Coronakrise

Maskentragen bleibt freiwillig – warum gibt es noch kein Obligatorium?

In einer Metzgerei werden gratis Schutzmasken verteilt. Die Gemeinde Mesocco verteilt gratis Schutzmasken an Läden und Bevölkerung.

In einer Metzgerei werden gratis Schutzmasken verteilt. Die Gemeinde Mesocco verteilt gratis Schutzmasken an Läden und Bevölkerung.

Der Bundesrat empfiehlt Gesichtsmasken in voll besetzten Zügen, verzichtet aber auf ein Obligatorium wie andere Länder. Weshalb?

Bis auf den letzten Platz besetzte Züge, Trams und Busse sind seit Mitte März selten geworden. Mit der Lockerung der Massnahmen gegen die Verbreitung des neuen Coronavirus dürfte das Gedränge in den öffentlichen Verkehrsmitteln wieder zunehmen. Und damit auch das Ansteckungsrisiko.

Zu Stosszeiten legt der Bundesrat Pendlerinnen und Pendlern deshalb das Tragen von einfachen Hygienemasken nahe. Das geht aus einem neuen Frage-Antwort-Katalog des Bundesamtes für Gesundheit hervor. Das Bundesamt für Verkehr erarbeitet zurzeit eine detaillierte Regelung.

Eine allgemeine Maskentragpflicht in der Öffentlichkeit lehnt der Bundesrat weiterhin ab, wie Gesundheitsminister Alain Berset am Mittwoch vor den Medien sagte. Die Schweiz geht damit weniger weit als beispielsweise die 16 deutschen Bundesländer, die Gesichtsmasken in Supermärkten und im öffentlichen Verkehr grösstenteils für obligatorisch erklärt haben.

Maskentragen nur in bestimmten Situationen

Die Haltung der Landesregierung in der Maskenfrage bleibt ambivalent. Zwar kündigt der Bundesrat an, die Armeeapotheke werde ab kommender Woche während 14 Tagen rund eine Million Masken «an führende Detailhändler» liefern ‑ täglich und zum Einkaufspreis. Damit soll die Versorgung der Schweizer Bevölkerung unterstützt werden.

Aber er betont weiterhin, dass die Masken vor allem andere Personen, den Träger selbst aber «nur in geringem Mass» vor einer Ansteckung mit dem neuen Coronavirus schützten. Der Einsatz der Hygienemasken sei beispielsweise in Situationen angebracht, in denen die Zwei-Meter-Abstandsregel nicht eingehalten werden könne und ergänze die bestehenden Hygiene- und Distanzregeln, ersetze diese aber keineswegs. Im Hinblick auf die Wiedereröffnung einzelner Branchen am 27. April überlässt es der Bundesrat bewusst den Verbänden und Betrieben – zum Beispiel den Coiffeuren – in ihren Räumlichkeiten Maskentragobligatorien einzuführen.

Im Gegensatz zu den amerikanischen Gesundheitsbehörden hält die offizielle Schweiz auch nichts davon, dass sich die Menschen eigenhändig Gesichtsmasken basteln. Selbstgenähte Masken würden keinen Schutz vor einer Infektion bieten und könnten das Ansteckungsrisiko sogar erhöhen, hält der Bundesrat fest. Die gegen eine Ansteckung mit dem neuen Coronavirus tatsächlich wirksamen FFP2-Atemschutzmasken (siehe Kasten oben) wiederum sollen weiter dem medizinischen Personal vorbehalten bleiben.

Die Nachfrage nach Masken übersteigt das Angebot

Es gibt wissenschaftliche und praktische Gründe, weshalb der Bundesrat vor einer allgemeinen Maskentragpflicht zurückschreckt. So sind qualitativ hochwertige Hygienemasken auf dem Weltmarkt zurzeit nur schwer in der nötigen Stückzahl erhältlich, weshalb laut Verteidigungsministerin Viola Amherd vermehrt Staaten als Käufer in Erscheinung treten.

Im Fall der Schweiz bemüht sich die Armeeapotheke um den Kauf von Hunderten Millionen Hygienemasken. In den Lagern des Bundes befanden sich am Mittwoch allerdings nur gerade 18 Millionen Hygienemasken. Das entspricht einem Bruchteil der tatsächlich benötigten Menge.

Zur Versorgung des Gesundheitswesens mit FFP2-Masken haben der Bund und der Kanton Zürich inzwischen zwei Produktionsmaschinen gekauft, die am Mittwochabend aus Schanghai eingetroffen sind.

Widersprüchliche wissenschaftliche Evidenz

Wissenschaftlich stützt der Bundesrat seinen im globalen Vergleich zurückhaltenden Kurs auf die Empfehlungen des Europäischen Zentrums für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten: Dessen Spezialisten beschreiben die empirische Evidenz für den Nutzen von Hygienemasken zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie in einem technischen Bericht als dünn bis «widersprüchlich».

Alle bisher durchgeführten Studien hätten lediglich die Wirksamkeit von Masken gegen die Ansteckung mit grippeähnlichen Viren untersucht, nicht aber mit dem neuen Coronavirus. Im besten Fall könnten die Masken den Ausstoss von Atemtröpfchen bei infizierten Personen reduzieren, im schlechtesten Fall den Trägern aber ein falsches Sicherheitsgefühl vermitteln und sie dazu verleiten, die viel wichtigeren Distanz- und Hygieneregeln weniger genau zu befolgen.

Die Experten schliessen eine positive Wirkung von Hygienemasken zur Eindämmung der Pandemie aber nicht grundsätzlich aus. Mögliche Einsatzorte seien stark frequentierte, geschlossene Räumlichkeiten wie Supermärkte und Shoppingcenter, der öffentliche Verkehr sowie Berufe, bei denen sich die Menschen zwangsläufig nahe kommen, zum Beispiel bei PolizistInnen oder Kassierern.

Daraus lässt sich ableiten, dass eine Maskentragpflicht auch in der Schweiz nicht vom Tisch ist. Doch dafür müssten zuerst genügend Masken vorhanden sein.

Meistgesehen

Artboard 1