Lockerungen vertagt
Oberster Volkswirtschaftsdirektor ist enttäuscht über den Bundesrat: «Wir können Betriebsausfälle nicht ewig mit Milliarden ausgleichen»

Er nehme zur Kenntnis, dass der Bundesrat derzeit die Gesundheit der Bevölkerung über alles stelle, sagt Urban Camenzind. Der Präsident der Konferenz der kantonalen Volkswirtschaftsdirektoren sagt: «Wir müssen einen Umgang mit dem Coronavirus finden, der nicht die Wirtschaft abwürgt.»

Interview: Kari Kälin
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Zusätzliche Kapazitäten auf den Intensivstationen: Das fordert Urban Camenzind, Präsident der Konferenz der kantonalen Volkswirtschaftsdirektoren.

Zusätzliche Kapazitäten auf den Intensivstationen: Das fordert Urban Camenzind, Präsident der Konferenz der kantonalen Volkswirtschaftsdirektoren.

Marcel Bieri/Keystone

Die Restaurants öffnen, die Homeofficepflicht durch eine Empfehlung ersetzen, weitere Öffnungsschritte präziser vorzeichnen: Die Konferenz der kantonalen Volkswirtschaftsdirektoren (VDK) plädierte in der Konsultation für weitergehende Lockerungen als der Bundesrat. Der Urner Regierungsrat und VDK-Präsident Urban Camenzind (CVP) nimmt Stellung zum gestrigen Coronaentscheid der Landesregierung.

Urban Camenzind, hätten Sie mehr Lockerungen als die Aufhebung der 5er-Regel erwartet?

Urban Camenzind: Wir konnten realistischerweise nicht damit rechnen, dass der Bundesrat alle vor Wochenfrist vorgeschlagenen Lockerungen beschliessen würde. Ich bedaure, dass der Bundesrat den Arbeitgebern und Arbeitnehmern, die um ihr Geschäft und um ihre Stelle bangen, nicht wirklich eine Perspektive aufgezeigt hat.

Der Bundesrat hat die Aufhebung aller einschneidenden Massnahmen in Aussicht gestellt für den Moment, in dem alle geimpft sind, die das wollen.

Das stimmt. Aber wer garantiert uns, dass wir nach der dritten Welle, die kommen wird, im Herbst nicht in eine vierte Welle laufen? Wie reagieren wir, wenn eine neue Mutation auftaucht, gegen welche die Impfung nicht wirkt? Wie navigieren wir durch eine nächste Pandemie?

Was schwebt Ihnen vor?

Dass wir politisch eine langfristige Strategie definieren anstatt im Zwei-Wochen-Rhythmus über Detailfragen wie die Öffnung von Terrassen streiten. Ich nehme zur Kenntnis, dass der Bundesrat derzeit die Gesundheit der Bevölkerung über alles stellt. Er gewichtet die einschneidenden wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und psychischen Auswirkungen der Massnahmen wenig. Wir können Betriebsausfälle nicht ewig mit Milliarden ausgleichen. Irgendeinmal bezahlt die Bevölkerung dafür in Form von Steuern die Rechnung.

Das Problem ist: Wenn der Bundesrat zu rasch lockert, drohen eine Überlastung der Spitäler und noch härtere Einschränkungen.

Wenn der Bundesrat der Gesundheit im Vergleich zu anderen Bereichen einen so hohen Stellenwert einräumt, dann muss er jetzt zusätzliche Kapazitäten auf den Intensivstationen schaffen. Nach mehr als einem Jahr Pandemie müssen wir Alternativen zu Lockdownmassnahmen aufgleisen. Sonst finden wir nie aus dieser Spirale heraus.

Was schlagen Sie für die unmittelbare Zukunft vor?

Ein Datum kann ich nicht nennen. Wir müssen aber so schnell wie möglich zum Normalbetrieb zurückkehren. Die Wirtschaft muss im Interesse von Arbeitgebern und Arbeitnehmern wieder laufen. Das Coronavirus wird nicht einfach verschwinden. Wir müssen einen Umgang mit ihm finden, der nicht die Wirtschaft abwürgt.