Fragen gab es deshalb keine Antwort. Wie konnte der Täter trotz Grossfahndung die 60 Kilometer von Schaffhausen nach Thalwil zurücklegen? Warum konnte der zweifach vorbestrafte und auffällige Mann unbehelligt in einem Waldstück hausen? Woher kam der Hass des Kunden auf seine Versicherung? Was wollte der Kettensäge-Mann in Thalwil?