An meinen Hals schmiegt sich ein junger Mann, den ich noch nie gesehen habe, und ich spüre seine Beine auf meinen. Eine Hand streichelt meinen Kopf und ich weiss nicht, wem die Hand gehört. Die 30 Menschen um mich herum seufzen und kichern. Wir kennen einander zwar nicht, spüren uns aber. Wir sind an einem Kuschelabend.

Die Idee stammt aus den USA

Der Kuschelabend, auch «Cuddle Party» genannt, ist eine US-amerikanische Erfindung aus New York. 2004 bemerkten der Sexualtherapeut Reid Mihalko und die Beziehungsberaterin Marcia Baczynski, dass sich die Körperkontakte von befreundeten Paaren auf ein Minimum beschränkt hatten. Sie kamen auf die Idee, eine «Cuddle Party» zu veranstalten, um neues Leben in die Beziehungen zu bringen. Sie luden ihre Freunde zu sich nach Hause ein und alle umarmten einander und fühlten sich gut. Später kamen Fremde dazu. Es war der Beginn einer weltweiten Bewegung. Von Australien bis Österreich und von Südafrika bis Schweden treffen sich heute fremde Menschen regelmässig, um einander zu umarmen. Auch in Zürich ist der Trend angekommen. Einmal im Monat leiten Lucianna Braendle und Bernhard Bäumle von «Zeit Zum Kuscheln» einen Abend mit rund 30 Teilnehmern.

Lucianna Braendle ist soziokulturelle Animatorin, Bernhard Bäumle Informatik-Ingenieur. Nebenberuflich organisieren sie die Kuschelevents. Die Abende beginnen damit, dass die Teilnehmer im Kreis sitzen, einen Plüschtiger von einer Person zur nächsten reichen und erzählen, wie sie sich fühlen. Bei gemeinsamem Tanz kommen sie sich allmählich näher, bis sie am Schluss alle zusammen auf Matten liegen und einander umarmen. Neben dem Seufzen und Kichern der Teilnehmer hört man sanfte Musik und es riecht nach Räucherstäbchen.

Bei Fremden Nähe tanken

Braendle und Bäumle sagen, das gemeinsame Kuscheln sei ein Stück Lebensqualität. «Denn wir leben in einer berührungsarmen Welt», sagt Bernhard Bäumle. Gegen dieses Defizit könne eine Umarmung von einem Freund oder einer Freundin helfen. «Aber wenn jemand diese Möglichkeit nicht hat oder sich einfach mehr Berührungen wünscht, dann kann er an einem solchen Kuschelabend Nähe tanken.»

Eine der Teilnehmerinnen sagt: «Ich führe ein einsames Leben – hier bekomme ich die Nähe, die ich brauche.» Allerdings ist die Einsamkeit nicht der einzige Grund, warum die Kuschler sich einmal im Monat treffen. Auf die Frage, warum sie hierherkommen, antworten die meisten Teilnehmer: «Ich will mir etwas Gutes tun» oder «Nach dem Kuscheln fühle ich mich viel besser als zuvor».

Bernhard Bäumle sagt, das Kuscheln in einer Gruppe führe dazu, dass man sich selber näher komme: «In nahen Beziehungen sind wir uns daran gewöhnt, uns auf ein einzelnes Gegenüber zu konzentrieren – beim Kuscheln in der Gruppe muss und darf man einfach gut zu sich selber schauen.» Diese Kombination von Nähe und Selbstbezogenheit sei sehr befreiend. «Dazu kommt, dass körperliche Nähe das Glückshormon Oxytocin ausschüttet», sagt Braendle.

Klare Regeln beim Kuscheln

Weniger optimistisch sieht das der Psychologe und Paartherapeut Klaus Heer: «Ich bin der Kuschelgruppe gegenüber zwiespältig.» Zwar sei es richtig, dass der Mensch Berührungen brauche, aber Berührungen drückten natürlicherweise aus, dass man sich nahe fühle. «Nähe entsteht aus Liebe und Zuneigung und wächst aus einem sozialen Bezug», so Heer. Das Kuscheln als monatlicher Event könne das nicht bieten. Zudem vermute er, ein Kuschelabend könne diskret als Partnerbörse genutzt werden – sowohl von Anbietern als auch von Teilnehmenden.

«Wir können nicht verhindern, dass nach einem Kuschelabend Telefonnummern ausgetauscht werden», sagt dazu Lucianna Braendle. Es sei denkbar, dass die Teilnehmer zu Hause auch miteinander kuscheln würden. Während des Kuschelabends seien aber alle Teilnehmer an klare Regeln gebunden: «Die Kleider bleiben immer an, es wird nicht gefummelt und nicht geküsst – und wer nicht kuscheln will, der muss auch nicht», sagt Braendle.

Als der Abend vorbei ist, verlassen wir den Kuschelraum und stehen für ein paar Minuten auf einem Parkplatz in der warmen Zürcher Mainacht. Einige sehen aus, als wären sie frisch verliebt, andere halten noch immer Händchen. Ich finde es seltsam, dass ich mit diesen Menschen Minuten zuvor auf einer Matte lag und sie umarmte. Das Gefühl der Nähe ist schon verflogen.