Rückblick

Masken als Mangelware: Krisenmanager Alain Berset räumt Fehler ein

Bei der Beschaffung von Schutzmaterialen hätten nicht alle ihren Job gemacht, sagt Bundesrat Alain Berset.

Bei der Beschaffung von Schutzmaterialen hätten nicht alle ihren Job gemacht, sagt Bundesrat Alain Berset.

Bei der Beschaffung von Medikamenten, Masken und Beatmungsgeräten hätten nicht alle ihren Job gemacht, sagt Bundesrat Alain Berset. Das habe er mitten in der Krise festgestellt. «Das hätten wir früher realisieren müssen.»

Am 25. Februar vermeldete die Schweiz ihren ersten Corona-Fall. Ein 70jähriger Tessiner hatte sich in Mailand angesteckt. An diesem Tag weilte Bundesrat Alain Berset in Rom an einem Treffen mit den Gesundheitsministern von Italiens Nachbarländern. Rom wurde zu seinem Erweckungserlebnis. Er realisierte: Italien hat die Lage nicht mehr im Griff. Er entschied auf dem Rückflug, in den Krisenmodus zu wechseln.

Nach vier Monaten Coronakrise zieht er in der «Schweiz am Wochenende» Bilanz. «Der Druck war sehr hoch», gesteht er. «Man weiss nie im Voraus, ob man als Bundesrat eine solche Ausnahmesituation durchstehen kann.» Die Antwort erhalte man erst, wenn man mit dem Druck und der Ungewissheit umgehen müsse. «Ich bin sehr froh darüber, dass mir dies bisher gelang.»

«Die Krise zeigt: Wir können das»

Berset lobt die Regierung als Gesamtes. «Der Bundesrat ist als Gremium widerstandsfähig», sagt er. Trotz hohem Druck sei die Regierung immer beschlussfähig und entscheidungsreif geblieben. Bersets Folgerung: «Die Krise zeigte: Wir können das.» Der Gesundheitsminister würdigt insbesondere die Arbeit von Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga. Sie habe die Sitzungen «sehr gut organisiert, strukturiert und moderiert».

«Grossartige Leistungen» habe auch die Bundesverwaltung abgeliefert und zwar über alle Departemente hinweg, betont Berset. «Sie hat kreative, schnelle Lösungen erarbeitet, sich vernetzt.»

Beschaffung von Schutzmaterialien funktionierte nicht

Der Gesundheitsminister bringt auch eine selbstkritische Note ins Spiel. Er gesteht ein, die Beschaffung von Schutzmaterialien habe im Vorfeld der Krise nicht funktioniert. Sie sei eigentlich keine Sache des Bundes, denn dafür gebe es keine gesetzliche Grundlage. Der Pandemieplan zeige im Detail auf, wer was beschaffen solle.

«Ich ging immer davon aus, dass sich jeder Akteur vorbereitet und seinen Job macht», sagt Berset. Dann habe er aber feststellen müssen: «Dem ist nicht so. Das hätten wir früher realisieren sollen.» Berset weiter: «Man darf aber nicht vergessen: «Hätte jemand vor einem Jahr 300 Millionen Masken gekauft, hätte man ihn für verrückt erklärt.»

Der Bundesrat definierte dann am 20. März mit der Armeeapotheke eine zentrale Beschaffungsstelle. «In der Phase der Schliessungen und von Homeoffice brauchte es weniger Masken», sagt Berset. «Uns war aber immer klar, dass Masken nötig werden, sobald wir lockern.»

Armeeapotheke kaufte 306 Millionen Masken

Die Armeeapotheke kaufte seit Ende März bis Mitte Juni 306 Millionen Schutzmasken.

Die Armeeapotheke kaufte seit Ende März bis Mitte Juni 306 Millionen Schutzmasken.

Die Armeeapotheke kaufte in der Zwischenzeit bis Mitte Juni rund 306 Millionen Hygiene-Masken. Davon wurden 22 Millionen zum Selbstkostenpreis an die Kantone und 18 Millionen an den Detailhandel abgegeben. An Lager habe der Bund und die Kantone noch über 200 Millionen Masken, sagt Lorenz Frischknecht, Sprecher des Verteidigungsdepartements (VBS).

