Mobilmachung
Maurer gedenkt Kriegsbeginn

Verteidigungsminister Ueli Maurer nimmt in Full AG an einem Gedenkanlass zur Mobilmachung 1939 teil und hält eine «Festansprache». Steckt parteipolitisches Kalkül dahinter?

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Gedenken Rütli

Gedenken Rütli

Keystone

Gieri Cavelty

«Wir Historiker schreiben zu schlecht» Ueli Maurer hält eine «Festansprache» zur Mobilmachung, das Schweizer Fernsehen verklärt den Weltkrieg zum Alpenmythos. Was ist da schief gelaufen?Hans-Ulrich Jost: Die nationalkonservative Strömung hat seit den Neunzigerjahren an Bedeutung gewonnen. Vor diesem Hintergrund verspürte die gesamte Politik keine Lust mehr, sich mit solch schwierigen Fragen auseinanderzusetzen. Man wollte diese Strömung nicht provozieren. Ausserdem mochte man aus wirtschaftlichen Gründen das gute Bild der Schweiz im Ausland nicht ramponieren. Die ganze Arbeit der Bergier-Kommission war offenbar für die Katz.Jost: Ihre Ergebnisse werden in der Schweizer Öffentlichkeit tatsächlich totgeschwiegen. Von Fachhistorikern und im Ausland werden die Resultate allerdings rege benützt. Müssen sich die Schweizer Historiker nicht stärker dafür engagieren, dass die politische Geschichtsschreibung ihre Relevanz behält?Jost: Die Fachhistoriker müssen sich in der Tat Vorwürfe gefallen lassen. Sie rennen irgendwelchen Modethemen nach und beschäftigen sich nach meinem Empfinden zu stark mit Intimthemen wie Geschlecht, Gefühlen, Drogen oder Gesellschaft. Ein weiterer Schwachpunkt ist, und da würde ich mich selbst nicht ausnehmen: Wir Historiker schreiben zu schlecht und erreichen darum kein so breites Publikum. . . . und da springt dann das seichte Schweizer Fernsehen in die Bresche.Jost: Ja. Zugleich möchte ich allerdings auch betonen, dass sich die Verlage und die Presse dem nationalkonservativen Trend ebenfalls angepasst haben. Die Verlage publizieren lieber banale und schön geschriebene Geschichten, die sich gut verkaufen. Man pflegt heute wieder eine folkloristische Geschichtsschreibung, wie wir sie aus den Fünfzigerjahren kennen. (cav) Zur Person: Hans-Ulrich Jost war bis zur Emeritierung 2005 Geschichtsprofessor an der Uni Lausanne.

«Wir Historiker schreiben zu schlecht» Ueli Maurer hält eine «Festansprache» zur Mobilmachung, das Schweizer Fernsehen verklärt den Weltkrieg zum Alpenmythos. Was ist da schief gelaufen?Hans-Ulrich Jost: Die nationalkonservative Strömung hat seit den Neunzigerjahren an Bedeutung gewonnen. Vor diesem Hintergrund verspürte die gesamte Politik keine Lust mehr, sich mit solch schwierigen Fragen auseinanderzusetzen. Man wollte diese Strömung nicht provozieren. Ausserdem mochte man aus wirtschaftlichen Gründen das gute Bild der Schweiz im Ausland nicht ramponieren. Die ganze Arbeit der Bergier-Kommission war offenbar für die Katz.Jost: Ihre Ergebnisse werden in der Schweizer Öffentlichkeit tatsächlich totgeschwiegen. Von Fachhistorikern und im Ausland werden die Resultate allerdings rege benützt. Müssen sich die Schweizer Historiker nicht stärker dafür engagieren, dass die politische Geschichtsschreibung ihre Relevanz behält?Jost: Die Fachhistoriker müssen sich in der Tat Vorwürfe gefallen lassen. Sie rennen irgendwelchen Modethemen nach und beschäftigen sich nach meinem Empfinden zu stark mit Intimthemen wie Geschlecht, Gefühlen, Drogen oder Gesellschaft. Ein weiterer Schwachpunkt ist, und da würde ich mich selbst nicht ausnehmen: Wir Historiker schreiben zu schlecht und erreichen darum kein so breites Publikum. . . . und da springt dann das seichte Schweizer Fernsehen in die Bresche.Jost: Ja. Zugleich möchte ich allerdings auch betonen, dass sich die Verlage und die Presse dem nationalkonservativen Trend ebenfalls angepasst haben. Die Verlage publizieren lieber banale und schön geschriebene Geschichten, die sich gut verkaufen. Man pflegt heute wieder eine folkloristische Geschichtsschreibung, wie wir sie aus den Fünfzigerjahren kennen. (cav) Zur Person: Hans-Ulrich Jost war bis zur Emeritierung 2005 Geschichtsprofessor an der Uni Lausanne.

