WEF 2018

«Medien müssen so unabhängig wie möglich sein»

US-Journalist Jarvis Jeff: «Es ist unvorstellbar, dass die Briten der BBC die Gebühren streichen.»

US-Journalist Jarvis Jeff: «Es ist unvorstellbar, dass die Briten der BBC die Gebühren streichen.»

Der US-Journalist und Internet-Philosoph Jeff Jarvis sorgt sich, dass mehr und mehr Menschen keine Medien konsumieren. Im Interview äussert er sich auch zur «No Billag»-Initiative.

Jeff Jarvis, was ist für Sie das wichtigste Thema am diesjährigen WEF?

Jeff Jarvis: Was mich besonders beschäftigt, ist der Vertrauensverlust, der verschiedene Bereiche der Gesellschaft erfasst: Das Vertrauen in die Regierungen und die Wirtschaftsführer hat gelitten – und nun auch jenes in die Medien. Man muss es zugeben: Wir stecken in grossen Problemen!

Ist der Vertrauensverlust wirklich neu?

Vor einem Jahr war er in den USA, in Grossbritannien und in Frankreich bereits ein grosses Thema, wegen der populistischen Welle. Jetzt schlägt der Vertrauensverlust auf weitere Gesellschaftsbereiche durch, insbesondere auf die Medien. Natürlich müssen wir von Land zu Land differenzieren. So wie ich die Schweiz wahrnehme, ist die Medienlandschaft hier vielfältig. In den USA haben bei den liberalen Medien – und ich zähle mich dazu – viele noch nicht realisiert, dass sich ein grosser Teil der Bevölkerung von ihnen abwendet.

Können die US-Medien die Glaubwürdigkeit zurückgewinnen?

Sehr schwierig. Etwa die Hälfte der Amerikaner konsumiert sogenannte Mainstream-Medien überhaupt nicht mehr. Sie haben jeglichen Kontakt dazu verloren.

Bewegen sich diese 50 Prozent in ihren eigenen Filterblasen und konsumieren nur Meinungen, die ihre eigenen sind?

Nicht unbedingt. Sie haben einfach andere Kanäle als TV, Online-Portale und Zeitungen. Wir in den Medien glauben immer noch, die Leute kämen automatisch zu uns. Das ist nicht mehr der Fall. Wir müssen mit unseren Informationen zu den Leuten.

In der Schweiz stimmen wir nächstens über eine Initiative ab, welche die Gebühren für das öffentlich-rechtliche Radio und Fernsehen abschaffen will. Was halten Sie davon?

Ob gebührenfinanzierter Journalismus Sinn macht, muss von Land zu Land unterschiedlich beurteilt werden. Grundsätzlich bin ich kritisch – denn je unabhängiger die Medien sind, umso besser. Wir sind diejenigen, die dem Staat auf die Finger schauen müssen. In einem kleinen, mehrsprachigen Staat wie der Schweiz können Gebühren vielleicht helfen, eine gewisse Qualität der journalistischen Leistungen sicherzustellen. In England macht die gebührenfinanzierte BBC einen hervorragenden Job …

… auch sie wird politisch attackiert.

Das stimmt. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass die Briten der BBC die Gebühren streichen würden. In den USA sind staatlich finanzierte Medien undenkbar. Das Land ist zu gross und mächtig – stellen Sie sich vor, Donald Trump könnte auf öffentlich-rechtliche TV- und Radiosender Einfluss nehmen. Das wäre schrecklich!

Das Hauptproblem von Zeitungen und Newsportalen ist, dass die Werbung zu Google und Facebook abfliesst. Werden die Leser eines Tages bereit sind, für regionale Medien im Internet zu bezahlen?

Ich bin skeptisch. Das Problem ist: Informationen sind zu einer «Commodity» geworden – zu einer Ware, die man nicht besitzen kann, sondern die sich sofort verflüchtigt. Bezahlschranken auf Newsportalen bringen nirgends wirklich grosse Einnahmen. Was nicht heisst, dass man es nicht versuchen soll. Verlage müssen heute auf alles gleichzeitig setzen: Abos, Werbung, Veranstaltungen und so weiter.

Regional-Journalismus im Internet lässt sich nicht nachhaltig durch digitale Abos finanzieren?

Es ist hart. Nur wenige Leser sind überhaupt für Online-Infos zu zahlen bereit – und wenn, dann zu tiefen Preisen. Der Schibsted-Verlag in Norwegen zeigt, mankann mit Paywalls bis zu einem gewissen Grad Geld verdienen. Auch das Experiment der «Washington Post» macht Mut. Aber die Liste der Erfolgsbeispiele ist kurz.

In Ihrem Bestseller fragen Sie: «What would Google do?». Was kann Google tun, damit die Medienvielfalt nicht stirbt?

Google hat angekündigt, bei Suchabfragen Treffer so aufzulisten, dass Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit der Quelle eine wichtigere Rolle spielen. Das hilft traditionellen Medien. Auch Facebook hat endlich realisiert, dass man bislang viel zu wenig auf diese Kriterien geachtet hat. Sogar Twitter hat reagiert. Das ist sehr wichtig.

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