«Deine Freundin, die kann Blasen, die kann Blasen, die kann Blasen nicht ertragen», schallt es durch die Luzerner Bahnhofstrasse. Die Fasnächtler sind schon über 15 Stunden auf den Beinen.

Es ist 19 Uhr und der Alkoholpegel hoch. Ekstase! 7000 junge Leute tanzen, knutschen und torkeln. Wird auch gegrapscht? Die Luzernerinnen fürchten sich nicht davor. «Die Terroranschläge machen mir viel mehr Angst. Bei einem Bombenanschlag kann man sich nicht wehren», meint eine Dreissigjährige, die als Giraffe verkleidet ist und vor dem Kafiwage Deschawü eine Runde klebriger, grün-roter Shots ausgibt.

Eine Giraffe fürchtet sich nicht

Weil die Giraffe keine Angst hat, hat sie keinen Pfefferspray dabei. «Wenn mir einer blöd kommt, dann hau ich ihm eins zwischen die Beine», sagt sie. Ihr Blick verrät, dass es mehr sind als leere Worte.

Von ein paar Metern weiter oben an der Bahnhofstrasse weht rauchiger Dunst über die Löwenköpfe, Ritterhelme und Miniröcke. Die Hamburger brutzeln im Fett. Sie versprechen ein bisschen Ausnüchterung, bevor der nächste Kaffee mit einem Schuss Vieille Prune die Hände wärmt. Die Hamburger-Stände sind die gleichen, wie sie im Sommer an der Zürcher Streetparade stehen. Am nächsten Morgen wird die Polizei berichten, dass hier, an der Bahnhofstrasse, eine Frau sexuell belästigt wurde. Man hat es kommen sehen. «Ein Mann hat einer Dame beim Vorbeigehen einen Klaps auf den Po gegeben», erklärt der Luzerner Polizeisprecher Urs Wigger, der selber in einer Luzerner Wagenbaugruppe mit dabei ist. «Wir haben den Mann kontrolliert und seine Personalien aufgenommen.» Die betroffene Dame hat sich noch nicht entschieden, ob sie Anzeige erstatten will.

Ein Streifzug durch die Luzerner Fasnacht by Night.

Streifzug durch die Luzerner Fasnacht by Night

Die Reuss wird zum Pissoir

Gesättigt verlassen wir die Bahnhofstrasse und schreiten über den Rathaussteg auf die nördliche Seite der Reuss. Dutzende Männer urinieren in den Fluss. Was für die Fische weniger angenehm sein dürfte, hat einen grossen Vorteil: Es bleiben nirgends Urinpfützen liegen, alles wird fortgeschwemmt, in Richtung Norden.

Das Ziel ist die Magdalena-Bar in der Eisengasse. Wohl nirgends wird an der Luzerner Fasnacht so viel geknutscht wie im «Magdi». Wir fragen eine weitere Frau, ob die ganze Sache mit Köln sie beschäftigt habe. Sie sagt: «Köln? Silvester? Was meinst du damit?» Ihre Augen schauen fragend, während sie mit ihrer Hand über das schwarze lockige Haar fährt. Der junge Mann, der sie begleitet, schaltet sich ins Gespräch ein und will helfen: «In Köln gabs doch diesen Terroranschlag, weisst Du nicht mehr?» Eine weitere Nachfrage lohnt sich hier definitiv nicht.

Ein Carajillo nach dem andern

Hinter dem Bartresen lodern immer wieder Flammen auf. Es ist Kaffee, der da brennt, respektive der harte Alkohol, der ihm beigemischt wird. Carajillo quemado. Das Getränk ist hoch im Kurs. Und bringt nicht nur Mut, sondern auch Wärme und Wachheit.

Vor dem «Magdi» steht eine unverkleidete Frau, die sich ein grosses Schild mit dem Wappen des Kantons Aargaus umgehängt hat. Aber Aargauerin ist sie nicht. «Ich komme aus Uri. Aber weil ich nicht verkleidet bin, gelte ich als Aargauerin. Da brauche ich natürlich das entsprechende Schild dazu», erklärt sie. Sich selber auf die Schippe nehmen und gleichzeitig einen Seitenhieb an die Aargauer vollziehen. Ziemlich ausgeklügelt!

Nicht überall werden Ballermann-Lieder abgespielt. Auch Musik aus dem Süden gibt es, doch dafür muss man in den «Crazy Circus» am Rathausquai. Hier sind Fasnächtler, die tanzen können – ob zu «Polonäse Blankenese» oder zu puerto-ricanischen Rhythmen von Elvis Crespo. Die Schritte sitzen. Andere tanzen so, wie es die alkoholgeschwängerte Nicht-Balance gerade verlangt.

Urknall in Luzern: Die Fasnacht ist eröffnet

Der Urknall in Luzern

Auch Dosenbier gehört dazu

Ganz in der Nähe, vor dem Starbucks, steht ein kleiner Wagen mit einer Discokugel. Elektronische Musik dröhnt aus den Boxen. Häschen, Astronauten und Fussballspieler tanzen und hüpfen, als wären sie an einer Goa-Party. Diese Fasnächtler haben selber Bier mitgenommen, um den Preisen in den Bars auszuweichen. 5,50 Franken kostet ein Bier im «Magdi». Mittlerweile ist es 1.30 Uhr, die Bässe vor dem Starbucks auf dem Rathausquai wummern weiter. Nur ein paar hundert Meter weiter, unter der Egg, fällt ziemlich genau jetzt ein Mann von einem Balkon, wird die Polizei am nächsten Morgen berichtet haben. Schwerverletzt liegt er jetzt im Spital. Die Polizei ermittelt nun, wie es zu seinem Sturz vom Balkon kommen konnte.

Zurück zur Bahnhofstrasse: Dort schallt aus dem Wagen der Böögge-Union das Lied, das vor 14 Jahren einen deutschen Künstler berühmt gemacht hat: der «Arschficksong», von Sido. Es ist zwei Uhr morgens und Zeit, zu gehen. Die anderen werden noch bis zum Morgengrauen weiter tanzen.