Schweiz

Maudet kritisiert neues Buch über ihn – bevor es erschienen ist

Ist über die bevorstehende Buch-Publikation nicht erfreut: Pierre Maudet. (KEYSTONE/Salvatore Di Nolfi)

Ist über die bevorstehende Buch-Publikation nicht erfreut: Pierre Maudet. (KEYSTONE/Salvatore Di Nolfi)

Eine Biographie aus verfeindeter Feder erzählt den Aufstieg und Fall des umstrittenen Genfer Politikers. Dieser ärgert sich - und findet dafür deutliche Worte.

Sein Aufstieg war rasant. Sein Fall – noch schneller. Der Genfer Staatsrat Pierre Maudet hat sich in den vergangenen Jahren ins politische Rampenlicht katapultiert. Der Vorsteher des kantonalen Wirtschafts- und Sicherheitsdepartements war die Stimme der Romandie, der Exekutivpolitiker, der charmant und gleichzeitig mit harter Hand führte. 2017 klopfte er als Aussenseiter gar an die Bundesratstür, verlor aber die Wahl. Kurz darauf folge das abrupte Ende seiner Ambitionen mit dem Bekanntwerden seiner luxuriösen Abu-Dhabi-Reise.

Der Fall Maudet ist einzigartig in der Schweizer Politik. Zu diesem Schluss ist auch Tamedia-Journalist und Romandie-Korrespondent Philippe Reichen gekommen, der mehrere Male mit neuen Aufdeckungen in der Affäre für Aufsehen sorgte. Er schreibt zurzeit an einem Buch, das Ende Jahr beim Stämpfli-Verlag auf Deutsch, sowie bei einem Westschweizer Verlag auf Französisch erscheint.

«Ich war schon in vielen Kantonen als Journalist tätig, aber eine derartige Politkrise, wie sie Maudet in Genf ausgelöst hat, habe ich noch nie erlebt, das war und ist einzigartig», sagt Reichen, der 2012 bereits eine autorisierte Biographie über Alt-Bundesrat Hans-Rudolf Merz veröffentlicht hat. Erst kürzlich weilte der 42-jährige Journalist in New York für eine Weiterbildung im Investigativ-Journalismus.

«Ich befürchte ein Feuerwerk an Thesen-Journalismus»

Pikant: Reichen hat mit seiner Berichterstattung den Zorn Maudets auf sich gezogen. Der Genfer hat noch immer eine Zivilklage gegen das «Tagi»-Verlagshaus Tamedia am Laufen. Er verlangt ein Recht auf Gegendarstellung zu Reichens Artikel. Gegenüber «CH Media» sagte Maudet im Zuge der Affäre: «Ich weiss nicht, was die Journalisten des ‹Tagi› rauchen. Aber jedenfalls etwas Starkes!».

Insofern überrascht es nicht, dass das Buch mit dem Titel «Pierre Maudet – sein Fall» vom Portraitierten nicht autorisiert ist. Reichen sagt, er habe Maudet über das Erscheinen des Buches informiert. Dieser streitet dies auf Anfrage jedoch ab: Ich hatte zu diesem Thema keinen Kontakt mit Herr Reichen. Da der Journalist dies nicht für nötig halte, befürchte er «ein Feuerwerk an Thesen-Journalismus anstatt einer seriösen, journalistisch ausgewogenen Analyse». Reichen entgegnet, Maudet sei sehr wohl über das Buchprojekt informiert: «Der Stämpfli-Verlag hat sich auf meinen Wunsch hin mit einem offenen, in freundlichem Ton geschriebenen Brief an Pierre Maudet gewandt, ihn über das Projekt informiert und ihm auch die Werbung für das Buch zugesandt.» Dieser habe daraufhin mit einem Anwaltsschreiben geantwortet.

Reichen beruft sich beim Schreiben auf die existierende Berichterstattung und weiterführende Recherchen: «Ich führe zahlreiche Gespräche mit Leuten aus seinem privaten und politischen Umfeld.» Manche liessen sich mit Namen zitieren, andere würden lieber anonym bleiben. Im Buch wolle er nicht nur den skandalträchtigen Absturz, sondern auch den kometenhaften Aufstieg des Jungpolitikers nachzeichnen, sagt Reichen. «Mir geht es um die Fragen: Wer ist eigentlich Pierre Maudet? Wie konnte er so populär werden? Und weshalb stolperte er über seinen eigenen Erfolg?» Beim Stämpfli-Verlag heisst es, das Buch solle ein vielschichtiges Portrait eines vielschichtigen Menschen sein. Es gehe nicht darum, jemanden schlecht zu machen.

