Coronavirus

Massenhaft Masken: In der Schweiz werden täglich bis zu 3,5 Millionen von ihnen verbraucht

Seit dem 6. Juli müssen alle ÖV-Passagiere in der Schweiz Masken tragen.

Seit dem 6. Juli müssen alle ÖV-Passagiere in der Schweiz Masken tragen.

Verschiedene Firmen sind in die Produktion eingestiegen. Sie wittern das grosse Geschäft. Doch lohnt sich das?

Lange Zeit zögerte der Bundesrat, doch dann machte er auch die Schweiz zu einem Maskenland. Seit Montag müssen Mund und Nase im Zug, im Bus, im Tram, ja auch in der Seilbahn bedeckt sein. Für Alexander Pieper war der Bundesratsentscheid ein wichtiger Schritt. Einer, der Einfluss auf sein Geschäft hat. Der Chef des Schweizer Werkzeugherstellers Kraftwerk bringt nicht nur Hämmer, Schraubenzieher und Bohrmaschinen unter die Leute. Seit kurzem betätigt er sich auch als Maskenverkäufer.

Denn mit der Einführung der Maskenpflicht im ÖV steigt die Nachfrage in der Schweiz markant. Allein im Gesundheitswesen werden laut Bundesamt für Gesundheit BAG pro Tag etwa 1,5 bis 2 Millionen Masken gebraucht. Die Beschaffung von Masken und anderem Schutzmaterial sei nach wie vor eine Herausforderung, sagt denn auch Anne-Geneviève Bütikofer, Direktorin des Spitalverbands H+. «Das Schutzmaterial wird schnell verbraucht, es gibt global eine zunehmende Nachfrage bei steigenden Ansteckungszahlen.»

Hinzu kommen nun die ÖV-Passagiere, die sich eine Maske überziehen müssen. Das BAG schätzt, dass pro Tag 2,5 bis 3,5 Millionen Masken verwendet werden. Hochgerechnet auf einen Monat ergibt das eine Summe von bis zu 105 Millionen Masken. Für Firmen öffnet sich ein neues Geschäftsfeld.

Kooperation von Startup und Werkzeughersteller

Mit dieser Perspektive stieg die Firma Kraftwerk im Frühling mit einer eigenen Stoffmaske in den Markt ein. «Ich hatte früh das Gefühl, dass uns das Thema Masken noch eine Weile begleiten wird», erklärt Alexander Pieper die Beweggründe, als wir ihn am Firmensitz in Mönchaltorf ZH treffen. Der 37-Jährige hat den Riecher fürs Geschäft von seinem Vater Michael Pieper geerbt. Der bekannte Unternehmer ist Inhaber der Artemis Gruppe. Diese hält Anteile unter anderem an Novamem, einem Startup aus Schlieren, das auf Wasser- und Gasfiltration spezialisiert ist. Mitte März klingelte Alexander Pieper bei Novamem-Chef Christoph Kellenberger durch, gemeinsam begannen die beiden Firmen mit der Arbeit. Kraftwerk stellte das Vertriebsnetz, Novamem die Technologie zur Verfügung. Wenige Wochen später war das Produkt fertig.

Alexander Pieper, CEO von Kraftwerk (rechts), und Christoph Kellenberger, CEO Novamem, produzieren gemeinsam Atemschutzmasken mit austauschbarem Ersatzfilter. Hier mit...

Alexander Pieper, CEO von Kraftwerk (rechts), und Christoph Kellenberger, CEO Novamem, produzieren gemeinsam Atemschutzmasken mit austauschbarem Ersatzfilter. Hier mit...

...und ohne Masken.

...und ohne Masken.

Auf der Innenseite ist eine Öffnung eingenäht, in der eine feinporige Filtermembran reingesteckt wird. «Die Membran ist das Herzstück der Maske», sagt Christoph Kellenberger. Man könnte auch sagen: Ohne sie hat die Maske keine Wirkung. Der Filter fängt Schadstoffe, Bakterien und Viren auf. Laut Firmenversprechen hält er über 95 Prozent der Partikel zurück. Das akkreditierte Prüflabor SQTS hat das in einem Labortest bestätigt.

Kraftwerk ist nicht das einzige Unternehmen, das in die Maskenproduktion eingestiegen ist. Auch Flawa will sich ein Stück des Kuchens abschneiden. Die Ostschweizer Firma hat die Maskenproduktion mit zwei Maschinen begonnen, die vom Bund und dem Kanton Zürich beschafft worden sind. Täglich will Flawa so bis zu 100'000 Masken herstellen. Diese sollen an die Kantone und Akteure im Gesundheitswesen verkauft werden. Vergangene Woche gab es jedoch einen herben Rückschlag: Die deutsche Zertifizierungsstelle TüV Nord wies die Maske wegen Mängeln zurück. Nun verzögert sich der Start um mehrere Wochen.

Die Discounter kommen bereits mit Kampfpreisen

Besser läuft es der Aargauer Firma Wernli mit Sitz in Rothrist, deren Kerngeschäft die Produktion von Verbandsmaterial ist. Aber auch Wernli kämpft noch mit gewissen Tücken bei der Maskenherstellung. «Die Produktion läuft recht stabil wenn auch nicht auf dem ursprünglich geplanten Niveau. Der Unterhalt der Maschinen beschäftigt uns recht stark», sagt Felix Schönle, Chef von Wernli.

