Nacht-Einsatz

Luftkampf im hohen Norden: Die Schweizer Armee trainiert am Himmel über Schottland

Wenn es eindunkelt, beginnt das Training der Schweizer F/A-18-Kampfjetpiloten in Schottland.

Wenn es eindunkelt, beginnt das Training der Schweizer F/A-18-Kampfjetpiloten in Schottland.

Weil die Luftwaffe in der Schweiz nicht genügend oft in der Nacht trainieren kann, reist sie dafür jedes Jahr in den hohen Norden. In diesen Wochen fliegen 40 Piloten in Schottland. Doch die Zukunft dieser Trainings ist ungewiss.

Als die Sonne langsam untergeht über dem schottischen Städtchen Lossiemouth, fängt die nächste Mission der Schweizer Armeepiloten gerade erst an. Es ist 15.30 Uhr, das Briefing läuft, der Flug beginnt bald. Julien Meister, Spitzname «Teddy», und drei seiner Kameraden stehen an einem Tisch in einem einstöckigen Backsteingebäude auf dem Flugplatz der britischen Royal Air Force. Die Wände sind kahl und blau, auf dem Tisch ist eine Karte des Vereinigten Königreichs zu sehen.

Julien Meister streckt die Arme aus und gestikuliert mit den Händen, als wären sie F/A-18-Kampfjets, spricht dazu ein Gemisch aus Deutsch und Englisch. Er ist der sogenannte Mission Commander, leitet also den heutigen Trainingsflug – und erklärt den anderen, was sie zu tun haben. Die Übungsanlage: ein Luftkampf mit vier Kampfjets, zwei gegen zwei, und das nach Anbruch der Dunkelheit.

Nachtflüge in der Schweiz nur eingeschränkt möglich

Lossiemouth liegt im Norden Schottlands, hier wird es früh dunkel, früher als in der Schweiz. Und das kommt den Piloten der Schweizer Luftwaffe entgegen, denn während fast vier Wochen trainieren sie hier Nachtflüge, zwischen dem 12. November und dem 7. Dezember. Schon seit längerer Zeit reist ein Detachement der Armee dafür jedes Jahr in den hohen Norden, zum zweiten Mal nun schon nach Schottland. Zuvor fanden die Übungen in Norwegen statt.

In der Schweiz ist nämlich nur ein «marginales Nachtflugtraining» möglich, wie die Armee sagt, während vier Stunden pro Woche und nur im Winterhalbjahr. Grund dafür sind unter anderem der Fluglärm, der dichte zivile Luftverkehr sowie Höhen- und Geschwindigkeitslimiten, die Überschallflüge fast unmöglich machen. Darauf müssen die Piloten in Lossiemouth keine Rücksicht nehmen. Sie trainieren unter der Woche jeden Tag während fünf bis sieben Stunden über der Nordsee, immer bis spätabends, zwischen 50 und 250 Seemeilen von der Küste Schottlands entfernt.

Oberstleutnant Aldo Wicki beobachtet das Briefing der Piloten aus einigen Metern Entfernung. Er leitet das Nachtflugtraining in Lossiemouth. Zehn F/A-18-Kampfjets hat die Schweizer Armee dafür nach Schottland verlegt, dazu 18 grosse Schiffscontainer voller Werkzeug und Ersatzteile auf dem Landweg zum Flugplatz der Royal Air Force transportiert. Wicki sagt: «Der Anteil von Nachtflügen an den gesamten Flugstunden beträgt bei der Schweizer Luftwaffe unter zehn Prozent, der EU-Schnitt ist rund dreissig Prozent.»

Mit zehn Kampfjets in Schottland

Darum sind diese Übungen wichtig für die Luftwaffe. Hier bildet sie junge Piloten im Nachtflug aus und erfahrenere Piloten weiter – für den Luftpolizeidienst und auch für Kriegseinsätze. «In einem modernen Konflikt findet jede Schlüsseloperation in der Nacht statt», sagt Wicki. Insgesamt reisen in diesen knapp vier Wochen darum 40 Piloten und 100 Angehörige des Bodenpersonals in zwei Ablösungen nach Grossbritannien.

