«Arrogant und unvorbereitet.» Mit diesen Worten umschreibt Wolfgang Schibler, Gemeindepräsident von Bettwil, den Auftritt von Mario Gattiker vom 24.November in der Dorfturnhalle. «Er konnte nicht einmal auf die einfachsten Fragen antworten», sagt Schibler. Gattiker, damals noch interimistischer Chef des Bundesamts für Migration (BFM), sollte an dem Abend an der Seite der Aargauer Regierungsrätin Susanne Hochuli (Grüne) den aufgebrachten Dorfbewohnern erklären, warum der Bund 140 Asylbewerber in Bettwil unterbringen will.

Die Ausführungen des 55-jährigen Juristen kamen schlecht an. Als er über die Lage in Syrien und Tunesien und über die Flüchtlingsinsel Lampedusa zu referieren begann, wirkte er auf viele Zuhörer wie ein Bürokrat aus dem Bilderbuch. Wegen der vielen Zwischenrufe musste er seinen Vortrag wenig später abbrechen. «Wir sind hier in Bettwil. Nordafrika interessiert uns nicht», rief einer im Publikum.

Tätigkeit bei Hilfswerken

Der missratene Auftritt in der Bettwiler Turnhalle offenbarte eine Schwäche des neuen BFM-Direktors: Es macht dem gebürtigen Berner Mühe, sich in Menschen hineinzuversetzen, die sich vor Asylsuchenden fürchten. Einige Monate nach dem Debakel von Bettwil, Anfang Mai, meinte Gattiker in einem Interview, ohne die Bevölkerung funktioniere die Asylpolitik hierzulande nicht, das wisse man heute. An seiner grundsätzlichen Haltung dürfte sich aber nur wenig geändert haben: Der Mann stand während fast zweier Jahrzehnte im Sold von Hilfswerken, die naturgemäss auf der Seite der Flüchtlinge stehen.

Zwölf Jahre war Gattiker Leiter des Rechtsdienstes der Caritas. Erst 2001 wechselte er in die Bundesverwaltung, wo er sich in verschiedenen Positionen mit Ausländerfragen befasste, zuletzt als stellvertretender BFM-Direktor. Im Dezember beförderte ihn SP-Justizministerin Simonetta Sommaruga zum Chef. Seither ist er in Bundesbern ein gefragter Mann. Interviewanfragen erreichen ihn en masse – Zeit für Interviews hat er kaum noch.

Barbara Walther, Ex-Leiterin des Bereichs Migration bei der Caritas und ehemalige Vorgesetzte Gattikers, hätte nicht gedacht, dass es Gattiker eines Tages bis an die Spitze des BFM bringt. «Er war nie ein Karrierist», sagt Walther. Sie traue ihm aber zu, dass er den schwierigen Job meistere, obschon er in seiner Funktion als Chefjurist vor allem politische Stellungnahmen ausgearbeitet und Rekurse begleitet habe. «Er konnte die politischen Realitäten schon immer gut einschätzen und wusste, was machbar ist und was nicht.»

«Er wird enttäuschen müssen»

Die Herausforderungen, die Gattiker im Asylbereich bewältigen muss, sind enorm. Die Kapazitäten seines Bundesamtes sind seit Beginn des Arabischen Frühlings voll ausgelastet. Die Anzahl Aufnahmegesuche stieg alleine 2011 auf über 22000 an – gegenüber dem Vorjahr entspricht das einem Zuwachs von 45 Prozent. Gleichzeitig verläuft die Suche nach neuen Unterkünften harzig, und die Asylverfahren dauern immer noch viel zu lange. Gleichzeitig wächst im Parlament der Druck, das Asylrecht zu verschärfen, mit jeder Session. Zu allem Übel hängt im BFM auch noch der Haussegen schief. Seit einer von der früheren Justizministerin Eveline Widmer-Schlumpf durchgeführten Reorganisation befindet sich das Bundesamt in einer Krise. Bewährte Kaderleute gingen oder mussten gehen. Gattikers Aufgabe ist es nun, die Reorganisation wieder rückgängig zu machen und Ruhe in den Betrieb reinzubringen.

«Alleine die Tatsache, dass Mario Gattiker die Reorganisation unbeschadet überstanden hat, spricht für ihn und seinen Rückhalt bei den Mitarbeitern», sagt SP-Präsident Christian Levrat, der Ende der 1990er-Jahre als Chefjurist bei der Flüchtlingshilfe eng mit Gattiker zusammenarbeitete. Er verspricht sich viel von Gattiker. «Er wird sicher starke Nerven brauchen. Der Widerstand kommt von allen Seiten.» SVP-Nationalrat Heinz Brand, ehemaliger Migrationschef des Kantons Graubünden, prophezeit, Gattiker werde etliche Leute aus seinem angestammten Umfeld, den Hilfswerken, enttäuschen müssen. Brand: «Eine Chance sollte man ihm aber auf jeden Fall geben.»