Pro Tag produziert seine Firma rund 250'000 Masken. Abnehmer sind in erster Linie Spitäler, Kantone sowie Händler, die an Pflegeheime, Apotheken und Ärzte liefern. «Die Nachfrage nach Masken aus Schweizer Produktion ist immer noch sehr gut», sagt Schönle. Auch die Preise seien stabil. Er müsse das Preisniveau halten können, sonst lohne es sich nicht mehr. Nach oben sieht er wenig Luft. Importierte Masken aus China dominieren mit einem Anteil von 70 Prozent den Markt..

In der Coronakrise sind die Preise in die Höhe geschossen, da die Nachfrage weltweit stieg. Zum Vergleich: In Zeiten der Schweinegrippe 2009 kostete ein 50er-Pack Einwegmasken gemäss der SRF-Radiosendung «Espresso» im Coop 4.90 Franken. Aktuell verkaufen Migros und Coop Masken im 50-er-Pack zum Preis von 34.90 Franken – also sieben Mal teurer. «Dieser Betrag entspricht dem Selbstkostenpreis», sagt ein Migros-Sprecher. Die Masken dürften in der Tendenz nun aber eher günstiger werden, wenn mehr Produkte auf den Markt kommen. Der Preiskampf ist bereits lanciert: Die Discounter Lidl und Aldi haben den Preis für die 50er-Packungen auf 19.90 Franken gesenkt.

Wegen der Maskenpflicht im ÖV gingen die Masken quasi wie «warme Weggli» über den Ladentisch. Die Nachfrage sei «sprunghaft» angestiegen, heisst es bei Migros und Coop. Genaue Zahlen nennen sie nicht. Engpässe seien dennoch nicht zu erwarten, heisst es. Migros habe im Lager noch «Bestände im sechsstelligen Bereich» an 50er-Packungen, sagt ein Sprecher. Einzig bei den Stoffmasken sei mit längeren Wartezeiten zu rechnen. In der Migros seien diese zurzeit ausverkauft.

Eine Atemschutzmaske von Kraftwerk mit austauschbarem Ersatzfilter.

Eine Atemschutzmaske von Kraftwerk mit austauschbarem Ersatzfilter.

Auf Stoffmasken setzt Kraftwerk. Die Zürcher Firma wollte nicht einen herkömmlichen Mund-Nasen-Schutz herstellen, wie es Flawa oder Wernli tun. Eine solche Hygienemaske sollte nach den Richtlinien des BAG alle paar Stunden gewechselt werden. Das produziert Abfall – viel Abfall. «Wir wollten etwas, das nachhaltiger ist», sagt Alexander Pieper. Statt auf Einweg setzten sie auf Mehrweg. Die Maske ist waschbar, Kraftwerk empfiehlt, sie täglich bei 60 Grad in die Waschmaschine zu werfen. Das hört sich aufwendig an, Pieper aber findet, das sei Gewohnheitssache. Ganz ohne Abfall geht es jedoch auch bei der Membranmaske nicht, der Filter täglich ausgetauscht werden muss.

Die Swiss setzt auf Stoffmasken

Pro Woche produziert Kraftwerk 5000 Stück ihrer Textilmasken. Verkauft wird ein Exemplar für 45 Franken, 15 Membranfilter sind inbegriffen. Ein Set Ersatzfilter ist für 34.90 Franken zu haben. Das sind stattliche Preise, doch Pieper glaubt, dass die Kunden bereit sind, dafür zu zahlen.

Die Fluggesellschaft Swiss zum Beispiel setzt bereits auf ökologischere Textilmasken. Seit dieser Woche stattet sie ihre Crews mit Stoffmasken aus. Ziel sei ein einheitliches Erscheinungsbild, der Entscheid habe aber auch mit Nachhaltigkeit zu tun, sagt ein Sprecher. Jedes Besatzungsmitglied kann kostenlos sechs Masken beziehen. Waschen müssen sie die Swiss-Angestellten selber.

Kraftwerk wirbt mit dem Label Swissness und mit einsehbaren Prüf- und Testberichten, die Maske soll laut Pieper Vertrauen und Nähe schaffen und nebenbei auch als Lifestyleprodukt bestehen. Offiziell zertifiziert hat Kraftwerk ihr Produkt nicht. Ein Zertifikat ausstellen zu lassen, sei ein langwieriger Prozess und zurzeit in der Schweiz gar nicht möglich, meint Kellenberger.

Möglich ist eine Zertifizierung bei der deutschen Zertifizierungsstelle TÜV Nord. Dort treffen nach wie vor «sehr viele» Aufträge zur Prüfung von Atemschutzmasken ein. «Seit April haben wir monatlich mehrere hundert verschiedene Masken geprüft», sagt eine Sprecherin. Wie viele davon in der Schweiz hergestellt wurden, lasse sich nicht beziffern. Die fehlende Zertifizierung ist für Kraftwerk offenbar kein kommerzieller Nachteil: Der neuste Kundenwunsch sind eingestickte Initialen. Pieper sagt:

Meistgesehen

Artboard 1