Christoph Blocher tritt im Kanton Zürich als Ständeratskandidat an – und damit gegen Ihre grünliberale Ständerätin Verena Diener. Dabei waren Sie doch derjenige, der Herrn Blocher immer verteidigt hat.

Martin Bäumle: Verteidigt ist das falsche Wort. Ja, ich habe ihn 2003 in den Bundesrat gewählt, um ihn einzubinden. Und weil er zwar nicht alles gut, aber auch nicht alles schlecht machte, gab ich ihm im Interesse der Konkordanz 2007 meine Stimme. Dass er jetzt antritt, macht mich nicht bange.

Herr Blocher ist für die SVP ja ungefähr das, was Sie für die Grünliberalen sind: der grosse Zampano.

Ich hoffe, dass ich für meinen Teil den rechtzeitigen Absprung aus der Politik schaffen werde und nicht bis an mein Lebensende sagen werde: Kommt her, ich bin der «Messias».

Heute ist es so, dass Sie Hirn und Gesicht der Grünliberalen sind.

Ich habe die Partei mitbegründet und aufgebaut und vertrete sie nach aussen. Nun geht es darum, die fähigen Köpfe im Hintergrund – und davon gibt es viele – aufzubauen und bekannt zu machen. Sobald diese Leute national politisieren, sind sie theoretisch auch in der Lage, meine Nachfolge anzutreten.

Tatsächlich? Der grünliberale Nationalrat Thomas Weibel ist in Bern ein Unbekannter, mit Nationalrätin Tiana Moser ist es kaum anders.

Es ist nicht leicht, sich in Bern durchzusetzen. Frau Moser ist schnell Nationalrätin geworden und hat in Bern wertvolle Arbeit im Hintergrund geleistet und dabei auch Erfolge erzielt. Wir müssen das jetzt vielleicht noch etwas besser verkaufen.

Die Grünliberale Partei dagegen verkauft sich dank Fukushima praktisch von allein.

Wir wären heute nicht so erfolgreich, hätten wir nicht schon vor Jahren die inhaltliche Kleinarbeit geleistet. Wir plädieren schon lange für den schrittweisen Ausstieg aus der Kernenergie.

Die Pointe an Ihrem gegenwärtigen Erfolg ist doch: Für Sie ist der Atomausstieg gar nicht so dringend.

Wir fordern effektiv keinen forcierten Ausstieg. Schauen wir uns aber einmal den Fahrplan des Bundes vor Fukushima an: Vorgesehen waren zwei neue AKW, die bis 2090 hätten laufen sollen. Dagegen haben wir uns stets gewehrt. Dafür nehmen wir in Kauf, dass die bestehenden AKW notfalls etwas länger am Netz bleiben als ursprünglich geplant. Denn die Antwort darauf, wie wir den Strom erzeugen, ist nicht einfach. Wir sind Realisten.

SP und Grüne möchten beim AKW-Ausstieg Gas geben. Sind diese Parteien unseriös?

Wenn die Grünen bis 2024 aus der Kernenergie wollen, ist dies an der Grenze des Machbaren. Auf alle Fälle ist dieses Vorgehen unökonomisch.

Das heisst?

Natürlich müssen alle nach Süden ausgerichteten Dächer künftig mit Solaranlagen ausgerüstet sein. Doch so etwas muss schrittweise passieren. Sie müssen schauen, dass die Handwerker, die Dachdecker und überhaupt die ganze Solarbranche für die nächsten 30 Jahre Arbeit haben, und dass die Anlagen immer billiger werden. Wird alles aufs Mal gemacht, werden die Anlagen viel zu teuer, und nach dem Boom kann die ganze Branche wieder dichtmachen. Das ist Blödsinn.

Grünliberale Energiepolitik ist ein vages Versprechen für die Zukunft. Der Wähler kann mit seinem «Way of Life» weitermachen. Irgendwann wird dann vielleicht alles grüner.

Das ist eine Unterstellung. Wir sagen: Bis 2025 können drei kleine AKW ersetzt werden. Das erfordert aber ein entschlossenes Vorgehen bei der Energieeffizienz. Die Elektroheizungen etwa müssen weg, es braucht Wärmepumpen und Wärmedämmung muss gemacht werden.

Sie plädieren dafür, dass alte AKW noch während Jahrzehnten in Betrieb sind. Irgendwie glauben Sie offenbar doch an deren Sicherheit.

In der Schweiz – ja. Natürlich gibt es ein Restrisiko. Damit leben wir aber, seit wir uns für die Kernkraft entschieden haben, und ich habe die Risikofrage lange vor Fukushima thematisiert und werde es weiter tun..

Der oberste Grünliberale hat eigentlich gar kein Problem mit AKW?

