Graf

Marcel Graf: «Der Empfänger wird meine Nachricht verstehen»

Laut Initiant Marcel Graf war die erste Nachricht an den «Täter» nicht geplant.

Laut Initiant Marcel Graf war die erste Nachricht an den «Täter» nicht geplant.

Eisern hat er geschwiegen. Tagelang. Nun bricht Marcel Graf sein Schweigen. Das Exklusiv-Interview mit dem geistigen Vater der Todesinitiative.

Es war die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Wie findet man den Urheber einer sich noch in Prüfung befindenden Initiative? Selbst nachdem bekannt wird, wer hinter dem Komitee steckt, blieben unzählige Telefonanrufe unbeantwortet. Fast eine Woche lang bleibt die Suche nach dem geistigen Vater des umstrittenen Begehrens erfolglos. Marcel Graf ist abgetaucht. Vergangene Nacht wendet sich das Blatt: Marcel Graf spricht. Erzählt. Vertraut. Zu später Stunde, dann autorisiert der Mittdreissiger das Interview.

Der Mann, der mit dem Schreibenden spricht, wirkt wie ein zutiefst erschöpfter Mann. Seine Stimme zittert, überschlägt sich - vor Ratlosigkeit? Marcel Graf haben die Ereignisse der letzten Tage überrumpelt.

Herr Graf, Sie haben einen Tag nach der Lancierung Ihre Initiative zurückgezogen. Warum?
Marcel Graf: Wir wussten, dass unser Anliegen hohe Wellen werfen würden. Aufmerksamkeit zu erregen war denn auch das Hauptziel der Initiative. Leider haben die Reaktionen inzwischen Dimensionen angenommen, die uns dazu veranlasst haben, die Initiative zurückzuziehen.

Wie sehen diese Reaktionen aus?
Graf: Ich möchte nicht ins Detail gehen, aber wir erhielten nächtliche Anrufe. (Lange Pause.)

Wurden Sie bedroht?
Für diese Antwort lässt sich Marcel Graf sehr viel Zeit. Überhaupt dauert es lange, bis der 35jährige seine Sätze vollendet. Fast ist spürbar, wie Graf nach Antworten sucht.
Graf: Dazu möchte ich nichts sagen. Fakt ist: Wir haben im Gegensatz zu anderen Initianten keine Lobby im Rücken. Das Komitee besteht hauptsächlich aus Personen mit Familie mit Kindern. Zudem ist mir die Sicherheit meiner Familie wichtiger als die Initiative. Deshalb haben wir die Übung abgebrochen...

Wie geht es Ihnen jetzt?
Graf (überlegt): Ich leide an akutem Schlafmangel.

Wie muss ich das verstehen?
Graf: Ich bin berufstätig und habe tagsüber nicht die Zeit, mich um die Medien- und Politikarbeit zu kümmern. Die Seite habe ich deshalb vorwiegend abends und nachts betreut.

Sie sprechen davon, dass die Resonanz auf die Initiative Züge angenommen hat, die Sie nicht mehr kontrollieren können. Solche Reaktionen waren doch absehbar. Waren Sie nicht etwas naiv?
Graf: Das mag sein.

Gab es neben den negativen auch positive Reaktionen?
Graf: Und wie! Es gab Leute aus allen Landesteilen, die sich bereit erklärt haben, für uns freiwillig Unterschriften zu sammeln - ohne finanzielle Entschädigung. Es haben uns sogar Schweizer, die im Ausland leben, angeschrieben und uns ihre Unterstützung zugesichert. Deshalb bin ich überzeugt: Wir hätten die nötigen Unterschriften auftreiben können.

Derweil unterstellen Ihnen Politiker, dass die Initiative unseriös ist - gerade weil Sie abgetaucht sind.
Graf: Ich möchte diese Meinungen nicht weiter kommentieren. Aber wir möchten festhalten, dass die Initiative seriös aufgezogen wurde und nicht nur als Provokation gedacht war.