Die übrigen bestellten Masken seien derzeit in Produktion und Auslieferung. Frischknecht: «Wir betreiben ein Lager in Shanghai und transportieren die Waren gestaffelt.»

Auf die Frage, ob der Bundesrat die Grenzen vor allem zu Italien früher hätte schliessen sollen, sagt Bundesrat Berset: «Wir haben uns mehrfach gewundert und das festgehalten, dass die WHO so lange keinerlei Restriktionen für den Personenverkehr empfahl.» Dieses Signal hätten alle Staaten empfingen. Daraufhin sei es aber überall im Schengen-Raum in wenigen Tagen recht koordiniert zu Grenzkontrollen gekommen.

Bersets Antwort: «Schwer zu sagen»

«Schwer zu sagen», antwortet Berset auf die Frage, ob er generell zu spät reagiert habe. Epidemiologe Christian Althaus etwa hatte schon im Februar gewarnt, die Pandemie könne in der Schweiz bis zu 30'000 Tote verursachen. Berset kontert mit einer Gegenfrage: «Hätte die Bevölkerung solch einschneidende Massnahmen schon viel früher mitgetragen?»

Seine Antwort: «Ich bezweifle es.» Hätte der Bundesrat allerdings noch länger zugewartet, «hätte das verheerende Folgen» gehabt, sagt auch er. Für Berset ist klar, «dass die Politik das gesellschaftliche Ganze im Auge behalten muss». Sie bewege sich damit «unweigerlich in einem Spannungsfeld zwischen Experten und Entscheidungsträgern».

Der Lockdown «als das normalste der Welt»

Experten und Weggefährten loben und kritisieren Bundesrat Berset in der «Schweiz am Wochenende». Kommunikationsberater Victor Schmid sagt, Berset habe die Schweizer Bevölkerung in den Lockdown geschickt, «als sei es das normalste der Welt». Das könne nur einer, «der an den Staat glaubt». Der Verwaltungsratspräsident der Agentur Hirzel.Neef.Schmid.Konsulenten gibt demnächst ein Buch heraus zur Kommunikation in der Zeit nach Corona: «Klartext. Schönreden geht gar nicht mehr».

Berset habe, mit Daniel Koch, dem ehemaligen Leiter der Abteilung Übertragbare Krankheiten, zu Beginn kommunikativ «alles richtig» gemacht, sagt Schmid. «Klare Ansage, einfache, nachvollziehbare Botschaften, Kommunikation nicht abbrechen lassen – und die Bildsprache hervorragend eingesetzt.» Das sei Krisenkommunikation wie aus dem Lehrbuch.

Mit den Lockerungen sei die Kommunikation aber immer weniger nachvollziehbar geworden. «Kaviar und Zahnpasta im Laden erlaubt», sagt Schmid, «der Lippenstift in der abgesperrten Zone in Griffweite aber nicht.» Mit den Lockerungsschritten habe eine «Phase der Ungleichbehandlung und Inkonsequenz» eingesetzt, kritisiert auch Gastrosuisse-Präsident Casimir Platzer.

«Ich werde im ÖV eine Maske tragen»

Die Lockerungen der letzten Wochen seien sehr schnell gekommen und zu wenig begleitet gewesen, findet Tanja Stadler, ETH-Professorin für Biosysteme. Da es in den letzten Tagen einen leichten Anstieg der Fallzahlen gegeben habe, «müssen wir sehr vorsichtig sein, um ein Wiederaufflammen der Epidemie zu vermeiden», sagt sie. «Ich werde im vollen ÖV eine Maske tragen – eine extrem sinnvolle Empfehlung!»

Der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn (links) mit Bundesrat Alain Berset in Genf.

Der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn (links) mit Bundesrat Alain Berset in Genf.

Jens Spahn, der deutsche Gesundheitsminister, hat einen guten Draht zu Alain Berset. «Ein Virus kennt keine Grenzen», sagt Spahn. Dieser Ansatz treibe ihn genauso um wie Berset, wenn sie sich in Genf träfen, am Sitz der WHO. «Es braucht eine starke internationale Gesundheitsorganisation, die über Landesgrenzen hinweg wirkt. Um Krisen früh zu erkennen und dann rechtzeitig eingreifen zu können», sagt Spahn - und betont: «Ich bin froh, Alain Berset auch bei diesem Ziel als Mitstreiter zu haben.»

Autor

Othmar von Matt

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