Berufswahl
Männliche Betreuer in Kitas verlieren Exotenstatus

Junge Männer stossen in das bis anhin typische Frauenberufsfeld Kinderbetreuung vor: Dies belegen Zahlen der Dachorganisation der Arbeitswelt Soziales (SavoirSocial). Eine Männerquote soll den Trend noch verstärken.

Karen Schärer
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Im Jahr 2006 lag demnach der Männer-Anteil unter den Lehrabgängern «Fachperson Kinderbetreuung» erst bei 5,5 Prozent. Inzwischen ist er auf fast 10 Prozent angestiegen. Wie viele dieser Männer nach abgeschlossener Ausbildung in Kindertagesstätten arbeiten, ist nicht bekannt, denn es gibt keine Statistiken dazu. Lehrabgängern steht zum Beispiel die Weiterbildung zum Sozialarbeiter offen.

Ein Pionier, der dem Beruf aus Überzeugung treu geblieben ist, ist Flavio Baltermia. Seit mittlerweile zehn Jahren arbeitet der heute 36-jährige ausgebildete Kindergärtner in Kitas in Bern. Er sagt, er habe als männlicher Betreuer noch nie Ablehnung vonseiten der Eltern zu spüren bekommen. Im Gegenteil. Und bei Stellenwechseln habe man als Mann in diesem Berufsfeld Vorteile. «Viele Kitas freuen sich, einen Mann im Team zu haben», sagt Baltermia.

Beim Wickeln steht die Türe offen

Doch es gibt auch Betriebe, die aus Prinzip keine Männer anstellen, wie Margrit Kohli vom Bildungszentrum Kinderbetreuung in Zürich weiss. «Allfällige Vorwürfe, es habe ein Übergriff stattgefunden, sind sehr aufreibend und rufschädigend. Für den Betroffenen bedeutet es das Ende der Ausbildung, ob der Vorwurf berechtigt ist oder nicht», sagt Kohli.

Für die Thematik Missbrauch ist auch Kinderbetreuer Baltermia sensibilisiert. Dass er als Mann Sonderregelungen akzeptieren müsste – etwa, dass er Kinder gar nicht wickelt – nimmt er aber nicht hin: «Ich will arbeiten wie alle anderen auch.» Er sagt, er achte darauf, eine offene, transparente Arbeitsweise zu haben. Etwa, beim Wickeln die Türe offenstehen zu lassen.

Eine Quote für Männer

In Deutschland sind Männer in Kitas ebenfalls nach wie vor untervertreten, auch wenn es dort neuerdings eine staatlich mitfinanzierte Koordinationsstelle «Männer in Kitas» gibt. Die Hamburger CDU forderte kürzlich, künftig müssten 25 Prozent der Kita-Angestellten männlich sein.

Eine solche Zielsetzung auch hierzulande fände Talin Stoffel vom Verband Kindertagesstätten der Schweiz «sehr gut», auch wenn die Schweiz bezüglich Männeranteil in Kitas grundsätzlich «auf gutem Weg» sei: Die Ausbildung sei professionalisiert worden, die Ansprüche und damit auch das Selbstverständnis gestiegen. Weiterhin können aber die Lohnperspektiven nicht mit anderen Berufen mithalten.

Ständerätin Anita Fetz (SP/BS) plädiert offen für eine Männerquote, will aber früher ansetzen. «Schon bei den Ausbildungsgängen braucht es eine Quotenregelung. Für Frauen in technischen Berufen – und für Männer in sozialen, pädagogischen und Gesundheitsberufen», sagt sie. «Gerade im Bereich Erziehung wäre es wichtig, wenn Kinder auch mal einen Mann sehen würden. Dies trägt dazu bei, Rollenbilder zu flexibilisieren.»

Im Berufsverband Fachperson Betreuung sind die Meinungen zur Quotenfrage geteilt. Einige sehen sie als notwendig in einer Anfangsphase, andere glauben, der Männeranteil werde auch ohne Quote wachsen. Für SavoirSocial braucht es Anstrengungen auf Ebene des Berufsmarketings und eine stärkere Sensibilisierung der Eltern, Berufsberaterinnen und Berufsberater und Lehrpersonen.

Bereits seit 2008 arbeiten viele Kitas mit dem jeweils im November stattfindenden «Zukunftstag» (ehemals «Tochtertag») zusammen. Im Projekt «Ein Tag als Profibetreuer» können 5.- bis 7.-Klässler den Alltag in einer Kinderkrippe miterleben. «Zu diesem Zeitpunkt sind die Mädchen und Jungen noch nicht unter dem Druck, sich für einen Beruf zu entscheiden, und sind grundsätzlich offener, sich auch einen untypischen Beruf anzuschauen», sagt Projektleiterin Isabelle Santamaria.