Der Leistungsdruck in der Schweizer Landwirtschaft macht männliche Kälber zum Abfallprodukt – vor allem bei den Hochleistungs-Milchkuh-Rassen Holstein und Red Holstein. Gemäss der Tierverkehrsdatenbank sind letztes Jahr 8243 Kälber dieser Rassen «im ersten Lebensmonat verendet», wie das Konsumentenmagazin «Saldo» berichtet. Aber auch auf der Schlachtbank landeten rekordverdächtig viele junge Kälber: 3938, rund 1250 davon nicht einmal einen Monat alt. 93 Prozent der geschlachteten Kälber waren männlich.

Damit Kühe stetig Milch produzieren, müssen sie jedes Jahr kalben. Das Problem bei der Holstein- und Red-Holstein-Rasse ist aber, dass ihre Kälber kaum Fleisch ansetzen. Die Haltung der männlichen Kälber bedeutet Mehraufwand, weil ihnen Milch vertränkt wird. Diese «Tränkekälber» sind damit für Mäster und Metzger wirtschaftlich nicht interessant. In Neuseeland und Irland ist das Töten frisch geborener Tiere seit 50 Jahren gang und gäbe.

Projekt «Wurstkalb»

Um diese Tendenzen in der Schweiz zu unterbinden, haben der Schweizerische Bauernverband (SBV) und der Schweizerische Kälbermästerverband 2011 das Projekt «Wurstkalb» gestartet. Die Milchproduzenten sollten die nicht zur Weiterzucht bestimmten Kälber selber mästen und sie nach sieben Wochen (50 Tagen) als «Wurstkälber» schlachten lassen. Wie die Zahlen der Tierverkehrsdatenbank zeigen, wird diese Mindest-Alterslimite aber eben nicht eingehalten.

Schon Ende 2012 wollte die Politik Antworten auf dieses Problem. Auf eine Anfrage von Nationalrätin Isabelle Chevalley (GLP/VD) fand der Bundesrat jedoch, dass keine zusätzlichen Massnahmen notwendig seien. Die neusten Zahlen bringen nun auch Grüne-Nationalrätin Maya Graf (BL) auf den Plan: «Ich finde diese Entwicklung sehr schlimm.» Sie entspreche in keiner Weise einer nachhaltigen Landwirtschaft und einem würdigen Umgang mit unseren Nutztieren.

Die Zahlen zu den «verendeten jungen Kälbern» geben auch dem Schweizer Tierschutz (STS) zu denken. «Die Gesamtentwicklung in der Schweiz macht uns Sorgen», sagt Geschäftsführer Hansuli Huber. Schon seit Jahren habe es immer wieder Gerüchte dazu gegeben. Nun lägen auch Aussagen eines Insiders vor, wonach in der Region Payerne/Moudon/Yverdon mehrere grosse Milchviehbetriebe mit Holstein- und Red-Holstein-Kühen neugeborene respektive sehr junge männliche Kälber töteten und entsorgten.

Zurück zum Zweinutzungsrind

Eine andere Variante sei, erkrankte Kälber nicht zu behandeln, sondern sterben zu lassen. Anfragen bei Tierkadaverstellen hätten ergeben, dass sich die Anzahl angelieferter Kälber-Kadaver in den Abkalbemonaten nahezu verdoppelt habe. Der STS fordert deshalb eine Rückbesinnung auf die Tradition des Zweinutzungsrindes. Es brauche Kühe im Stall, die sowohl genügend Milch geben als auch Kälber gebären, deren Fleisch nutztiergerecht produziert werden kann. «Das Schweizer Braunvieh und das Simmentaler Fleckvieh sind prädestiniert dafür», sagt Huber.

Auch beim SBV und dem Kälbermästerverband sieht man Handlungsbedarf. «Die Frage, wie Milchrassen-Tränker verwertet werden können, muss unbedingt angesprochen werden», sagte Martin Rufer vom SBV gegenüber dem «Schweizer Bauer». Man müsse deshalb das Wurstkalb-Projekt weiter vorantreiben.