Braucht es für den Sprung nach Bern ein Facebook-Profil?

Mark Balsiger:Noch ist es für Politiker möglich, ohne neue Medien zu arbeiten. Ich bin aber sicher, dass diese in fünf Jahren zum Courant normal gehören, so wie heute E-Mails und Wikipedia. Dann wird jeder Politiker bei Facebook, Twitter – wie die Plattformen dann heissen mögen – dabei sein.

Das Internet ist also zurzeit noch nicht so wichtig?

Mark Balsiger: Es wird 2011 sicher Kandidaten geben, die gewählt werden, ohne in sozialen Netzwerken aktiv gewesen zu sein. Die Entwicklung in diesen Kanälen ist aber enorm und öffnet neue Möglichkeiten. Sich dem zu entziehen, wird immer schwieriger. Soziale Netzwerke sind nichts anderes als modern verstandene Bürgernähe.

Junge Politiker haben weniger Berührungsängste mit neuen Medien. Ist 2011 ein Wahljahr für Junge?

Mark Balsiger: Es gibt auch gestandene Politiker, die sich stark im Internet engagieren. Aktive Nutzer haben gute Chancen, dass ihr Engagement von den klassischen Medien gelegentlich aufgegriffen wird. Allerdings muss man Substanz vermitteln und über längere Zeit aktiv sein. Wer kurz vor den Wahlen ein Facebook-Profil eröffnet, vergeudet nur seine Zeit.

Wie viel Zeit sollten Politiker ins Internet investieren?

Mark Balsiger: Ich empfehle, mindestens zweimal pro Woche eine halbe Stunde für soziale Netzwerke aufzuwenden. In der Aufbauphase braucht es allerdings ein grösseres zeitliches Engagement.

Was hat sich am Wahlkampf im Vergleich zu früher geändert?

Mark Balsiger: Seit 1995 hat die Personalisierung unglaublich zugenommen. Heute prägen einige wenige nationale Köpfe das Image einer Partei. Gleichzeitig haben sich die Medien geändert: Früher bildeten sie vor allem ab, was läuft, heute sind viele auch Akteure. Sie unterstützen gewisse Personen und schweigen andere tot.

Und die nationalen Parteien, wie wichtig sind sie für die Wahl?

Mark Balsiger: Die nationalen Parteien sind heute besser aufgestellt als früher. In den Parteisekretariaten ist viel Know-how vorhanden. Sie unterstützen die Kantonalsektionen aktiv und frühzeitig. Für den persönlichen Wahlerfolg ist jeder Kandidat darauf angewiesen, dass seine Partei auf nationaler Ebene gut unterwegs ist. Ist dieses Fundament schwach, wird es schwierig. Die Wähler machen eine Kombination zwischen Affinität zu einer Partei und Sympathie zu einem Politiker. Wenn diese Kombination nicht stimmt, ist man auch mit einem perfekten Wahlkampf chancenlos.

Wie gelingt einem Kantonspolitiker die Wahl nach Bern?

Mark Balsiger: Die Ochsentour ist immer noch der klassische Weg. Wer nach Bern will, muss Knochenarbeit leisten. Kaum jemand wird aus dem Stand gewählt. Das sind Ausnahmefälle, Bastien Girod aus Zürich zum Beispiel. Er war ein Medienstar, bevor er in der Politik richtig Fuss gefasst hatte.

Wer sich jetzt erst in den Wahlkampf begibt, ist also zu spät?

Mark Balsiger: Nein, viele Wahllisten sind noch nicht bereinigt. Es kann sich lohnen, jetzt aufzuspringen und in Ruhe eine kluge Strategie zu erarbeiten. Der Listenplatz ist aber nicht überall gleichbedeutend. Im Kanton Zürich muss man zuvorderst stehen, um gewählt zu werden. Daher kostet ein Platz unter den ersten vier bei der FDP des Kantons Zürich auch 40 000 Franken.

Mit 40 000 Franken kann man sich in Zürich einen prominenten Listenplatz kaufen. Wie viel Geld aber kostet ein Nationalratsmandat insgesamt?

Mark Balsiger: In den grossen Kantonen Zürich, Aargau, Bern, Waadt und St.Gallen muss ein Politiker, der neu gewählt werden will, mindestens 150000 Franken zur Verfügung haben.

Im Dezember erscheint Mark Balsigers neues Buch «Wahlkampf – aber richtig».