WEF 2018
«Medien müssen so unabhängig wie möglich sein»

Der US-Journalist und Internet-Philosoph Jeff Jarvis sorgt sich, dass mehr und mehr Menschen keine Medien konsumieren. Im Interview äussert er sich auch zur «No Billag»-Initiative.

Patrik Müller, Davos
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US-Journalist Jarvis Jeff: «Es ist unvorstellbar, dass die Briten der BBC die Gebühren streichen.»

US-Journalist Jarvis Jeff: «Es ist unvorstellbar, dass die Briten der BBC die Gebühren streichen.»

HO

Jeff Jarvis, was ist für Sie das wichtigste Thema am diesjährigen WEF?

Jeff Jarvis: Was mich besonders beschäftigt, ist der Vertrauensverlust, der verschiedene Bereiche der Gesellschaft erfasst: Das Vertrauen in die Regierungen und die Wirtschaftsführer hat gelitten – und nun auch jenes in die Medien. Man muss es zugeben: Wir stecken in grossen Problemen!

Ist der Vertrauensverlust wirklich neu?

Vor einem Jahr war er in den USA, in Grossbritannien und in Frankreich bereits ein grosses Thema, wegen der populistischen Welle. Jetzt schlägt der Vertrauensverlust auf weitere Gesellschaftsbereiche durch, insbesondere auf die Medien. Natürlich müssen wir von Land zu Land differenzieren. So wie ich die Schweiz wahrnehme, ist die Medienlandschaft hier vielfältig. In den USA haben bei den liberalen Medien – und ich zähle mich dazu – viele noch nicht realisiert, dass sich ein grosser Teil der Bevölkerung von ihnen abwendet.

Können die US-Medien die Glaubwürdigkeit zurückgewinnen?

Sehr schwierig. Etwa die Hälfte der Amerikaner konsumiert sogenannte Mainstream-Medien überhaupt nicht mehr. Sie haben jeglichen Kontakt dazu verloren.

Bewegen sich diese 50 Prozent in ihren eigenen Filterblasen und konsumieren nur Meinungen, die ihre eigenen sind?

Nicht unbedingt. Sie haben einfach andere Kanäle als TV, Online-Portale und Zeitungen. Wir in den Medien glauben immer noch, die Leute kämen automatisch zu uns. Das ist nicht mehr der Fall. Wir müssen mit unseren Informationen zu den Leuten.

In der Schweiz stimmen wir nächstens über eine Initiative ab, welche die Gebühren für das öffentlich-rechtliche Radio und Fernsehen abschaffen will. Was halten Sie davon?

Ob gebührenfinanzierter Journalismus Sinn macht, muss von Land zu Land unterschiedlich beurteilt werden. Grundsätzlich bin ich kritisch – denn je unabhängiger die Medien sind, umso besser. Wir sind diejenigen, die dem Staat auf die Finger schauen müssen. In einem kleinen, mehrsprachigen Staat wie der Schweiz können Gebühren vielleicht helfen, eine gewisse Qualität der journalistischen Leistungen sicherzustellen. In England macht die gebührenfinanzierte BBC einen hervorragenden Job ...

... auch sie wird politisch attackiert.

Das stimmt. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass die Briten der BBC die Gebühren streichen würden. In den USA sind staatlich finanzierte Medien undenkbar. Das Land ist zu gross und mächtig – stellen Sie sich vor, Donald Trump könnte auf öffentlich-rechtliche TV- und Radiosender Einfluss nehmen. Das wäre schrecklich!

Das Hauptproblem von Zeitungen und Newsportalen ist, dass die Werbung zu Google und Facebook abfliesst. Werden die Leser eines Tages bereit sind, für regionale Medien im Internet zu bezahlen?

