Neue Bewegung zum Rahmenabkommen
Bauernschlauer Löru: Der Lobbyist, der die Konzerninitiative kippte und die Bewegung Progresuisse gründete

Er holte die Alt-Bundesräte Doris Leuthard und Joseph Deiss ins Boot: Lorenz Furrer, Mitinhaber der Agentur Furrerhugi, baut eine Bewegung auf für das Rahmenabkommen. Was macht ihn zu einem der einflussreichsten Lobbyisten?

Othmar von Matt
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Gehören zur Berner Prominenz: Unternehmerin Nicole Loeb und ihr Mann Lorenz Furrer, Mitinhaber der PR-Agentur Furrerhugi.

Gehören zur Berner Prominenz: Unternehmerin Nicole Loeb und ihr Mann Lorenz Furrer, Mitinhaber der PR-Agentur Furrerhugi.

Bild: Ueli Hiltpold (Wabern, 29. Oktober 2019)

Den «Loebegge» kennt in Bern jedes Kind. An der Ecke Spitalgasse/Bubenbergplatz beim Warenhaus Loeb trifft sich seit Jahrzehnten die Stadtjugend.

Der Loebegge ist in Bern eine Institution.

Der Loebegge ist in Bern eine Institution.

Keystone

In der Nähe, aber diskret versteckt im Bürotrakt des Warenhauses, liegt ein weiterer Treffpunkt: das «Clé de Berne», Netzwerkrestaurant der Polit- und Wirtschaftsprominenz. Dort empfängt nicht irgendwer, sondern Christian Grimm, «Bilanz»-Sommelier 2013.

Erschaffen hat diesen Treffpunkt der Gewichtigen Lorenz Furrer (52), Gründer und Mitinhaber der Lobbying- und PR-Agentur Furrerhugi. «Löru», wie Furrer weitherum genannt wird, ist eine schillernde Figur.

Der Pfarrerssohn auf dem roten Teppich

Da er mit Nicole Loeb verheiratet ist, der Erbin und Chefin des Warenhauses Loeb, gehört er per se zur Berner Lokalprominenz. An der Seite seiner Frau auch mal den roten Teppich zu beschreiten, ist für den Pfarrerssohn mit barocken Tendenzen aber kein Problem. Er ist weltlichen Genüssen nicht abgeneigt. «In guter Atmosphäre mit gutem Essen und Trinken entstehen gute Dinge», sagt er.

Diese Kombination, ergänzt um «gute Geschäfte», lag dem «Clé de Berne» zugrunde. Es macht Furrerhugi einzigartig – und zur wohl einflussreichsten Agentur. Furrer verfügt über ein sorgfältig gepflegtes Netzwerk. Dieses aktivierte er, um «Progresuisse» zu schaffen, die neue Bewegung für das Rahmenabkommen mit der EU. Eine Woche nach der Gründung gehören bereits über 150 Personen dazu. Aus der Wirtschaft seit kurzem auch Walter Kielholz, Peter Wuffli und Ökonom Ernst Fehr.

Lobbyist Lorenz Furrer (links) diskutiert an der Sommersession 2019 im Vorzimmer des Nationalrats mit Bundespräsident Ueli Maurer.

Lobbyist Lorenz Furrer (links) diskutiert an der Sommersession 2019 im Vorzimmer des Nationalrats mit Bundespräsident Ueli Maurer.

Keystone (Bern, 17. Juni 2019)

Vorzeigefiguren sind aber die Alt-Bundesräte Doris Leuthard und Joseph Deiss (Mitte). Furrer hat persönlich dafür gesorgt, dass sie an Bord sind.

Der Drahtseilakt von Lorenz Furrer und Andreas Hugi

Europa spielte in Furrers Überlegungen immer eine wichtige Rolle. 2006 hatten er und der Zürcher Lobbyist Andreas Hugi an der Amtshausgasse direkt gegenüber dem Bundeshaus die Agentur Furrerhugi gegründet. Sie sollte Public Affairs und Public Relations verbinden.

«Unter Ausschluss der Öffentlichkeit und unter Einbezug der Öffentlichkeit»: Mit diesem Drahtseilakt machten sich Furrer und Hugi auf, die Schweiz zu erobern. Schon 2009 eröffneten sie ein Büro in Brüssel. «In erster Linie, weil wir überzeugt waren, dass man mit Brüssel eng zusammenarbeiten und diese Beziehung pflegen muss», sagt Furrer. 15 Jahre nach der Gründung ist Furrerhugi hinter Farner Consulting zweitgrösste Lobbying-Agentur der Schweiz. Sie zählt 53 Mitarbeiter an sieben Standorten.

