Man pfeift auf den Tierschutz

Trauriger Rekord im Jubiläumsjahr: Noch nie hatte der Aargauische Tierschutzverein so viele Tierschutzfälle zu behandeln wie im 2008. Darum wünscht man sich, vom Kantonalen Veterinärdienst besser unterstützt zu werden.

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Die vier jungen Leute vom Aargauer Tierschutz (ATs) beladen den Kombi mit leeren Kleinkäfigen. Um 10 Uhr ist Einsatztermin. Acht Kaninchen sollen aus tierschutzwidrigen Verhältnissen befreit werden. «Ein Klassiker», sagt Marlies Widmer, Geschäftsführerin des ATs. Den «Tatort» kennt man. Die Polizeipatrouille ist bereits vor Ort. Kurze Zeit später trifft noch eine Equipe der Kaninchenhilfe Schweiz ein. Zu Hause ist niemand. Doch ausnahmsweise sind es die ATs-Leute, die behördlich befugt sind einzuschreiten.

Die Tiere sind verwahrlost. Im Gehege befindet sich ein morscher Bretterverschlag. Der Boden, von Tunnels durchpflügt, besteht nur aus kalter Erde. Der Gesundheitszustand der Tiere ist schlecht. Alle haben Schnupfen, die Gesichtshälfte eines Tieres ist von einer nicht heilenden Wunde bis auf den Backenknochen zerfressen. Sieben Kaninchen sind eingefangen. Die Besitzerin trifft ein. Irgendwo müsse noch ein achtes Tier sein; dasjenige, das ein Auge verloren habe, erinnert sich Christine Boog vom ATs an den letzten Besuch. Man findet es nicht.

Es gehe nicht um Bestimmungen der neuen Tierschutzverordnung, sagt Marlies Widmer. Die Verstösse hätten generell zugenommen. Erschreckend viele Fälle orte man in der Landwirtschaft: Rinder, die im Stall einen Winter lang ohne Tageslicht vegetieren, Schafe in zu engen Verhältnissen, deren Heu mit Kot der Jungtiere durchsetzt ist. Und die Wirtschaftskrise könnte alles noch verschlimmern.

Wird der Tierschutz benachrichtigt, schickt dieser meist die tierschutzbeauftragte Person vor. Sie versucht, zusammen mit dem Halter die Situation der Tiere zu verbessern. Zeigt sich dieser uneinsichtig, braucht es behördliche Autorität. Man schaltet den Kantonalen Veterinärdienst ein. Der Tierschutz müsse vermehrt dort einschreiten, wo man den Fall bereits dem Veterinärdienst gemeldet habe.

Das sei irritierend, so Widmer. Offenbar fehlen in Aarau die Ressourcen, um Auflagen zu kontrollieren. Auch mit Rückmeldungen klappe es nicht. Widmer: «Der ganze Vollzug wäre eigentlich nicht unsere Aufgabe. Schon personell ist der Aufwand für uns gross, denn wir leben von Spenden, nicht von Staatsfinanzen.»

Erika Wunderlin, Kantonstierärztin taxiert die landwirtschaftliche Tierhaltung eher als besser: «Die Ställe sind tiergerechter geworden.» Allerdings müsse sich der Veterinärdienst auf die Gesetzesgrundlagen beschränken und könne deshalb nur die Mindestanforderungen durchsetzen. «Was darüber hinausgeht, da können wir nur Empfehlungen abgeben.» Das ist für Widmer der springende Punkt: «Das Gesetz hat soviel Spielraum, dass damit auch das Wohl des Tieres geltend gemacht werden kann.»

Wunderlin sieht hier die Differenz: «Der Tierschutz will weiterreichende Massnahmen.» Dazu Widmer: «Auch Nutztiere, die auf der Schlachtbank enden, haben doch ein tiergerechtes Leben verdient.» Dass der Veterinärdienst Mal eine Rückmeldung vergesse, könne vorkommen, gesteht Wunderlin. Und zur Überlastung: «Wir sind zwar ausgelastet, können aber unsere Aufgaben bewältigen, wobei es bei Personalwechsel, Ausfällen oder Ferien problematisch wird», – und lässt damit durchblicken, dass die Personaldecke dünn und die neue Departementsvorsteherin gefordert ist. (mz/rr/aen)