Nie um einen flotten Spruch verlegen

Maudet sei stets bedacht gewesen, dass seine Arbeit in der Öffentlichkeit beachtet wurde, sagt Reichen. «Er hat es von Anfang an verstanden, im zerstrittenen Genfer Politmilieu dominant aufzutreten und gleichzeitig wie kein anderer einen Konsens zwischen Rechten und Linken herzustellen.»

Nicht nur politisch, auch kommunikativ sei er ein Ausnahmetalent gewesen: «Er war stets für die Journalisten erreichbar und nie um einen flotten Spruch verlegen.» So bezeichnete Maudet die Schweiz in Sachen Terrorbekämpfung als «taub und blind». TV-Talker Roger Schawinski nannte den vifen Politiker mit dem spitzbübischen, einvernehmenden Lachen ein «Wunderkind». Als «Macron der Schweiz» wurde er von einem Medium betitelt. Beim Besuch von Papst Benedikt vergangenen Sommer in Genf, brach Maudet mit dem offiziellen Protokoll und überreichte dem Pontifex medienwirksam ein Präsent, so dass ihm die Aufmerksamkeit sicher war. Und bis Januar hatte Maudet gar eine eigene Kolumne beim «Blick»– als «Stimme aus Genf». «Er war der Liebling der Medien», sagt Reichen. Diese hätten bei seinem Aufstieg tatkräftig mitgeholfen.

Maudet ist französisch-schweizerischer Doppelbürger. Geboren 1978 in Genf, absolvierte er die Matura mit Latein und Griechisch als Hauptfach. Für sein Jurastudium auf Deutsch und Französisch ging er nach Fribourg, wo er den Master-Titel erlangte. Später arbeitete als Berater in einem Kommunikationsbüro und war Hauptmann im Militär. Die Politik tat es ihm früh an: Anfang der 90er-Jahre gründete er das Jugendparlament der Stadt Genf. 1999 schaffte er die Wahl ins «echte» Stadtparlament. Von 2003 bis 2005 stand er den Stadtgenfer Freisinnigen vor, der «Parti radical», später auch der kantonalen Partei.

Ist ein Comeback realistisch?

Nach und nach stieg Maudet auf der Karriereleiter weiter nach oben. 2007 dann, als 29-Jähriger, die Wahl in die Exekutive der Stadt, des Conseiller administratif, wo er das Umwelt- und Sicherheitsdepartement übernahm und mit seinen Entscheiden in der Bevölkerung punktete: Er erhöhte die Anzahl Polizisten und verpasste der Stadt ein Wifi-Netz. 2011 wurde er Stadtpräsident und 2012 dann die vorläufige Krönung: Die Wahl in den Genfer Staatsrat als Vorsteher des Sicherheitsdepartements und später auch des Wirtschaftsdepartements. Inzwischen wurde auch die Deutschschweiz auf den vifen Genfer aufmerksam. Als er es 2017 wagte als Aussenseiter ins Bundesratsrennen einzusteigen, war ihm das Interesse der Medien gewiss. Dennoch unterlag der Newcomer dem Parlaments-Insider Ignazio Cassis mit 90 zu 125 Stimmen.

Der eigentliche Rückschlag sollte aber erst noch folgen: 2018 gab die Genfer Staatsanwaltschaft bekannt, gegen Maudet wegen Vorteilsnahme im Zusammenhang mit einer Reise nach Abu Dhabi zu ermitteln und forderte die Aufhebung seiner Immunität. Maudet, der die Einladung an ein Formel-1-Rennen mit seiner Familie angenommen hatte, verhedderte sich in Widersprüche und gab verspätet zu, «einen Teil der Wahrheit verheimlicht» zu haben. Diverse Aufgaben wurden ihm entzogen, auch Lieblingsthemen wie die Sicherheitspolitik, und er musste auf das Regierungspräsidium verzichten. Geblieben sind ihm die Wirtschaftsförderung und der Support der städtischen FDP, während die nationale und kantonale Partei mit ihm gebrochen haben. Partei-Präsidentin Petra Gössi kanzelte die städtische Rückendeckung als «typische Genferei» ab. An einen Rücktritt denkt Maudet aber nach wie vor nicht – mit dem Verweis, er habe zwar Fehler begangen, aber keine strafbaren Handlungen.

Traut Buchautor Reichen Maudet irgendwann gar ein Comeback auf nationaler Bühne zu? «Schwierig zu sagen. Wenn die Justiz das Verfahren einstellen würde oder ihn nur milde bestrafen würde, besteht möglicherweise die Chance auf eine Rehabilitation.» Diese Chance sei zwar gering angesichts des grossen Reputationsschadens, sagt der Tagi-Journalist. Aber: «Wenn es jemand schaffen sollte, dann Maudet.»

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