Man ist sich nicht mehr grün

Man ist sich nicht mehr grün

Mit Vorwürfen will man sich im bürgerlichen Lager nach der Wahlschlappe in Zofingen nicht gerade eindecken. Aber die Freisinnigen empfinden die Kandidatur der SVP im Nachhinein schon ein bisschen als Zwängerei.

Urs Moser

Die Ersatzwahl für den zurückgetretenen freisinnigen Zofinger Stadtrat Herbert H. Scholl kam so heraus, wie das wohl niemand erwartet hatte: Gewählt wurde nicht der allgemein favorisierte SVP-Kandidat Stefan Giezendanner, sondern Christiane Guyer, Vertreterin der Grünen.

Bürgerliche Mehrheit verspielt

Die SVP war angetreten, um die bürgerliche Mehrheit im Zofinger Stadtrat zu sichern. Das ging gehörig daneben. Zofingen ist nun zwar nicht eindeutig links-grün, aber mit Sicherheit von keiner bürgerlichen Mehrheit regiert: Neben dem parteilosen Stadtammann Hans-Rudolf Hottiger stellen FDP, SVP und Dynamische Mitte/CVP je eine, die SP zwei und die Grünen eine Vertretung im Stadtrat. Ursprünglich wollte die SVP den Freisinnigen ihre zwei Sitze überlassen. Nachdem aber die Grünen ihren Anspruch angemeldet hatten, empfand man wohl die freisinnige Kandidatin Patricia Kettner als zu wenig zugkräftig und schickte Stefan Giezendanner, den Sohn von SVP-Nationalrat Ulrich Giezendanner, ins Rennen. Die Strategie schien zunächst auch aufzugehen. Giezendanner lag nach dem ersten Wahlgang vorn und hatte FDP-Kandidatin Kettner klar abgehängt. Am Sonntag dann aber die Überraschung: Giezendanner legte gegenüber dem ersten Wahlgang nur marginal zu, die freisinnigen Wähler blieben entweder zu Hause oder schwenkten zur Kandidatin der Grünen über, die gegenüber dem ersten Wahlgang 300 Stimmen zulegte und Giezendanner um 41 Stimmen überflügelte.

Zu stark polarisiert

Nun bereuen es die Freisinnigen etwas, dass sie sich auf das Spiel der SVP eingelassen und ihre Kandidatin für den zweiten Wahlgang freiwillig aus dem Rennen genommen haben. «Im Nachhinein betrachtet, wäre es am gescheitesten gewesen, wenn sich die SVP zugunsten unserer Kandidatin zurückgezogen hätte», meint der Zofinger FDP-Präsident Dieter Matter. Häte sich die SVP zur Unterstützung der FDP-Kandidatin durchringen können, hätte das bürgerliche Lager die Wahl «garantiert» gewonnen, so die Überlegung. Jetzt habe sich einmal mehr gezeigt, dass die SVP mit ihren «extremen Haltungen» einfach Mühe habe, für Majorzwahlen Wähler aus der Mitte abzuholen, so Matter. Viele Leute aus dem eigenen Lager hätten ihm gesagt, sie hätten zum ersten Mal in ihrem Leben leer eingelegt, weil ihnen zwar die Kandidatin der Grünen auch nicht behagte, SVP-Mann Giezendanner aber zu stark polarisierte. Der FDP-Präsident interpretiert das Wahlergebnis so, dass nicht unbedingt die freisinnigen Parteigänger zur Kandidatin der Grünen übergelaufen sind, sondern vielmehr die Kandidatur der SVP mit Einwohnerrat Stefan Giezendanner das Ihre zu einer ausserordentlichen Mobilisierung der Wählerschaft im links-grünen Lager beigetragen hat.

Mehr Unterstützung erwartet

Bei der SVP fällt die Wahlanalyse selbstredend etwas anders aus. Die Strategie sei mit den Exponenten der FDP abgesprochen gewesen, da hätte man eigentlich schon von einer breiteren Unterstützung für Stefan Giezendanner ausgehen dürfen, findet SVP-Präsident Robert Markus Fedier, der heute selbst in eine Wahl steigt: Er steht im Grossen Rat für eine frei werdende Oberrichter-Stelle zur Debatte.
Offensichtlich habe man aber tatsächlich das Potenzial an freisinnigen Stimmen für den SVP-Kandidaten falsch eingeschätzt, muss der SVP-Präsident das Unübersehbare eingestehen. Sich nicht hinter die freisinnige Kandidatin gestellt zu haben, betrachtet man bei der SVP dennoch nicht als Fehler. Nach der Ankündigung der Kandidatur der Grünen habe es auch viele Signale gegeben, dass eine weibliche Mehrheit im Stadtrat kaum opportun sei.

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