Lange galt die 45-jährige Marina Carobbio als absolut chancenlos neben SP-Schwergewichten wie dem Waadtländer Regierungsrat Pierre-Yves Maillard oder dem Freiburger Ständerat Alain Berset. Doch inzwischen hat ihre Kandidatur an Gewicht gewonnen und sorgt für einige Unruhe bei den konkurrierenden Männern. Die SP-Frauen empfehlen sie sogar offiziell zur Wahl als Nachfolgerin von Micheline Calmy-Rey. Ob sie aufs offizielle SP-Ticket gelangt, entscheidet sich am Freitag.

Sie selbst betont die Wichtigkeit, dass die italienische Schweiz im Bundesrat vertreten sei. «Doch im Vordergrund stehe ich als Politikern, nicht die Tatsache, dass ich aus dem Tessin komme», präzisiert sie. Die «italianità» sei vor allem ein kultureller Faktor. Es gehe darum, eine bestimmte Denk- und Lebensweise in die Landesregierung einzubringen: «Im Tessin erkennen wird bestimmte Probleme frühzeitig, beispielsweise bei der Personenfreizügigkeit mit der EU.»

Der Schatten des Vaters

Einstimmig steht der Kanton aber nicht hinter ihr: Lega und SVP kritisieren beispielsweise ihre ablehnende Haltung zum zweiten Gotthard-Strassentunnel. Doch wer ist Marina Carobbio? Ihre politische Sozialisation begann schon früh im Elternhaus. Ihr Vater, Werner Carobbio, gehört zu den Urgesteinen des linken Flügels der Tessiner Sozialdemokraten, die sich bis heute Sozialisten nennen (Partito socialista). «Zu Hause haben wir natürlich viel über Politik diskutiert», erzählt Marina Carobbio. Und fügt an, dass es für sie zu Beginn ihrer eigenen politischen Karriere schwierig war, weil sie stets als «Tochter von Werner», nicht aber als eigene Persönlichkeit gesehen wurde.

Doch dank ausgeprägter dialektischer Fähigkeiten, Intelligenz und einer unbestreitbaren Eloquenz vermochte sie sich schnell von der Vaterfigur zu emanzipieren. In der Sache blieb sie stramm auf SP-Kurs. Nach dem in Basel absolvierten Medizinstudium wird sie mit nur 24 Jahren in den Grossen Rat gewählt, dem sie 16 Jahre angehört, und steigt zur Fraktionschefin auf.

Sie ist hartnäckig und schlagfertig. Bei den Wahlen 2007 in die Kantonsregierung erreicht sie aber nur den vierten Platz. Dafür rückt sie im gleichen Jahr auf den demissionierenden Franco Cavalli in den Nationalrat nach, der seinen Rücktritt extra hinausgezögert hatte, damit Carobbios berufliche und familiäre Verhältnisse das Ausüben des Amts in Bern zuliessen.

Keine Exekutiverfahrung

Exekutiverfahrung hat Carobbio keine. Aber das sieht sie selbst nicht als Handicap. Sie ist Vizepräsidentin der SP Schweiz, Präsidentin des Schweizerischen Mieterverbands, Vize-Präsidentin des Vereins für medizinische Mittelamerika-Hilfe (Amca) sowie in etlichen Komitees aktiv. «Da habe ich Führungsfähigkeiten reichlich unter Beweis gestellt», sagt sie selbstbewusst.

Dies gilt auch für ihren Beruf. Sie arbeitet noch zu 30 Prozent als Ärztin in einer Gruppenpraxis im bündnerischen Roveredo in direkter Nachbarschaft zu ihrem Wohnort Lumino, wo sie mit ihrem Mann und zwei Kindern im Alter von 15 und 8 Jahren wohnt. Carobbio weiss, was es bedeutet, Familie, Beruf und Politik unter einen Hut bekommen zu müssen. «Ich schaffe das nur dank eines guten Netzwerks, das es in meiner Familie und in meinem Ort gibt», sagt sie.

Sozial- und Gesundheitspolitik sind ihre Schwerpunkte. Dabei gehört sie zu den eisernen Verfechtern einer Einheitskrankenkasse. Sie sitzt in der Finanzkommission des Nationalrats sowie der Finanzdelegation ein. Ihre Dossiers kennt sie, das bezeugen auch ihre politischen Gegner. Und sprachlich zeigt sie sich durchaus gewandt: «Ich spreche in Bern übrigens mehr Deutsch als Französisch.»