Aargauer Zeitung

CVP-Nationalrätin Kathy Riklin ist entsetzt: «Ueli Maurer würdigt als Festredner den Beginn des Zweiten Weltkrieges. Unerhört!» Auch andere Parlamentarier von links bis hin zur Mitte stossen sich an der gestrigen Meldung im «Tages-Anzeiger»: Demnach nimmt Maurer Anfang September auf Einladung der «Aktion Aktivdienst» an einem Gedenkanlass zur Mobilmachung vor 70 Jahren teil. Der Verteidigungsminister wird im Militärmuseum in Full AG die «Festansprache» halten. So jedenfalls steht es auf der Einladung.

Gegenüber der MZ hat sich Ernst Rebsamen als Sekretär «Aktion Aktivdienst» zwar korrigiert: «Mit dem Wort ́Festansprache ́ ist uns ein Lapsus unterlaufen.» Für FDP-Ständerätin Christine Egerszegi geht dies indes am Kern vorbei. Soeben habe sie in Deutschland eine Gedenkstätte für die Opfer des Holocaust besucht. «Dort habe ich das Grauen des Krieges so richtig gespürt», sagt Egerszegi. Vor diesem Hintergrund finde sie es seltsam, dass die Schweiz die Mobilmachung dermassen zelebriere. «Damit meine ich die TV-Serie über das Réduit ebenso wie Maurers Ansprache - unabhängig davon, ob das Referat als ́Festansprache ́ angekündigt wird oder nicht.»

«Maurers erster grosser Fehler»

Am schärfsten schiesst der grüne Nationalrat Josef Lang. Während Riklin, wie sie erklärt, «lieber davon ausgeht, dass Maurer seine Teilnahme aus Unbedarftheit zugesagt» habe, handelt der SVP-Magistrat für Lang als Parteipolitiker: «Maurer möchte sich bei der SVP-Basis profilieren. Das ist sein erster grosser Fehler als Regierungsmitglied.»

Klar ist, dass Maurer gegenüber der Geschichte der Dreissiger- und Vierzigerjahre in der Vergangenheit einen saloppen Umgang gepflegt hat. Als SVP-Präsident erklärte er, der berüchtigte J-Stempel, der im Dritten Reich auf Drängen der Schweiz den Juden in den Pass gedrückt wurde, sei «auch als Schutz für die Betroffenen» eingeführt worden. Klar ist vor allem jedoch: Die SVP hat den Mythos von der Armee als Retterin der Schweiz vor dem Nationalsozialismus in ihr Weltbild eingebaut. Die 1989 vom Bund ausgerichtete «Diamant-Feier» zum Gedenken an die Mobilmachung war noch von allen Bürgerlichen mitgetragen worden. Mit der Debatte über die nachrichtenlosen jüdischen Vermögen und der Arbeit der Historikerkommission «Schweiz - Zweiter Weltkrieg» unter Jean-François Bergier hat sich das helvetische Selbstbild indes verändert. CVP-Nationalrätin Ida Glanzmann sagt es vorsichtig: «Wir wissen heute zu viel über die Komplexität der Verhältnisse, um dem Bild der Armee als alleiniger Retterin des Landes anzuhängen.»

Die SVP ihrerseits nutzt aber gerade dieses Bild der unbezwungenen Schweiz, um ihr Konzept einer ausschliesslich auf die Landesverteidigung ausgerichteten Armee zu propagieren. Und in der «Aktion Aktivdienst», deren Leitspruch lautet: «Unsere Armee hat das Land vor Krieg bewahrt!», hat sie eine verlässliche Verbündete. 2002 haben die Veteranen das Referendum gegen die Armee XXI lanciert, die Kooperationen mit dem Ausland vorsieht. Umgekehrt ist der damalige Justizminister Christoph Blocher 2005 an einer Veranstaltung der Aktion aufgetreten - nachdem Verteidigungsminister Samuel Schmid abgesagt hatte.

Verständnis von Mitte-Rechts

Maurer liess der MZ gestern über einen Sprecher ausrichten: «Es geht nicht darum, den Kriegsbeginn zu feiern.» Vielmehr wolle der Verteidigungsminister jenen Leuten die Reverenz erweisen, die einen prägenden Teil ihres Lebens damit verbracht hätten, das Land zu verteidigen. Damit findet Maurer auch ausserhalb seiner Partei Verständnis. FDP-Nationalrat Walter Müller etwa sagt: «Niemand feiert den Kriegsausbruch. Es geht darum, die Standhaftigkeit der Schweiz zu würdigen.»

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