Ich bin skeptisch. Das Problem ist: Informationen sind zu einer «Commodity» geworden – zu einer Ware, die man nicht besitzen kann, sondern die sich sofort verflüchtigt. Bezahlschranken auf Newsportalen bringen nirgends wirklich grosse Einnahmen. Was nicht heisst, dass man es nicht versuchen soll. Verlage müssen heute auf alles gleichzeitig setzen: Abos, Werbung, Veranstaltungen und so weiter.

Regional-Journalismus im Internet lässt sich nicht nachhaltig durch digitale Abos finanzieren?

Es ist hart. Nur wenige Leser sind überhaupt für Online-Infos zu zahlen bereit – und wenn, dann zu tiefen Preisen. Der Schibsted-Verlag in Norwegen zeigt, mankann mit Paywalls bis zu einem gewissen Grad Geld verdienen. Auch das Experiment der «Washington Post» macht Mut. Aber die Liste der Erfolgsbeispiele ist kurz.

In Ihrem Bestseller fragen Sie: «What would Google do?». Was kann Google tun, damit die Medienvielfalt nicht stirbt?

Google hat angekündigt, bei Suchabfragen Treffer so aufzulisten, dass Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit der Quelle eine wichtigere Rolle spielen. Das hilft traditionellen Medien. Auch Facebook hat endlich realisiert, dass man bislang viel zu wenig auf diese Kriterien geachtet hat. Sogar Twitter hat reagiert. Das ist sehr wichtig.

