Bundesrat

Mal Kaspar, mal Staatsmann

15 Jahre lang war Moritz Leuenberger Bundesrat. Nun tritt er ab - ein Ära geht zu Ende. az-Chefredaktor Christian Dorer über einen Mann, der sich mal als Kaspar, mal als Staatsmann gab.

Am 15. Oktober 2010, zwei Wochen vor seinem letzten Arbeitstag als Bundesrat, kamen Moritz Leuenberger die Tränen der Rührung: Mitten im Berg, beim Durchstich des Gotthard-Basistunnels, im geschichtsträchtigsten Moment seiner Karriere. «Dass ich so gerührt bin, dass ich Augenwasser bekomme - das hätte ich nicht erwartet», stellte er erstaunt fest.

Moritz Leuenberger war stolze 15 Jahre lang Bundesrat, und mancher fragte sich jahrlang, halb bang, halb bewundernd: Wie hält er es bloss so lang aus? Vielleicht hat auch das damit zu tun, dass Leuenberger so ganz anders ist als alle anderen: intellektuell, raffiniert, manchmal kultig-schräg, immer auf der Suche nach dem Speziellen - sicher nie 08/15. In den Würdigungen am Tag nach seiner Rücktrittsankündigung las man folgende Attribute: Leuenberger sei feinfühlig, witzig, ironisch, griesgrämig, leidend, genervt, souverän. Alle treffen eine seiner vielen Facetten. Er liebte es, den Kaspar zu machen, schnüffelte für ein Foto zur Umweltpolitik mal an einem Auspuff. Wenn es aber darauf ankam, war er Staatsmann. Das bewies er während seines ersten Präsidialjahres 2001, einem Katastrophenjahr mit den Terroranschlägen in New York, dem Attentat in Zug, dem Inferno im Gotthard-Strassentunnel und dem Swissair-Grounding. Leuenberger fand die richtigen, einfühlsamen Worte, wie das kaum ein anderer Magistrat gekonnt hätte. Leuenberger mag sachpolitisch als durchschnittlicher Bundesrat in die Geschichte eingehen, menschlich war er eine Ausnahmeerscheinung.

Häufig lustig

Wenn man als Journalist mit Leuenberger zu tun hatte, ging es häufig lustig zu und her. 2004 begleitete ich ihn an ein Treffen der europäischen Verkehrsminister nach Dublin. Mit Leuenberger wurde selbst diese öde Veranstaltung zum Gaudi: Formel-1-Fahrer Michael Schumacher war der Star des Tages. Da mischte sich Leuenberger in den Pulk der Fotografen, um so an Schumi ranzukommen. Er sei der Schweizer Umweltminister und damit verantwortlich für das strenge Umzonungsgesetz, wegen dem Schumis Hauskauf in der Ostschweiz geplatzt sei, sagte er dem Rennfahrer, der nicht recht wusste, ob das nun ernst gemeint oder ein Jux war, und ziemlich verdutzt aus der Wäsche guckte. Das Mittagessen nahm Leuenberger dann nach bewährter Manier ein, um trotz unzähliger Diners schlank zu bleiben: Die adrett angerichtete Speise etwas zerschneiden, auf dem Teller umherschieben, neu ordnen, aber kaum etwas essen. Das funktioniert - und wirkt ungleich höflicher, als alles stehen zu lassen. Kein anderer Bundesrat wendete so viel Zeit für Kommunikation auf wie Leuenberger: Er bloggte, er feilte tagelang an seinen Reden, die in Buchform erschienen sind und Kultstatus haben wie er selbst.

Bei einer Autobahneröffnung begann er mal so: «Verehrte Feldhasen, liebe Zugvögel.» Viel näher als die Strasse aber lag Leuenberger die Bahn - und da hat er als SP-Verkehrsminister in einer bürgerlich dominierten Regierung erstaunlich viel erreicht: ein Volks-Ja zur neuen Eisenbahn-Alpentransversale (Neat), die Einführung der leistungsabhängigen Schwerverkehrsabgabe (LSVA), die Schaffung des Infrastrukturfonds, eine CO -Abgabe. Ohne Leuenberger wäre der öffentliche Verkehr in der Schweiz heute nicht derart gut ausgebaut. Hingegen muss er sich vorwerfen lassen, dass er die Strasse vernachlässigt hat. Auch wenn letztlich der Gesamtbundesrat und das Volk die Verkehrspolitik festlegen: Der Verkehrsminister kann Projekte anstossen oder sein lassen. Und für den wirtschaftlichen Erfolg eines Landes braucht es beides: gut ausgebaute Strassen und Bahnen.

Auch persönlich setzte Leuenberger auf die Bahn: Er pendelte fast täglich zwischen Zürich und Bern. Im SBB-Magazin «Via» verriet er einmal, dass er meistens den Zusatzzug nimmt, Zürich ab 7.47 Uhr, Bern an 8.45 Uhr. Auch dieser Arbeitsbeginn war ungewöhnlich für einen Bundesrat und nährte die Gerüchte, wonach vor allem Generalsekretär Hans Werder das Tagesgeschäft leitete. Ohne Schwerarbeiter Werder hätte Leuenberger wohl nicht 15 Jahre durchgehalten. Wobei eine solche Amtszeit heutzutage so oder so zu lang ist: Niemand kann 15 Jahre lang Energie und Tatendrang aufbringen, wie es ein solches Amt erfordert.

Nächstes Jahr wäre Leuenberger ein drittes Mal Bundespräsident geworden. Nur wenige hätten ihm zugetraut, dass er freiwillig darauf verzichtet. Typisch Leuenberger: Er macht alles ein bisschen anders, als alle denken.

Lesen Sie morgen: Der Abschied von Bundesrat Hans-Rudolf Merz.

Meistgesehen

Artboard 1