Furrer und Hugi sind ein kongeniales Duo. Furrer ist Aussenminister, Visionär und kreativer Freigeist der Firma. Hugi der CEO, ein klassischer FDP-Lobbyist mit militärisch geprägtem Organisationstalent. Seit 2006 rasen die beiden «mit Champagner in der Hand in einem Schnellboot der Sonne entgegen», wie es Furrer leicht ironisch formuliert. Nur kurz verschütteten sie den Champagner. 2016 mussten sie Ballast abwerfen, weil das Unternehmen nach schnellem Wachstum zu breit aufgestellt war.

Andreas Hugi (Mitte, hier an einem Medienkonferenz gegen die Durchsetzungsinitiative) ist der CEO und Stabschef der PR-Agentur Furrerhugi.

Andreas Hugi (Mitte, hier an einem Medienkonferenz gegen die Durchsetzungsinitiative) ist der CEO und Stabschef der PR-Agentur Furrerhugi.

Keystone (Zürich, 29. Januar 2016)

Heute befinden sich Furrer und Hugi auf dem Höhepunkt. Furrer gelang am 29. November, was niemand für möglich gehalten hatte: Er bodigte für Economiesuisse die Konzernverantwortungsinitiative (KVI) hauchdünn. Zwar sagten 50,7 Prozent der Bevölkerung Ja, doch 14,5 Stände kippten das Ständemehr.

Ein mächtiges Tool machte Furrers Erfolg möglich

Wie er das schaffte, zeigt: Furrer ist zwar ein Charmebolzen. Man sollte aber keine Sekunde ausser Acht lassen, wie bauernschlau er seine Interessen verfolgt. Ihm war klar, dass er ein Nein nur via Ständemehr schaffen konnte. Dafür stand ihm ein mächtiges Tool zur Verfügung: der «Atlas der politischen Landschaften» von Politgeograf Michael Hermann.

Hermann hatte den Atlas 2019 für die Alliance économie-politique aufdatiert. Das ist ein wirtschaftsnahes Netzwerk, das von Furrerhugi unterstützt wird. 266 Abstimmungen zwischen 1990 und 2018 wertete Hermann neu aus. Dank dieser Daten lassen sich die Swing-States bestimmen, die für das Ständemehr wichtig sind.

Mit der Kampagne gegen die Konzerninitiative kam Furrerhugi dennoch an die Grenzen. Erstmals wurde die Agentur, die auch ein Mandat des Rohstoffkonzerns Glencore hat, ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt. Die Befürworter zeichneten das Bild von Lobbyisten, die alles verkaufen – wenn es Geld bringt.

Irritation bei den Mitarbeitern und anonyme Telefone

Auch intern war die Situation schwierig. Diverse Mitarbeiter wollten zu Beginn aus ethischen Überlegungen nichts zu tun haben mit dem Mandat. Diesen Druck erhöhten die Befürworter mit Mails an alle Mitarbeitenden. Die Telefonistin erhielt einen anonymen Anruf eines Herrn, der sie als «menschenverachtendes Miststück» beschimpfte, «für die ein Menschenleben keinen Wert hat».

«Das war wirklich hart verdientes Geld», sagt Furrer heute. Aber: Geht es der Agentur tatsächlich nur um Geld? Wo ist die ethische Linie? «Wir haben einen liberalen Kompass», hält Furrer fest – und räumt damit ein, die Agentur lehne nur wenig ab: militärische Mandate aus dem Ausland, paradiplomatische Mandate wie Kasachstan.

Doch auch Furrerhugi kocht mit Wasser. Vieles deutet darauf hin, dass die Agentur des Ja-Lagers zur elektronischen Identität (E-ID) verliert. Und aus grossen Würfen werden auch mal Projektleichen. 2015 machte die Schlagzeile die Runde, dass die Milliardäre Hansjörg Wyss und Jobst Wagner mit dem Verein «Vorteil Schweiz» die Bilateralen retten wollten – mit Hilfe von Furrerhugi.

Der Verein ist längst sanft entschlafen. Das räumt Lorenz Furrer ein – mit knappem «Ja».