Feminismus

«Maria Theresia liebte die Macht»

Elisabeth Badinter.

Elisabeth Badinter.

Die französische Feministin und Unternehmerin Elisabeth Badinter über ihr Buch «Maria Theresia – die Macht der Frau».

Maria-Theresia war eine konservative Herrscherin in einem konservativen Umfeld. Was hat Sie als Feministin angezogen?

Elisabeth Badinter: Maria Theresia war völlig einzigartig für ihre Zeit. Sie war sicher sehr konservativ eingestellt, autoritär, gar bigott, und insofern nicht sehr modern. Aber sie war auch mit einer Situation konfrontiert, die mich sehr an die Lage der Frauen im 21. Jahrhundert erinnert.

Was war denn Maria Theresias Hauptleistung?

Sie führte ein Riesenreich in die Modernität. Sie erneuerte das spanische Hofzeremoniell, indem sie eine menschliche Nähe zu den Bürgern und Soldaten einführte. Und sie schaffte es, die Gunst des Volkes zu erlangen, indem sie sich als gute Mutter der Nation präsentierte. Mit einem Wort, Maria Theresia vereinigte die drei femininen Attribute einer heutigen Frau, Mutter und Berufsfrau.

Doch hing sie als Co-Regentin, die nie formell Kaiserin war, nicht auch stark von männlicher Macht und Männern wie ihrem Gatten oder später ihrem Sohn ab?

Überhaupt nicht. Sie wollte gar nicht zur «Kaisergattin» gewählt werden, da sie das für erniedrigend hielt. Ihre wahre Macht beruhte darauf, dass sie Königin von Böhmen und Ungarn war.

Emotionell war sie aber umso abhängiger von Mann und Sohn.

Das auf jeden Fall. Und sie war sich dessen durchaus bewusst. Maria Theresia war luzid, auch in Momenten, wenn sie – wie etwa im Erbfolgekrieg – Entscheidungen fällte, die im Interesse ihres Gatten, aber nicht Österreichs waren.

Auf dem Buchumschlag der französischen Ausgabe prangt ein Zitat von Friedrich II., laut dem Maria Theresia «Lust zu dominieren» hatte. Wie war ihr Verhältnis zur Macht?

Maria Theresia war eine Herrscherin, die ihre Lust zum Herrschen durch einen unglaublichen Charme und diplomatisches Geschick zu bemänteln wusste. In Versailles warnte der König seine Botschafter: «Seid vorsichtig, lasst euch von dieser Frau nicht bezirzen!» Aber Maria Theresia liebte die Macht und übte sie bis zu ihrem Tod aus.

Der Zyniker Friedrich sagte einmal, Maria Theresia stehle wie alle Herrscher neues Land, nur vergiesse sie darüber Tränen.

In moralischer Hinsicht liegt Maria-Theresia doch über Friedrich. Im Falle Polens verriet sie ihre Prinzipien weniger klar. Dass sie es manchmal trotzdem tat, weckte gerade mein Interesse. Die Frau, die in ganz Europa im Ruf einer hohen, ja vielleicht christlich-exzessiven Moralität stand, beteiligte sich wider ihre Prinzipien an der Aufteilung Polens. Das stellte sie indessen nicht vor eine Zerreissprobe. Ich sehe darin eher eine menschliche Schwäche. Maria-Theresia unterlag einer Duplizität – sie war moralisch, charmant und diplomatisch, verfügte aber auch über einen immensen politischen Instinkt, den sie einzusetzen wusste, wenn sie etwa mit dem Erbfeind Frankreich zielsicher eine Allianz einging. Zu ihren femininen Waffen gehörte es, in der Öffentlichkeit zu weinen.

Also eine begabte Schauspielerin?

Schon als Kind hatte Maria Theresia die Theaterkunst gelernt, und alle sagten, sie sei eine wunderbare Schauspielerin.

Umso überraschter liest man, dass Maria-Theresia unter Depressionen und Manien gelitten habe.

Davon bin ich überzeugt, und zwar aufgrund ihrer Privatkorrespondenz etwa mit Obersthofmeister Orsini-Rosenberg oder Hofbaumeister Silva-Tarouca, zu denen sie volles Vertrauen hatte. Ihnen schreibt sie an einem Tag, sie könne einen bestimmten Anwalt nicht besuchen, da sie den ganzen Tag über geweint habe und verzweifelt sei.

Der Briefkontakt mit der eigenen Mutter blieb äusserst kühl.

Ja, zwischen den beiden Frauen bestand eine grosse Distanz. Ein Grund war sicher, dass sich die Mutter wenig um Klein Maria Theresia gekümmert hatte. Ein zweiter anderer dünkt mich aber ebenso interessant: Diese Mutter hatte ihrerseits nach Macht gedürstet und darunter gelitten, dass sie nie dazu in der Lage war zu regieren. Zwischen einer Mutter und einer Tochter, die beide so sehr auf Macht aus waren, konnte es keine wirklich befriedete Beziehung geben. Das mag diese Distanziertheit erklären.

Woher rührte denn dieser Machthunger Maria Theresias? Suchte sie die Anerkennung des Vaters?

Ich bin mir nicht sicher, ob sie ihren Vater überhaupt bewunderte. Mehr als Respekt brachte sie ihm gegenüber kaum auf. Die Bewunderung galt drei wichtigen Frauenfiguren, der Mutter, der Gouvernante, der Tante. Sie vermittelten dem Mädchen vorbildlich den Geschmack der Machtausübung. Sicher ist, dass Maria Theresia schon sehr früh darauf kam.

Ein Wille zur Macht also von Kindsbeinen an?

Ja, und ein sehr feminines Machtverständnis.

Was hat Sie als Französin am meisten überrascht?

Ich glaube, es war, wie schon angetönt, der Eindruck, dass diese Frau uns noch heute etwas zu sagen hat. Ich habe mich sieben Jahre lang mit dem Thema beschäftigt, und ich hatte stets den Eindruck einer gewissen Vertrautheit. Viele Frauen mögen sich darin erkennen, wie Maria Theresia mit den Widersprüchen, Spannungen und Problemen ihres Lebens umgegangen ist. So fern einem Katharina heute scheint, so nahe fühlt man sich Maria Theresia.

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