Doch. Und das AKW Mühleberg ist der Spezialfall, den man rasch anschauen und gegebenenfalls vom Netz nehmen muss. Bei den übrigen AKW können wir aber davon ausgehen, dass wir deren Sicherheit nach Fukushima noch einmal optimieren können und es zu keinen Unfällen kommen sollte. Das Hauptproblem bei der Kernenergie in der Schweiz ist weniger die Reaktorsicherheit als der Atommüll. Die Brennstäbe strahlen noch während 100000 Jahren.

Kennen Ihre Wähler diese Position eigentlich? Sie profitieren doch einfach vom Fukushima-Effekt.

Das sagen Sie. Ich sage: Im Kanton Zürich haben die Grünen nicht zugelegt, sondern wir Grünliberalen. Warum? Wir sind nicht in Panik ausgebrochen, sondern haben vor und nach Fukushima das Gleiche gesagt: Wir wollen den schrittweisen Ausstieg mit einem nachhaltigen Konzept. Das ist bei den Wählern offenbar glaubwürdig rübergekommen.

Sind Sie nach dem 23. Oktober eigentlich noch in der gleichen Fraktion wie die CVP?

Wir machen eine eigene Fraktion. Ich bin zuversichtlich, dass wir die nötige Anzahl Mandate erreichen. Eine eigene Fraktion war immer unser Ziel. Mit CVP und EVP werden wir in einer Holding-Struktur zusammenarbeiten.

Was soll das eigentlich sein?

Das ist gar nichts. Ein Arbeitstitel.

Sie planen also gar nichts.

Das können Sie so interpretieren. Es ist eine Absprache zwischen Einzelpersonen und dahinterstehenden Fraktionsgruppen. Themen, bei denen wir gemeinsame Interessen haben, werden wir miteinander verfolgen. Unklar ist die Rolle der BDP, die sich vorher selbst positionieren muss.

Für die CVP hat die Holding nur einen machtpolitischen Zweck. Man will grösser sein als die FDP, um irgendwann an einen zweiten Bundesratssitz zu kommen.

Es mag sein, dass der Gedanke bei der CVP mitspielt. Mir geht es um Bündnisse für unsere ökologischen Ziele, etwa das CO2-Gesetz. Allein hätten wir das nie geschafft.

Dann könnten Sie die Fraktion doch weiterführen.

Nein, so würde es zur reinen Machtgemeinschaft. Und wir Grünliberalen hätten keine Eigenständigkeit.

Darf CVP-Fraktionschef Urs Schwaller dennoch hoffen, dass die Holding auch ein gewisser machtpolitischer Faktor ist?

Hoffen darf er immer.

Aber hat er guten Grund dazu?

Ich habe allen Rettungsversuchen von Bundesrätinnen eine Absage erteilt. Aber damit hat die CVP kein Problem. Die Frage nach den Wahlen wird eher sein, ob die FDP beide Sitze behalten kann.

Wie sieht der Bundesrat also aus im Januar 2012?

Ich stehe zur Konkordanz und wünsche mir, dass diese bleibt: zwei Sitze für die SVP, zwei für die SP, drei für die Mitte. Wenn aber die SVP auf Konfrontationskurs geht und unwählbare Kandidaten wie Christoph Blocher oder Christoph Mörgeli bringt, dann müssen sie sich mit Ueli Maurer zufriedengeben.

Ist der Freiburger SVP-Mann Jean-François Rime wählbar?

Ja. Ob er fähig wäre, ist noch zu beurteilen.

Plädieren Sie also für zwei SVP-Sitze auf Kosten von Frau Widmer-Schlumpf?

Ja, Eveline Widmer-Schlumpf wäre der Konkordanz zu opfern. Wenn es aber eine günstige Konstellation für ihre Wiederwahl gibt, muss man die anschauen.

Wie sähe diese Konstellation aus?

Wenn es für die Mitte drei Sitze gibt und CVP und FDP denselben Sitzanspruch haben. Dann könnte Widmer-Schlumpf zulasten eines FDP-Sitzes gewählt werden. Gerade weil sich Widmer-Schlumpf bei der Atomausstiegsfrage gut positioniert hat, sind ihre Chancen bei Rot-Grün gestiegen und auch bei mir selbst.

Die Haltung der BDP ist doch unglaubwürdig. Parteichef Hans Grunder war bislang AKW-freundlich.

Ich will niemanden massregeln, muss aber zugeben, dass ich auch erstaunt war. Inhaltlich bin ich dennoch froh, dass die BDP die Kehrtwende vollzogen hat. Die FDP ist da viel unglaubwürdiger. Wie man bei der Weissgeldstrategie gesehen hat, kann man der FDP nicht trauen.

Wo wollen Sie mit den Grünliberalen eigentlich hin?

Mittelfristig wollen wir national etwa 10 Prozent holen. Langfristig glaube ich an ein Potenzial von 15 Prozent.