Julien Meister und seine Kameraden haben das Briefing beendet. In einem Nebenraum ziehen sie ihre Ausrüstung an, die etwa acht bis zehn Kilo schwer ist. Dazu gehört auch ein Trockenanzug, der sie vor der Nässe schützt, sollten sie abstürzen und im Meer landen. «Es geht um unser Überleben, falls etwas passiert», sagt Meister. Denn das Fliegen in der Nacht ist anspruchsvoll: «Wir sehen die Umrisse der anderen Flugzeuge nicht, nur einzelne Lichter. Deswegen müssen wir uns viel mehr auf die Instrumente verlassen», erklärt Meister. Vollgepackt gehen die vier Piloten zum Flugfeld, auf dem die F/A-18-Kampfjets schon bereitstehen. Sie steigen ein, die Triebwerke fangen an zu dröhnen. Im Abstand von wenigen Minuten starten die Flugzeuge, das Training in der Luft kann beginnen. Am Rand des Flugfelds steht Divisionär Bernhard Müller und schaut dem Treiben zu. Er ist Kommandant der Schweizer Luftwaffe. Man profitiere von den Briten, sagt er, denn neben den Nachflugeinsätzen bleibe auch Zeit für eini- ge gemeinsame Übungen mit der Royal Air Force. Und die sind im Gegensatz zu den Schweizern kriegserfahren. Die Briten schätzen den Besuch des Schweizer Detachements: «Es ist fantastisch, dass die Schweizer wieder hier sind. Sie sind sehr professionell», sagt Matt Hoare, Wing Commander bei der Royal Air Force.

Doch ob die Luftwaffe weiterhin in Schottland ihre Nachteinsätze trainieren kann, ist ungewiss. Der Flugplatz in Lossiemouth wird vergrössert, die Bauarbeiten laufen schon. Davon zeugen die riesigen Skelette der neuen Hangars, die im Moment errichtet werden. Weil dabei auch die Start- und Landebahnen saniert werden, können die Schweizer Kampfjets im nächsten Jahr hier nicht mehr fliegen.

Früher übten Schweizer Politiker immer wieder Kritik an den Nachtflugübungen der Luftwaffe im hohen Norden – unter anderem aus Neutralitätsgründen. Mittlerweile sei diese Kritik jedoch verstummt, sagt Bernhard Müller. Auch die Kosten für die Übung in Schottland dürften nicht für Diskussionen sorgen. Zwar muss die Luftwaffe die Hotelzimmer und die Verpflegung für ihre Mannschaft selber bezahlen, auf dem Flugplatz der Royal Air Force residiert sie aber gratis. Zudem ist das Kerosin, von dem die Armee in diesen fast vier Wochen rund 1,5 Millionen Liter verbraucht, in Schottland deutlich günstiger als in der Schweiz. Unter dem Strich seien die Übungsflüge der Luftwaffe im hohen Norden im Vergleich zu den Trainings in der Schweiz darum kostenneutral, sagt Aldo Wicki.

Fast alles lief nach Plan

Nach rund Eineinviertelstunden in der Luft landen Julien Meister und die anderen Armeepiloten ihre Kampfjets auf schottischem Boden. Danach treffen sie sich am gleichen Tisch im Raum mit den kahlen blauen Wänden für das Debriefing, die Nachbesprechung des Fluges. Lief alles nach Plan? Meister lächelt: «Fast», sagt er und beisst in einen Apfel. Dann zählt er auf: «Nach dem Start mussten wir Vögeln ausweichen. Und wegen der Wolken konnten wir nicht in der geplanten Höhe fliegen. Zudem gab es Funkprobleme.»

Trotzdem bestand nie Grund zur Sorge, Meister ist gut gelaunt. Mittlerweile ist es kurz vor 20 Uhr, zweimal war der Armeepilot an diesem Tag in der Luft. Solche langen Arbeitstage wie hier in Lossiemouth seien anspruchsvoll, sagt Meister. Während er nun Feierabend hat, fliegen andere Piloten der Schweizer Luftwaffe noch weiter in der stockfinsteren Nacht über der Nordsee.

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