Linke entdecken die Nationalhymne

Linke entdecken die Nationalhymne

Die Chancen stehen gut, dass künftig nach der Wahl eines neuen Parlaments im Nationalratssaal die Landeshymne gespielt wird. Die entsprechende Forderung kommt von SVP- wie auch von SP-Seite.

Fabian Renz

Yvette Estermann stiess am Freitag im Nationalrat noch auf wenig Musikgehör. Die SVP-Politikerin wollte zu Beginn jeder Session im Ratssaal «Trittst im Morgenrot daher» anstimmen lassen. Sie unterlag dem Büro des Nationalrats, das keinen «Showpatriotismus» wünschte und zudem fürchtete, dass sich «unmusikalische Parlamentarier» ausgegrenzt fühlen könnten.

Inzwischen liegt aber bereits ein Kompromissvorschlag vor: Statt in jeder Session soll die Landeshymne zu Beginn jeder Legislatur erklingen, und zwar gespielt von einem Orchester. Bemerkenswert an dieser Anregung ist vor allem ihr Absender. Die Idee wurde gleich in zwei Motionen lanciert: Die eine stammt von der SVP-Fraktion, die andere von Ada Marra. Die Waadtländer Nationalrätin ist Mitglied der SP, jener Partei also, die patriotische Rituale traditionell skeptisch beurteilt.

An einer Instrumentalversion der Hymne, bei der niemand zum Singen des martialischen Textes gezwungen sei, könne sie durchaus Gefallen finden, erläuterte Marra auf Anfrage. Eine solche Zeremonie würde ihrer Ansicht nach der symbolischen Einigung des föderalistisch zersplitterten Landes dienen.

Der Vorschlag hat gute Chancen. Schon die Ablehnung des Estermann-Vorstosses fiel eher knapp aus (93 zu 83 Stimmen). Für den Kompromiss dürften sich nicht nur zusätzliche Mitte-Politiker erwärmen, er findet auch links Unterstützung. So haben Daniel Jositsch und Eric Nussbaumer (beide SP) Marras Motion mitunterzeichnet - ebenso die Grünen Bastien Girod und Antonio Hodgers, die zusammen mit Fraktionskollege Alec von Graffenried schon zu Estermanns Vorschlag Ja sagten.

Generationengraben bei Linken

Auffällig ist: Die genannten Linkspolitiker sind allesamt Neulinge im Parlament. Viele ihrer altgedienten Parteifreunde stehen der Landeshymne unverändert ablehnend gegenüber, der Alternative Jo Lang etwa oder die Sozialdemokratin Margret Kiener Nellen, die bereits in zwei Vorstössen kompositorischen Ersatz für das «Morgenrot» forderte. Gibt es unter den Linken beim Umgang mit patriotischen Symbolen einen Generationengraben? Jo Lang bestätigt das zumindest indirekt: Die Jüngeren hätten die Nationalismus-Debatte, die seit den Neunzigerjahren ruhe, nicht richtig miterlebt. Lang seinerseits vertritt, was er immer vertreten hat: «In einer Zeit, da Grenzen immer unwichtiger werden, sind nationalistische Symbole zu relativieren, nicht zu reaktivieren.»

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