Asyl

Mangel an Übersetzern: Hilfswerke fordern mehr Dolmetscher für Asylbewerber

Oft verstehen nur Dolmetscher die Aussagen der Asylbewerber.

Oft verstehen nur Dolmetscher die Aussagen der Asylbewerber.

Mit dem beschleunigten Asylverfahren verschärft sich der Mangel an Übersetzern. Wie der Bund reagiert.

Die Macht des Dolmetschers im Asylverfahren ist gross: Als Einziger versteht er die Aussagen aller Beteiligten. Kommt hinzu, dass manchmal Nuancen entscheiden, ob die Behörden dem Gesagten Glauben schenken oder nicht. Ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom vergangenen Sommer illustriert diesen Umstand eindrücklich: Es stützte einen Gesuchsteller, der gegen sein abgelehntes Asylgesuch rekurriert hatte.

Vor Gericht machte der Asylsuchende geltend, dass das Staatssekretariat für Migration (SEM) bei seiner Anhörung einen überforderten Dolmetscher eingesetzt habe. Dieser habe ein wesentliches Dokument irrtümlich mit «Haftbefehl» übersetzt, obschon es sich dabei um eine «Verfügung betreffend Haftanordnung» gehandelt habe. Der Übersetzungsfehler habe den Ausschlag gegeben, dass das SEM die Aussagen des Antragstellers als unglaubhaft eingeschätzt habe. Übersetzer tragen also eine hohe Verantwortung. Entsprechend wichtig ist ihre Professionalität.

Doppelte Kapazität nötig

Rund 500 Personen in 130 Sprachen sind derzeit SEM unter Vertrag. Die Zulassung ist streng geregelt: Muttersprache in der zu übersetzenden Sprache, mindestens Niveau B2 einer Schweizer Amtssprache. Nur wer ein mehrstufiges Prüfverfahren besteht, wird unter Vertrag genommen. Das SEM erwartet von seinen Dolmetschern ein «neutrales, reflektiertes sowie zurückhaltend-diskretes Verhalten» und «die inhaltlich richtige und vollständige Verdolmetschung des Gesagten» (Siehe Interview).

Mit den beschleunigten Asylverfahren, die voraussichtlich Anfang 2019 in Kraft treten, wird die Rolle der Dolmetscher nochmals massiv gestärkt. Neu werden sie zusätzlich für den kostenlosen Rechtsschutz beigezogen, das Kernstück der Reform. Aus Gründen der Rechtsstaatlichkeit werden Rechtsschutz und Anhörungen strikte voneinander getrennt. Will heissen: Wer für das SEM übersetzt, kann nicht im Rechtsschutz tätig sein und umgekehrt.

Das bedeutet aber, dass die Dolmetscher-Kapazität im Vergleich zu heute etwa verdoppelt werden muss. «Schon jetzt besteht klar ein Mangel an qualifizierten Dolmetschern», sagt Stefan Gribi von Caritas Schweiz. Zum Beispiel bei Tigrinya, der meistgesprochenen Sprache Eritreas. Im Asylrekord-Jahr 2015 ist es vorgekommen, dass schweizweit bis zu 100 Gespräche gleichzeitig in Tigrinya übersetzt werden mussten. Leidtragende seien vor allem Frauen: «Für sie ist es schwierig, gegenüber Männern aus demselben Kulturkreis belastende Erfahrungen zu schildern», sagt Gribi. Gerade weil in der Vergangenheit missglückte Kommunikation bei den Anhörungen ein wiederkehrendes Thema war, muss in diesem Bereich mehr investiert werden, so die Meinung der Hilfswerke.

Doch beim SEM gibt man sich gelassen. Man rechne lediglich mit einem «geringen Mehrbedarf» heisst es auf Anfrage. Die Migrationsbehörde stellt sich zudem auf den Standpunkt, dass es nicht in ihrer Verantwortung liege, Dolmetscher für den Rechtsschutz zu rekrutieren. «Der Leistungserbringer sorgt selber für eine unabhängige Verdolmetschung», sagt SEM-Sprecher Martin Reichlin. In den Ausschreibungen für die Rechtsschutz-Mandate werden denn auch keine Qualitätskriterien vorgegeben.

Angst vor dem billigsten Angebot

Das stösst auf harsche Kritik: «Der Bund muss aktiv werden, sonst werden auf einmal Leute eingesetzt, die nicht über die nötige Qualifikation verfügen», sagt Michael Müller von der Interessengemeinschaft für interkulturelles Dolmetschen und Vermitteln (Interpret). Er befürchtet, dass sich der Anbieter mit dem billigsten Angebot die Rechtsschutz-Mandate schnappen könnte – «mit katastrophalen Folgen für die Qualität des Asylverfahrens».

Auch unter dem Gesichtspunkt der Rechtsgleichheit sind fehlende Vorgaben problematisch: Eine ungleiche Qualität in den Verfahren führt zu einer Ungleichbehandlung der Asylsuchenden. Für die Hilfswerke ist es zudem schwierig, heute eine Investition zu tätigen, ohne zu wissen, ob sie morgen auch entsprechende Aufträge erhalten.

In einem Positionspapier fordert Interpret deshalb, dass das Qualifikationsprofil der Dolmetscher Teil der Ausschreibung sein muss und dass der Bund genügend Mittel in die Aus- und Weiterbildung der Dolmetschenden investiert.

Caritas hat nun reagiert und bietet einen Kurs an, um Dolmetscher für das neue Verfahren fit zu machen. Mit 15 Personen ist der Kurs ausgebucht. Ziel ist es, Fachwissen zu vermitteln und das Handwerk des Dolmetschers zu professionalisieren. Ein Handwerk, das nur allzu oft unterschätzt wird.

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