Das WEF 2018: Eindrücke von Davos
67 Bilder
Kurz nach seiner Rede fliegt Donald Trump bereits wieder mit dem Helikopter davon. (Symbolbild)
Am Freitagvormittag trifft Donald Trump auf Innenminister Alain Berset. Im Gespräch erklärte der US-Präsident: «Ich habe die Schweiz noch reicher gemacht».
Trump marschiert am Freitag im Weltwirtschaftsforum ein – und schwärmt bei den Journalisten über die Schweiz.
Ein Schweizer Zivi hat gestern Donnerstag gleich neben dem Flugplatz, wo Trump landete, eine klare Botschaft in den Schnee gestapft: «climate change is real» («der Klimawandel ist Tatsache»).
Donald Trump im Blitzlichtgewitter in Davos. Heute hält der US-Präsident die Abschlussrede am Weltwirtschaftsforum.
Donald Trump im Gespräch mit europäischen Wirtschaftsführern.
Donald Trump im Gespräch mit europäischen Wirtschaftsführern.
Trump auf dem Weg zum Dinner.
Dunald Trump spricht während des Dinners mit europäischen Wirtschaftsführern.
Bundesrat Ignazio Cassis mit EU-Vertretern
Bundesrat Ignazio Cassis mit EU-Vertretern
Ignazio Cassis mit Johannes Hahn, EU-Kommissar für Europäische Nachbarschaftspolitik
Trump am WEF
Trump im Gespräch mit Wirtschaftsvertretern.
Trump nach seinen ersten Meetings am WEF.
Netanjahu und Trump.
Zuvor hatte Trump Theresa May getroffen.
Donald Trump im Kongresszentrum.
Die britische Premierministerin Theresa May hatte am Donnerstag ihren grossen Auftritt am WEF.
Benjamin Netanyahu, Permieminister von Israel.
US-Präsident Donald Trump entsteigt der «Marine One» in Davos.
Hier ist er: Donald Trump am Flughafen Zürich.
Trump winkt aus der Air Force One.
«Hello, Mr. President!» Die Air Force One ist am Donnerstagmorgen um 10.20 Uhr sicher am Flughafen Zürich gelandet.
Erste Vorboten: Donald Trumps Helikopter über dem Flughafen Zürich am Donnerstagmorgen.
US-Präsident Donald Trump unterwegs in die Schweiz: Die Air Force One hob kurz vor 3 Uhr mitteleuropäischer Zeit (20.47 Uhr Lokalzeit) vom US-Luftwaffenstützpunkt Andrews ab.
Macron gab sich in Davos kämpferisch: Von Europa forderte er mehr Ehrgeiz, um mit den Weltmächten China und USA wieder aufzuschliessen.
Auch Kanzlerin Merkel reiht sich in den Reigen der WEF-Teilnehmerinnen und -Teilnehmer ein, die sich an den protektionistischen Vorstössen der USA stören.
EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker muss seine Teilnahme am WEF absagen. Der Grund: Er ist krank.
Am Dienstagabend haben Polizisten bei einer Demonstration in Davos einen Schweizer Journalisten festgenommen.
Schnüffeln erlaubt: Spürhund Atos sucht am WEF in Davos nach Sprengstoffen.
Auch der kanadische Premierminister Justin Trudeau nimmt am WEF in Davos teil – und gibt dort den lächelenden Gegenpol zum US-Präsidenten Donald Trump.
Polizisten jagen Jugendliche vor dem Kongresszentrum.
Trotz Verbot: Demonstration auf der Promenade in Davos
Der spanische König Felipe VI ist am Dienstag in Davos angekommen.
Die Stadtpolizei erwartet für die Demonstration durch die Zürcher Innenstadt eine vierstellige Teilnehmerzahl.
Demonstriert wird auch in Lausanne...
... und Genf.
Demo in Zürich gegen das WEF und Trump
Das Anti-WEF und Anti-Trump-Haus gegenüber des Kongresszentrums in Davos
Bundespräsident Alain Berset und Basima Abdulrahman, Gründerin KESK Green Building Constuling im Irak.
Professor Joseph E. Stiglitz
Der kanadische Premierminister Justin Trudeau.
Der ehemalige britische Premierminister David Cameron (links) und Jitendra Singh, indischer Staatsminister, Entwicklungsministerium der nordöstlichen Region in Indien.
Der kanadische Premierminister Justin Trudeau (links) und der Norweger Borge Brende
Jets von Besuchern vom WEF am Flughafen Zürich.
Giorgi Kvirikashvil, der georgische Premierminister am ersten Tag des WEFs.
Der indische Schauspieler Shah Rukh Khan während eines Gesprächs am WEF über die Veränderungen in Indien durch die Stärkung der Frauen.
Die australische Schauspielerin Cate Blanchett am ersten Tag des WEFs. Sie ist auch Aktivistin im Kampf gegen sexuelle Belästigung.
Bundespräsident Alain Berset (rechts) mit dem indischen Premierminister Narendra Modi.
Bundespräsident Alain Berset (rechts) mit dem indischen Premierminister Narendra Modi.
Alexander De Croo (l), stellvertretender Ministerpräsident von Belgien und Perus Premierministerin Mercedes Flores Araoz
Emmerson Mnangagwa, Präsident von Zimbawe
Perus Premierministerin Mercedes Flores Araoz
Polizeikräfte aus allen 26 Kantonen und dem Fürstentum Liechtenstein sowie knapp 4400 Armeeangehörige gewährleisten die Sicherheit der WEF-Teilnehmer in und um Davos.
Eindrücke vom WEF Davos.
Joao lourenco (l), Präsident von Angola und Paul Kagame, Präsident von Ruanda.
Paul Kagame, Präsident von Ruanda
Emmerson Mnangagwa, Präsident von Zimbawe
Der indische Premierminister Narendra Modi
Bundespräsident Berset am WEF in Davos: Er hoffe, dass 2018 das Jahr der internationalen Zusammenarbeit und des Multilateralismus wird.
Der britische Musiker Elten John erhält am Montag einen Crystal Award.
Während der Verleihung wechselt er die Brille.
Der Indische Schauspieler Shah Rukh Khan wird ebenfalls mit einem Crystal Award ausgezeichnet.
Sowie die australische Schauspielerin Cate Blanchett.
Der schweizerische Bundespräsident Alain Berset (rechts) und der indische Premierminister Narendra Modi vor dem Start des WEF.

Das WEF 2018: Eindrücke von Davos

KEYSTONE/GIAN EHRENZELLER