Die Artenvielfalt in der Schweiz hat in den letzten 100 Jahren stark abgenommen. Symbol für diesen Niedergang ist der Feldhase. Das einst häufige Tier ist heute trotz seiner sprichwörtlichen Fruchtbarkeit recht selten geworden. Sein Bestand ist in den letzten 25 Jahren um rund ein Drittel zurückgegangen. In den meisten Kantonen verzichten die Jäger aus diesem Grund freiwillig auf den Abschuss. Auch andere Tier- und Pflanzenarten sind rar, etwa das Braunkehlchen und zum Teil sogar der Igel, wie die Naturschutzorganisation Pro Natura Ende Mai schrieb.

Die Ursachen für diese Entwicklung sind mannigfaltig, erläutert Urs Tester, Abteilungsleiter für Biotope und Arten bei Pro Natura. «Der Hauptgrund ist der Verlust von natürlichen Lebensräumen», sagt er. Die Bauern nutzen das ihnen verbleibende Land intensiver, Trockenwiesen und andere extensiv genutzte Flächen verschwänden zunehmend. Auch die Pestizide, die sie versprühen, setzen vielen Arten zu. Zudem steigt die Fläche des Siedlungsgebiets ständig weiter an: In der Schweiz werden pro Sekunde 0,9 Quadratmeter Boden versiegelt.

Vor 25 Jahren haben die Schweiz und zahlreiche andere Staaten in Nairobi eine Konvention zum Schutz der Biodiversität verabschiedet. Unter diesem Begriff versteht man neben der Vielfalt an Pflanzen und Tieren auch die Lebensräume. Ziel war es unter anderem, den Rückgang zu stoppen.

Der Bund ist zwar bemüht und hat zunächst eine Strategie und 2017 einen Aktionsplan für die Biodiversität verabschiedet. Das Bundesamt für Umwelt räumt auf seiner Website aber ebenfalls ein, dass die Lage diesbezüglich «unbefriedigend» sei.

Nur wenig Land unter Schutz

Die Umweltorganisationen stören sich etwa daran, dass in der Schweiz nur ein relativ geringer Landanteil unter Schutz steht, wie etwa der Nationalpark im Engadin und alle Naturschutzgebiete. Laut Tester ist es rund 9 Prozent der Landfläche. Gemäss einem Ziel, das die Unterzeichnerstaaten der Konvention bis in zwei Jahren erfüllen möchten, sollten es 17 Prozent sein. Kürzlich hätte es eine Chance gegeben, den Anteil mit der Schaffung eines neuen Nationalparks ums Onsernonetal (TI) zu vergrössern. Sechs der acht beteiligten Gemeinden lehnten das Projekt in einer Volksabstimmung im Juni aber ab, obschon es Fördermittel durch den Bund gegeben hätte. Zwei Jahre zuvor war schon die Schaffung des Parks Adula ums Rheinwaldhorn am Votum der betroffenen Gemeinden gescheitert.

Die Schaffung eines zweiten Nationalparks in der Schweiz war ein Kernanliegen von Pro Natura. Wie erklärt sich Tester diese Schlappe? «Laut einer Umfrage, die wir vor ein paar Jahren machten, sind 80 Prozent der Bevölkerung der Meinung, der Natur gehe es gut bis sehr gut.» Diese Auffassung stimme aber nicht. Die Mehrheit der Bevölkerung sei sich der Dringlichkeit konkreter Massnahmen zum Naturschutz wohl zu wenig bewusst.

Es gibt aber dennoch hoffnungsvolle Entwicklungen. International gut da steht die Schweiz etwa beim Wald, wie Tester einräumt. «Wälder werden bei uns nicht gedüngt, es gibt keinen Einsatz von Pestiziden und von Kalk (gegen Übersäuerung der Böden)», sagt der gelernte Biologe, der bereits seit über 25 Jahren für die Naturschutzorganisation tätig ist. In skandinavischen Ländern sei dies zum Teil anders, da würden Wälder industriell bewirtschaftet und alle 50 Jahre kahl geschlagen. Die Waldbewirtschaftung in der Schweiz sei dagegen sehr naturnah, dies wirke sich auch positiv aus auf die dort lebenden Pflanzen und Tiere.

«Hopp Hase»

Auch für den Hasen gäbe es Hilfe. Im Kanton Baselland haben die lokale Sektion von Pro Natura mit Jagd-Baselland und dem lokalen Natur- und Vogelschutzverband von 2007 bis 2016 das Artenschutzprojekt «Hopp Hase» durchgeführt. Es ging darum, zusammen mit Landwirten zu erproben, wie Meister Lampe wieder auf die Sprünge kommt.

Folgendes könnte ihm helfen, wie die Feldexperimente gezeigt haben: Einerseits breite, im Ackerland liegende Brachen und anderseits dünner als üblich eingesätes Wintergetreide. Beide Methoden dienen dazu, dass die Junghasen besser geschützt sind vor Fressfeinden. «Das Projekt hat sehr erfolgreich funktioniert, und wir haben viel gelernt über den Hasen», sagt Tester. Die Naturorganisation drängt nun darauf, dass das dünnere Einsäen von Getreide im Rahmen der Biodiversitätsförderung in der Landwirtschaft durch den Bund und die Kantone finanziell abgegolten wird, wie dies bereits für Magerwiesen, Hecken und Buntbrachen der Fall ist.