Das Restaurant, wo wir uns mit GLP-Präsident Martin Bäumle verabredet haben, ist geschlossen. Umbau. Wir rufen ihn an, haben aber wenig Hoffnung, dass er abnimmt - schliesslich will Bäumle das Leben ruhiger angehen. Doch er nimmt ab, braust wenig später mit seinem E-Bike zum neuen Treffpunkt und wirkt auch im Interview nicht wie jemand, der Mitte März einen Herzinfarkt erlitten hat.

Herr Bäumle, hätten Sie auch ein stilles Wasser bestellt, wenn wir dieses Gespräch vor einem Monat geführt hätten?

Martin Bäumle: Vielleicht hätte ich es damals noch mit Kohlensäure genommen (lacht). Daran lag es sicher nicht, dass ich den Infarkt erlitt. Das Gesundheitsrezept meines Urgrossonkels, der über 95 Jahre alt wurde, war immer: Eine Stunde spazieren pro Tag, ein Glas Rotwein und wenig Stress. Die ersten beiden Punkte könnte ich wohl erfüllen, am Dritten muss ich nun arbeiten.

Stress abbauen dürfte Ihnen nicht einfach fallen. Man nimmt Sie eher als Turbo-Politiker wahr.

Ich werde dazulernen müssen, ganz klar. Es wird mehr Abstriche geben, ich muss vermehrt auf meinen inneren Zustand hören. Und gezielt Ruhe-Inseln einbauen.

Davon sprachen Sie häufig in den letzten Tagen. Wie stellen Sie sich solche Inseln konkret vor?

Das muss ich jetzt herausfinden. Primär war die Umstellung der Ernährung. Jetzt folgt die Bewegung.

Warum nicht generell auf Politik verzichten?

Das nicht, aber ich werde nicht mehr allzeit bereit sein.

Es ist keine Schauervorstellung, dass es auch ein gutes Leben neben der Politik gibt.

Carpe diem war immer der Standardspruch auf meiner Homepage! Sie sehen: Ich war wirklich nicht sehr nachhaltig im Umgang mit mir selber. Und dass ich erblich belastet bin, wusste ich bis zu diesen Tagen nicht.

Haben Sie je Ihr Handy abgeschaltet in der Vergangenheit, zumindest mal übungshalber?

Die Leute müssen jetzt damit rechnen, dass es etwas länger dauern kann, bis ich zurückrufe. Bis dato habe ich das Smartphone noch nie abgeschaltet, nur manchmal auf lautlos gestellt. Auch das dürfte sich ändern.

Auch in Bezug auf die Medien könnte man den einen oder anderen Termin mal nicht mehr wahrnehmen.

Ja, aber ehrlicherweise muss man festhalten: Man kann in Bern eine exzellente Arbeit in den Kommissionen leisten – und ausserhalb weiss niemand davon. Tue Gutes und verkaufe es, das ist eine gute alte Maxime.

Erschöpfung, Burnout, Herzbeschwerden – das scheint sich in letzter Zeit zu häufen. Nicht nur in der Politik. Auch die Wirtschaftselite zeigt solche Symptome. Ist die Gesellschaft krank?

Es laufen in der Tat mittlerweile viele Leute an der Limite oder sogar darüber. Mit den vorhandenen Ressourcen muss man sorgfältig umgehen, auch mit der Ressource Gesundheit. Das habe ich immer gepredigt, jetzt muss auch ich mich daran halten. Dafür ist jeder selber verantwortlich. Ich nehme den glimpflichen Ausgang meines Herzinfarktes als Glücksfall und möchte mich danach richten.

Wie süchtig macht Politik?

Sucht ist das falsche Wort. In jungen Jahren habe ich Politik immer als Hobby bezeichnet. Mittlerweile ist es ein Beruf geworden, das bringt auch eine gewisse Verpflichtung mit. Zentral ist, dass einem die Politik immer noch Freude bereitet, sonst kann man aufhören.

Was genau bereitet Ihnen Freude?

Ich wurde aus der Anti-Atombewegung heraus politisiert, immer mit dem Ziel vor Augen, dass wir eines Tages die Energiewende schaffen müssen. Jetzt sind wir am Umsetzen der Ideen, die ich schon vor dreissig Jahren hatte. Das trägt schon zur Freude bei.

Damals, als Sie in jungen Jahren Kantonsrat wurden, hatte man stets den Eindruck, dass Sie von den anderen Ratsmitgliedern etwas belächelt wurden. Ist Ihre Freude auch Ausdruck davon, es allen gezeigt zu haben?

Vielleicht waren damals ein paar Leute neidisch auf mich, weil ich mich auch als Jungspund nicht zurückhielt und gewisse ungeschriebene Regeln freimütig interpretierte. Ich teile Ihre Meinung aber nicht. Mein Eindruck war, dass man mich schon nach wenigen Jahren respektierte – und zwar deshalb, weil die Fakten mir recht gaben.

