«Mona mittendrin»

«Man darf niemanden beim Sterben zeigen»: Ex-SRF-Chef übt scharfe Kritik am Fernsehen

Diego Yanez, früherer Chefredaktor des Schweizer Fernsehens: «Die Ausstrahlung verstösst gegen die publizistischen Leitlinien des SRF.»

Diego Yanez, früherer Chefredaktor des Schweizer Fernsehens: «Die Ausstrahlung verstösst gegen die publizistischen Leitlinien des SRF.»

In der Sendung «Mona mittendrin» sah man, wie ein Mann erfolglos reanimiert wurde. Die Kamera hätte wegschwenken müssen, sagt nun eine gewichtige Person: Diego Yanez, früherer Chefredaktor des Schweizer Fernsehens und heute Direktor des Medienausbildungszentrums.

In ihrer neusten Folge hat TV-Reporterin Mona Vetsch die Basler Berufsfeuerwehr begleitet. Zu deren Alltag gehören auch Einsätze, bei denen es um Leben und Tod geht. Als bei den Dreharbeiten für «Mona mittendrin» die Feuerwehrleute in einem Einkaufszentrum einen Mann aus einer WC-Kabine befreien müssen, kommt es zu dramatischen Szenen. Der Mann hat einen Herz-Kreislauf-Stillstand erlitten und die Sanitäter versuchen ihn zu reanimieren. Die SRF-Kameras zeigen die Wiederbelebungsversuche einige Sekunden lang, doch sie sind erfolglos: Der Mann stirbt.

Obschon das Fernsehen die Bilder verpixelt – der Mann ist also nicht erkennbar – wirft das Vorgehen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens medienethische Fragen auf. Darf das SRF einen sterbenden Menschen zeigen? «Nein», sagt Diego Yanez, früherer Chefredaktor des Schweizer Fernsehens und seit 2014 Direktor des Medienausbildungszentrums (MAZ) in Luzern. Er äusserte sich heute ausführlich ‑ und zwar auf Radio SRF, das den Fall im eigenen Haus in der Sendung «Rendez-vous» ausführlich und kritisch aufarbeitete.

SRF verteidigt sich: Man habe den Alltag der Feuerwehr abbilden wollen

Yanez zeigt sich überrascht, dass das Fernsehen diese Szenen gezeigt habe. Denn die Ausstrahlung verstosse gegen die publizistischen Leitlinien des SRF. «Wir zeigen keine sterbenden Menschen», heisst es dort ohne Relativierung und ohne Ausnahmen. Die Verpixelung sei also keine Rechtfertigung, folgert Yanez.

Beim SRF sieht man das anders. Der für die Sendung verantwortliche Bereichsleiter Daniel Pünter betont hingegen, man habe bei «Mona mittendrin» den Fokus nicht auf den sterbenden Mann gelegt, sondern auf die Feuerwehrleute, die ihn zu retten versuchten. Und dies gehöre zum Alltag der Feuerwehr, den man abbilden wolle.

Ex-SRF-Chef Yanez lässt dieses Argument nicht gelten: Der Tod gehöre zum Alltag von vielen Berufsgruppen, das heisse aber nicht, dass man ihn explizit zeigen müsse. «Man hätte die Reanimation kurz filmen können, aber mit der Kamera nicht drauf bleiben und nicht warten sollen, bis der Mann tot ist.» SRF hätte, sagt Yanez, den Tod auf andere Weise thematisieren können, etwa indem es die involvierten Feuerwehrleute hätte zu Wort kommen lassen. Aber das Fernsehen dürfe niemanden beim Sterben zeigen.

Der «Blick »enthüllt, wer der Tote ist

Die umstrittene SRF-Ausstrahlung wurde heute noch heikler, weil die Zeitung «Blick» die Identität des Mannes publik machte. SRF bedaure dies, sagt Pünter: «Uns tut es sehr leid, auch für die Angehörigen.» Der «Blick» enthüllte in seiner Freitagsausgabe, um wen es sich beim Toten handelt. Die Zeitung begründete die Publikation damit, dass es sich um eine bekannte Person handle, die bereits zweimal im Fernsehen zu sehen war, unter anderem auf 3+ bei «Bauer, ledig, sucht». Laut «Blick» sei es der Familie des Toten nicht bewusst gewesen, dass ihr Sohn und Bruder beim Sterben im Fernsehen gezeigt würden. Dies habe der «Blick» thematisiert.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1