Bondo
«Man spürt schon auch Verzweiflung im Tal»: Murgänge und Evakuationen zehren an Nerven der Menschen

Ein zweiter Murgang in der Nacht auf Freitag hat die Lage im Bergsturzgebiet des Südbündner Bergells zusätzlich verschärft. Die Gerölllawine traf eine weitere Siedlung und beide Kantonsstrassen. Personen mussten evakuiert werden. Verletzte gab es nicht.

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Der Murgang hatte sich am Donnerstagabend während eines heftigen Gewitters in der Region lautstark angekündigt.
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Was die Behörden befürchtet haben, ist nun eingetreten: Wegen des anhaltenden Regens hat sich in Bondo erneut ein Murgang ereignet.
Erneuter Murgang nach Dauerregen in Bondo (1.9.2017)
Die Kantonsstrasse über den Malojapass zwischen Vicosoprano und Casaccia ist auf einer Länge von mehreren hundert Metern mit Schlamm und Gestein überschüttet.

Der Murgang hatte sich am Donnerstagabend während eines heftigen Gewitters in der Region lautstark angekündigt.

Screenshot/Twitter

Der erneute Murgang in der Nacht auf Freitag richtete weitere Verwüstungen im Katastrophengebiet um den Ort Bondo an. Erstmals ergossen sich Geröllmassen über den Bergfluss Maira auf die andere Seite des Tales und unterbrachen dort die alte Kantonsstrasse, die verkehrstechnisch der letzte Lebensnerv des Tales war.

Die erneute grosse Mure blockierte das Bergell und verunmöglichte eine Durchfahrt durch das Tal auf der Strasse. Die Verbindung in Richtung Italien sei dadurch für mehrere Tage unterbrochen, erklärte Anita Senti, Sprecherin der Kantonspolizei Graubünden, am Freitag auf Anfrage.

Die Geröllmassen füllten das Flussbeet der Maira, so dass sich das Wasser neue Wege sucht. Weitere Infrastrukturen werden dadurch bedroht.

Strasse im oberen Bergell unterbrochen

Ebenfalls unterbrochen wurde in der Nacht auf Freitag die Kantonsstrasse im oberen Bergell, am Fusse des Malojapasses. Dort überschwemmte ein über die Ufer getretener Bach den Verkehrsweg auf mehreren hundert Metern.

Offenbar sind dort die Geröllmassen relativ gering. Die Einsatzkräfte hofften, die Strasse am Freitagabend wieder freigeben zu können, wie Christian Gartmann, Sprecher des Führungsstabes der Gemeinde Bregaglia, sagte. Die Strassen durch das rund 30 Kilometer lange Bergell waren somit am Freitag an den beiden Enden des Tales unterbrochen. Das führte dazu, dass weite Teil des Bergells von der Aussenwelt abgeschnitten wurden.

Spino ebenfalls evakuiert

Ebenfalls zum ersten Mal erreichte Geröll die Ortschaft Spino, das auf der anderen Talseite gegenüber von Bondo liegt. Mehrere Häuser wurden beschädigt. Die Bewohner und Hotelgäste wurden in Sicherheit gebracht.

Einwohnerinnen und Einwohner hätten mit Sack und Pack fluchtartig das gefährdete Gebiet verlassen, berichtete ein SRF-Reporter vor Ort. Zwei ältere Erwachsene wurden in einem Gebäude eingeschlossen. Die Rega barg sie mit einer Winde. Alle Evakuierten seien unverletzt und im Trockenen, sagte Gartmann. Einige seien im nahegelegenen Talspital untergebracht worden.

Bilder von den Schäden nach dem Bergsturz bei Bondo:

Der Bergsturz von Bondo
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Am Piz Cengalo im Grenzgebiet zu Italien löste sich in der Nacht auf Freitag kein weiteres Gestein
Eine Schneise der Verwüstung zieht sich durchs Tal: Doch wie man sieht, ist das Dorf Bondo noch glimpflich davongekommen.
Der gewaltige Murgang streifte Bondo und überspülte die Hauptstrasse des Bergells.
Vier Millionen Kubikmeter Material waren am Mittwoch abgebrochen und in das Seitental Val Bondasca gestürzt, von wo aus ein Teil des Abbruchs bis ins Haupttal Bergell vor das Dorf Bondo geschoben wurde.
Eine weitere Million Kubikmeter soll am Berg in Bewegung sein, weshalb mit weiteren Bergstürzen gerechnet wird.
Wie die Polizei mitteilte, stammen die Vermissten aus dem Bundesland Baden-Württemberg in Deutschland, aus der österreichischen Steiermark und aus dem Kanton Solothurn.
Die Einwohner des Bergeller 200-Seelen-Dorf Bondo mussten nach dem Bergsturz und einem folgenden Murgang evakuiert werden.
Im Murgebiet, wo ein Alarmsystem installiert ist, arbeiten insgesamt 120 Einsatzkräfte.
Am Freitag, zwei Tage nach dem Felssturz, durfen einige der 100 evakuierten Bewohner zurück ins Dorf. Welche, das ging von der Gefahrenzone ab.
Andere durften am Freitag in Begleitung des Zivilschutzes oder der Feuerwehr vorübergehend in ihre Wohnungen gehen.
Am Donnerstag machte sich Bundespräsident Doris Leuthard persönlich ein Bild von der Lage in Bondo.
Der Bergsturz von Bondo ist einer der gewaltigsten in der Schweiz seit deutlich über 100 Jahren.
Mit einer Ausnahme handelt es sich sogar um den grössten Materialabgang seit dem Grossereignis in Elm im Kanton Glarus im Jahr 1881.
Der Bergsturz im Bergell hat viele Gebäude zerstört, wie Luftaufnahmen zeigen. Felssturz und Murgang zerstörten auch Felder und Weidegebiet, Strassen und Wege.
Wie hoch die Schäden wirklich sind, wird erst klar, wenn Schadenexperten das Gebiet betreten dürfen.
Bergsturz in Bondo: So sieht es im Ort aus Der Bergsturz bei Bondo im bündnerischen Bergell hat möglicherweise doch Opfer gefordert. Sechs Personen sind als vermisst gemeldet. Die Suche nach den Vermissten ist noch am Laufen. Dabei kommen auch Helikopter der Armee zum Einsatz. Der 200-Seelen-Ort bleibt evakuiert.

Der Bergsturz von Bondo

Miguel Medina

Neue Evakuationen

Der neuerliche Murgang füllte das teils entleerte Auffangbecken bei Bondo und traf die Siedlung Spino auf der anderen Talseite. Offenbar spielten sich dramatische Szenen ab. Einwohner von Spino flüchteten vor den herannahenden Massen aus Gestein und Schlamm. Zwei ältere Personen wurden in ihrem Haus eingeschlossen. Der Rega gelang es, sie in der Dunkelheit mit einer Winde zu retten und auszufliegen.

Gespenstisch wurde die Szenerie, als in Promontogno, dem Nachbardorf von Bondo, Stromleitungen zerstört wurden und das Licht ausfiel. Christian Gartmann sagte, die Situation sei für die Leute in der Nacht im Bergsturzgebiet "dramatisch gewesen mit dem Lärm und der Kulisse".

Das Ereignis hatte sich lautstark mit einem Gewitter und Gesteinsabbrüchen am Piz Cengalo angekündigt. Es folgte das Grollen der fliessenden Mure durch das Seitental Val Bondasca, bevor die Geröllmassen das Haupttal bei Bondo erreichten.

Gefahr bleibt hoch - Arbeiten eingestellt

Die Gefahr für die Siedlungen Bondo, Promontogno und Spino hat sich durch den neuerlichen Murgang verschärft. Und zwar deshalb, weil das Auffangbecken bei Bondo mit neuem Material gefüllt wurde. Damit fehlt bei einem weiteren Murgang eine zentrale Schutzvorrichtung.

Räumungsarbeiten waren am Freitag nicht möglich. Die Gefahr für die Einsatzkräfte war zu gross. Wie es weitergeht, wollte der Führungsstab am Samstagmorgen entscheiden. Das Risiko weiterer Felsabbrüche und Murgänge bleibt derweil hoch.

Bevölkerung erschüttert

Die wiederholten Murgänge und Evakuationen zehren inzwischen an den Nerven der betroffenen Bevölkerung. Die insgesamt 1500 Bewohner des Südtales versuchen, die Situation gemeinsam zu bewältigen und sich gegenseitig beizustehen.

Man spüre schon auch Verzweiflung im Tal, sagte Christian Gartmann der Nachrichtenagentur sda. Viele Menschen seien erschüttert: "Manche mussten so schnell flüchten, dass sie nicht mal eine Bankkarte mitnehmen konnten."

Die gegenseitige Anteilnahme sei gross. Man helfe sich. Das Gemeindehaus und das Büro von Gemeindepräsidentin Anna Giacometti stünden allen jederzeit offen. "Wer kommt, dem wird geholfen", berichtete Gartmann.

Ein Grossteil der aus Bondo und nun auch aus Spino evakuierten Menschen ist bei Verwandten und Freunden untergekommen. Einzelne fanden Zuflucht im kleinen Talspital.