Das ist in der Politik doch stets eine Frage der Auslegung. Es erstaunt nicht, dass Ihre politischen Gegner Sie dahingehend charakterisieren, rechthaberisch zu sein.

Natürlich will ich andere Leute mit Fakten und Argumenten überzeugen. Ich weiss relativ viel und kann dies auch belegen. Früher dachte ich, es gebe nur eine richtige Position. Davon bin ich abgerückt und finde seither viel eher eine Kompromisslösung. Deshalb fühle ich mich auch bei den Grünliberalen wohler als bei den Grünen, da wir pragmatischer sind.

Sprechen wir über die GLP, die Sie mitgegründet haben. Derzeit reiten Sie auf einer Erfolgswelle. Wie das Beispiel BDP zeigt, kann der Glanz von neuen Parteien aber schnell verblassen. Was tun Sie dagegen?

Wir haben klare Kernbotschaften – ökologisch konsequent, wirtschaftsliberal und gesellschaftsliberal. Ich hatte immer ein Problem damit, dass die Wirtschaft der Feind an sich sein sollte. Wenn sie floriert, können wir auch Umweltschutz betreiben. Da gab es bis zu unserer Gründung eine Marktlücke.

In einer Allianz mit anderen Mitteparteien wären Sie aber stärker.

Für mich ist das nach wie vor keine Option. Unser Modell sind Kooperationen auf der thematischen Ebene. Diese Hoffnung hegte ich etwa lange beim Gripen – nun stehen wir auf bürgerlicher Seite mit unserer Ablehnung allein.

Wie die Unterschriftensammlung fürs Referendum gezeigt hat, teilt Ihre Basis nur bedingt Ihre Position.

Wir wussten von Anfang an, dass wir das Referendum niemals alleine stemmen können. Als wir ein Jahr zuvor für unsere Energie- statt Mehrwertsteuerinitiative auf die Strasse gingen, stiessen wir an unsere Grenzen. Das konnten wir unseren Mitgliedern nicht noch einmal zumuten.

Sie sind nicht grundsätzlich gegen die Armee, aber gegen neue Kampfjets zum jetzigen Zeitpunkt. Verstehen das die Bürger?

Der Gripen ist finanz- und sicherheitspolitisch ein Unsinn. Das müsste eigentlich auch jedem CVP- und FDP-Mitglied einleuchten.

Zeigt nicht gerade das Beispiel Ukraine, dass die Sicherheit unberechenbar ist und halt ihren Preis hat?

Gerade dieses Beispiel zeigt, dass die Schweiz als neutrales Land mit guter Diplomatie mehr erreichen kann als mit zusätzlichen Kampfjets, damit es nicht zu einer grösseren Eskalation kommt. In einem kaum vorstellbaren Ernstfall würden aber auch hundert oder zweihundert Jets kaum etwas ausrichten. Für den Luftpolizeidienst, wie er derzeit nötig ist, reicht der F/A-18. Was wir brauchen, sind betriebliche Anpassungen – zum Beispiel eine 24-Stunden-Präsenz und dies zusammen mit mehr internationaler Kooperation.

Heisst das: Beitritt zu einem Militärbündnis?

Nein, auf keinen Fall. Wie der Entführungsfall in Genf aufgezeigt hat, müssen die Spielregeln mit unseren direkten Nachbarländern einfach klarer sein. Was spricht dagegen, dass ein französischer Jet einen Flieger über der Schweiz abfängt und die Schweiz im Gegenzug die Leistung auch anbietet?

Wenn die Stimmbürger den Gripen ablehnen, fallen auch einige der Gegengeschäfte für die Schweizer Wirtschaft weg.

Das darf kein Argument sein. Das wäre eine viel zu teure Subventionsübung. Und viele der Geschäfte würden sowieso getätigt. Ich kann aber nicht ausschliessen, dass das Argument auch bei einzelnen GLP-Sektionen verfängt.

Martin Bäumle als erster GLP-Bundesrat – das ist abgehakt?

Lange sagte ich: Wenn man an mich heranträte, würde ich wohl nicht Nein sagen. Vor rund zwei Jahren stellte ich mir indes die Frage, ob es dermassen erstrebenswert sei, darauf hinzuarbeiten? Wenn wir auf 2019 oder 2023 bundesratsfähig würden, wäre das genial genug.

Bis anhin sticht ausser Ihnen und vielleicht Ständerätin Verena Diener aber niemand heraus.

Vielleicht ist mein gesundheitlicher Vorfall eine Chance, dass sich andere mehr trauen, in den Vordergrund zu rücken. In der Fraktion können Sie reihum gehen – wir haben sehr gute Köpfe. Diese Leute können nun auch operativ die Zügel in die Hand nehmen.

Im Sommer wird die GLP Zürich zehn Jahre alt. Wie wird gefeiert?

Ich gehe davon aus, dass etwas geplant ist. Aber das ist jetzt genau eines der Projekte, wo ich Verantwortung abgebe: Das können andere besser als ich.