Gripen
Luftwaffen-Vergleich: Nachts sind Österreichs Eurofighter blind

Beim Vergleich der Luftwaffen von Österreich mit der Schweiz sah Ueli Maurer rot. Ein Blick in den Hangar unserer Nachbarn zeigt: Die österreichischen Eurofighter sind technisch nicht auf dem neusten Stand. Das hat auch Auswirkungen aufs WEF.

Stefan Schmid
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Nur am Tag voll einsatzfähig: Österreichische Eurofighter fliegen über das Tivoli-Stadion in Innsbruck. keystone

Nur am Tag voll einsatzfähig: Österreichische Eurofighter fliegen über das Tivoli-Stadion in Innsbruck. keystone

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Der Vergleich brachte Verteidigungsminister Ueli Maurer in Rage: Mit nur 15 Eurofightern bewacht unser östliches Nachbarland Österreich seinen Luftraum, der doppelt so gross ist wie jener der Schweiz. Ein TV-Bericht suggerierte, dass die Schweiz mit dem Kauf von 22 schwedischen Gripen-Jets eine Luxusluftwaffe anstrebt, die im internationalen Vergleich angesichts der bereits vorhandenen 32 amerikanischen F/A-18 viel zu gross sei.

In der Nacht fast blind

Recherchen der «Nordwestschweiz» zeigen nun, dass die Verärgerung von Ueli Maurer zumindest teilweise berechtigt ist. Der Vergleich mit Österreich hinkt tatsächlich. Die Eurofighter, die unsere Nachbarn 2007 für 1,5 Milliarden Euro gekauft haben, sind technisch nicht auf dem neusten Stand. Sie entsprechen damit nicht den Anforderungen, welche die Schweizer Luftwaffe an ihre eigenen Flugzeuge stellt, die rund um die Uhr einsetzbar sein müssen.

So kooperiert die Schweizer Luftwaffe

Die Gripen-Gegner bemängeln die mangelhafte internationale Kooperation der Schweizer Luftwaffe. Die Zusammenarbeit mit der Nato sei rudimentär, das Alarmierungssystem mit den Nachbarstaaten massiv ausbaufähig und die Teilnahme der Schweiz am Air Situation Data Exchange System (ASDE) der Nato zwingend. Das ist eine von der Nato betriebene technische Plattform für den Austausch von Daten zur Luftlage. Dass die Schweiz hier nicht Mitglied ist, war vielen Sicherheitspolitikern bis vor kurzem nicht bewusst. «Bevor wir neue Flugzeuge kaufen, muss Bundesrat Maurer endlich aufzeigen, wo die Kooperation mit anderen Staaten verbessert werden kann», sagt GLP-Nationalrat Beat Flach. Die Luftwaffe weist auf Anfrage auf zahlreiche existierende Kooperationsformen hin. Namentlich im Ausbildungsbereich arbeite die Schweiz intensiv mit Nachbarstaaten, aber auch mit Schweden oder Norwegen zusammen. Die Luftwaffe nimmt zudem jährlich an multinationalen Übungen teil. Im Rahmen der Partnerschaft für den Frieden der Nato sind Vertreter der Luftwaffe an Sitzungen beteiligt. Dort geht es darum, die internationalen Standards kennen zu lernen und an deren Weiterentwicklung mitzuwirken. Weiter erwägt die Schweiz gemäss Aussagen von Bundesrat Ueli Maurer in der TV-«Arena» den Beitritt zur ASDE. (ssm)

Folge davon ist, dass die österreichischen Eurofighter in der Nacht nur auf Sichtdistanz etwas sehen, wie das Verteidigungsministerium in Wien auf Anfrage bestätigt. Flugobjekte, die mehrere Kilometer entfernt sind, können nicht identifiziert werden.

Diese beschränkten Nacht-Kapazitäten sind wohl der Grund, warum die österreichische Armee nur bei Tageslicht Luftpolizeieinsätze fliegt. «In der Nacht sind die Flugzeuge am Boden», sagt ein Sprecher des Verteidigungsministeriums. Offiziell begründet wird der Verzicht zwar mit der geringen Anzahl ziviler Flugbewegungen in der Nacht. Doch für Militärexperten ist der Fall klar: Österreichs Kampfjets können nicht eingesetzt werden, weil sie fast blind sind.

Die Mängel der österreichischen Luftwaffe sind sogar dem Rechnungshof in Wien aufgefallen. In einem Bericht vom März 2013 heisst es: «Im Fähigkeitenkatalog für die Luftraumüberwachung und -sicherung vom April 2011 wurde weiterhin eine Nachtsichtfähigkeit der Einsatzmittel gefordert. Das Bundesministerium für Landesverteidigung und Sport hatte den Bedarf an entsprechender Einsatzausrüstung noch nicht konkretisiert.»

Weiter bemängelt der Rechnungshof, dass die Piloten der Luftwaffe viel zu wenig Flugstunden auf dem Eurofighter absolvieren können. «Die für die durchgängig volle Einsatzbefähigung vorgesehenen 110 Flugstunden jährlich hatte in den Jahren 2010 und 2011 kein Pilot erreicht. Die durchschnittliche Flugstundenleistung je Pilot betrug im Jahr 2010 74 Stunden und ging im folgenden Jahr auf 70 Stunden zurück.»

Folgen für das WEF

Die mangelhafte Ausrüstung der Eurofighter hat Auswirkungen auf das Weltwirtschaftsforum in Davos. Da sich der Bündner Ort nahe an der Grenze befindet, muss auch der österreichische Luftraum gesichert werden. Schweizer Jets haben aber keine Erlaubnis, ennet der Grenze einzugreifen. Die Schweiz als Organisatorin des WEF ist deshalb auf die österreichische Luftwaffe angewiesen.

Tagsüber funktioniert diese Zusammenarbeit tadellos. Doch in der Nacht sind die österreichischen Flugzeuge «nur im Notfall» in der Luft, wie das Ministerium in Wien bestätigt. Die Sicherheit sei aber jederzeit gewährleistet, weil mit Radaranlagen der Luftraum permanent überwacht werde und damit die Schweizer sofort alarmiert werden könnten.

Ueli Maurer vergleicht die Schweiz deshalb lieber mit Holland, das über 60 moderne Jets besitzt. Allein: Auch dieser Vergleich greift zu kurz. Im Unterschied zur Schweiz, die sich auf den Schutz ihres Luftraums beschränkt, beteiligt sich Holland aktiv an Nato-Operationen und stellt Teile seiner Luftwaffe in den Dienst des westlichen Militärbündnisses.