Beat Neuenschwander ärgert sich, als er vor kurzem durch die Jahrespublikation 2016 der Luftwaffe blättert. Im Magazin liest der ehemalige Planungschef der Schweizer Luftstreitkräfte von einem Swiss-Piloten, dem die nationale Fluggesellschaft nicht mehr den ganzen Lohn bezahlt, wenn er als Milizpilot fürs Militär fliegt: Ab einem vollendeten Alter von 42 Jahren erstattet ihm die Airline während Armeeeinsätzen nur noch 80 Prozent des Salärs. «Somit kostet mich der Militärdienst einen Teil des Einkommens. Ich bin aber trotzdem leidenschaftlich dabei», wird der Mann zitiert, der für die Swiss Passagierflugzeuge wie den Airbus A330 und den A340 fliegt.

Aufgebracht greift Ex-Luftwaffenkader Neuenschwander nach der Lektüre selber in die Tasten und kritisiert die deutsche Muttergesellschaft der Swiss in einer Kolumne für das Aviatikmagazin «Cockpit» scharf. «Die Schweizer Milizmentalität ist der Lufthansa absolut fremd», resümiert der ehemalige Militärpilot.

Auf Nachfrage der «Nordwestschweiz» bekräftigt er seine Kritik: «Leider ist bei der Swiss die Swissness inzwischen meist nur noch vordergründig.» In der Vergangenheit habe die Vorgängergesellschaft Swissair als Arbeitgeberin den Lohnausfall über die obligatorische Dienstzeit hinaus zu 100 Prozent bezahlt. In der Geschäftsführung seien damals noch etliche Militärpiloten gesessen. Das Verständnis von internationalen CEOs für das Schweizer System sei heute weniger gross.

Neuenschwander plädiert dafür, dass die Swiss ihren Milizlern den Lohn künf-tig wieder vollumfänglich erstattet: Ein Linienpilot profitiere von seinen Erfahrungen bei der Armee. «Der Know-how-Transfer zahlt sich aus.»

Thomas Hurter erhält nichts mehr

Milizpiloten machen laut der Luftwaffe bis heute einen Grossteil der Militärpiloten aus. Sie fliegen Kampfjets wie den Tiger F-5 oder Helikopter wie den Super Puma. Nicht alle, aber viele sind auch im Zivilen in der Luftfahrt tätig.

Swiss-Sprecherin Karin Müller bestätigt auf Anfrage, dass die Piloten der Airline nach Vollendung des 42. Altersjahres den militärbedingten Lohnausfall nicht mehr vollumfänglich bezahlt bekommen. Diese Regelung sei aber nicht neu, sondern existiere je nach Flugzeugflotte seit dem Jahr 2007 und sei so in den Gesamtarbeitsverträgen festgehalten. «Hierbei geht es nicht um Sparmassnahmen, dies ist eine gängige Praxis in der Schweiz, welche die gesetzlichen Vorschriften vollumfänglich berücksichtigt.» Indem die Swiss ihren Piloten auch über die obligatorische Dienstzeit hinaus eine Tätigkeit für die Luftwaffe ermögliche, leiste sie «einen substanziellen Beitrag ans schweizerische Milizsystem».

Der wohl prominenteste Milizpilot der Schweiz ist Thomas Hurter, Schaffhauser SVP-Nationalrat und Linienpilot der Swiss. Da er über 50 Jahre alt sei, bekomme er inzwischen gar keinen Lohn mehr während des Militärdienstes, sagt der 52-Jährige. Er nimmt seine Arbeitgeberin aber gleichzeitig in Schutz. «Ich mache das aus Freude und Überzeugung, das gibt mir einen gewissen Bezug zur Luftwaffe, der für mich als Mitglied der Sicherheitspolitischen Kommission wertvoll ist.»

Natürlich könne man argumentieren, dass die Swiss davon profitiere, Militärpiloten in ihrer Belegschaft zu haben. Aber: «De facto müssen die Airlines über die obligatorische Dienstzeit hinaus keine Lohnfortzahlung leisten. Die Firmen verhalten sich korrekt.»

Armee gibt sich wortkarg

Wie stark sich die neue Lohnpolitik der Swiss seit 2007 auf die Zahl Milizpiloten ausgewirkt hat, will die Armee nicht bekannt geben. «Das Thema ist bekannt; es handelt sich aber um eine Angelegenheit zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern», schreibt Sprecher Christoph Brunner auf Anfrage. Das Verhältnis zwischen der Swiss und der Armee sei gut.