Diese Meinung teilen die wenigsten. Marcel Graf begründet auf der Homepage den Rückzug der Initiative wie folgt: «Keine Frage, für uns wäre die Todesstrafe wie in der Initiative beschrieben, die Lösung vieler Punkte. Unbegründet zieht sich das Verfahren in unserem Fall seit eineinhalb Jahren hin, bis jetzt ohne Ergebnis.»

Weiter heisst es: «Die Angehörigen haben ein Recht das Geschehene zu verarbeiten. Störende Faktoren müssen für diesen Prozess beseitigt werden. Der Täter ist der störende Faktor.» Damit nicht genug: «Solche Verbrechen hinterlassen massive Spuren an den Opfern und am Tatort. Mit der heutigen Kriminaltechnik werden keine Unschuldigen mehr hingerichtet.»

Rechtsexperten und Politiker erachten diese Argumentation indes nicht nur als Provokation, sondern auch als hoch umstritten. So sind denn auch in den USA Kriminalfälle dokumentiert, die belegen, dass Unschuldige inhaftiert, verurteilt und hingerichtet wurden.

Trotzdem: Sie haben die Initiative eingereicht, veröffentlicht - sogar mit den Namen und Anschriften der Komiteemitglieder. Danach haben Sie sich versteckt. Warum?
Graf: Es geht und ging nur um die Sache. Meine Person ist nicht wichtig, und die Komiteemitglieder auch nicht. Nur unser Anliegen.

Und was antworten Sie den Politikern und Rechtsgelehrten, die Ihnen vorwerfen, die demokratischen Institutionen dieses Landes für Ihre Zwecke zu missbrauchen?
Graf: Das ist die Meinung der jeweiligen Personen.

Im Initiativtext steht: «Wer in Kombination mit sexuellen Handlung mit einem Kind, sexueller Nötigung oder Vergewaltigung eine vorsätzliche Tötung oder einen Mord begeht, hingerichtet wird und zwar unabhängig von Gutachten oder wissenschaftlichen Erkenntnissen». Das bedeutet, dass mutmassliche Täter hingerichtet werden sollen, selbst wenn ein Psychologe oder Psychiater diese für unzurechnungsfähig erklärt. Richtig?
Graf: Ja. Oder erkennen Sie was, was am Täter behandelt werden könnte?

Auf Ihrer Webseite führen Sie sieben Gründe an, welche für die Initiative sprechen. Auch beim Rückzug Ihres Begehrens argumentieren Sie mit sieben Gründen. Hat das einen religiösen Hintergrund?
Graf: Ich stehe auch auf Dan Brown. (Gemeint ist der britische Schriftsteller Dan Brown, Bestellerautor von «Illuminati» und «The Da Vinci Code».) Es waren einfach unsere Argumente. Die Zahl sieben war ein Zufall.

Für Aufsehen sorgte ebenfalls die Nachricht an den «Täter», das Schimpfwort *F* you, welche Sie im Internet hinterlassen haben. War das nicht überflüssig?
Graf: Definitv! Das geschah aus Versehen.

Aus Versehen?
Graf: Ich habe morgens um drei Uhr bei der Umgestaltung der Webpage das falsche Flag gesetzt und damit eine Testseite aufgeschaltet. Den Fehler habe ich nicht bemerkt, es muss am Cache gelegen haben. Meine Mutter hatte einen Schock. Sorry, Mom!

Inzwischen wurde das Unwort durch eine andere Message - «we'll be back» - ersetzt. Ist diese zweite Nachricht auch ein Versehen?
Graf: Nein. Als ich realisiert habe, dass dieses Wort auf der Homepage steht, musste ich diesen Satz entfernen und durch eine andere Message ersetzen. Ich habe den besten Vorschlag aus den eingegangenen Emails verwendet.

Ist «We'll be back» so etwas wie eine Ankündigung?
Graf: Der Empfänger versteht die Nachricht, sie ist nicht für Sie bestimmt.

Trifft es zu, dass der Auslöser für die Initiative ein Mordfall in der Nähe von Kriens innerhalb Ihrer Familie ist?
Graf: Bitte verstehen Sie, dass ich dazu nichts sagen möchte.
Die letzte Frage führt dazu, dass Marcel Graf nur schwer die Fassung bewahren kann. Er beendet das Gespräch.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1