Lilian Uchtenhagen, 1928 in Olten geboren, war eine frühe Kämpferin für das Frauenstimmrecht. Als es im Februar 1971 endlich so weit war, wurde sie in Zürich im darauffolgenden Herbst mit den ersten Frauen in den Nationalrat gewählt. Doch mit der Zeit wollte sie mehr. Wollte Bundesrätin werden. Das aber verwehrte ihr die bürgerliche Mehrheit, als es an einem Mittwochvormittag im Dezember 1983 hiess: «Gewählt ist mit 123 Stimmen Herr Stich». Die Fraktion war konsterniert. Nein, hatte die Mehrheit der Bundesversammlung entschieden, die erste Bundesrätin sollte nicht von der SP kommen. Wir verlangten einen Unterbruch und begaben uns ins Fraktionszimmer Nr. 86. Dieser Affront musste erst mal verdaut werden. Lilian trug das Verdikt mit Fassung. Sie wusste sich ja auch von einer sehr breiten Bevölkerungsschicht, vor allem von unzähligen Frauen, getragen.

In der Fraktion machte der damalige SP-Präsident Helmut Hubacher seinem Ärger Luft: Er werde am Parteitag den Austritt aus dem Bundesrat beantragen. Das hat er auch getan. Aber ein paar Monate später wurde der Antrag abgelehnt.

Trotz dieser Niederlage blieb Lilian ein führendes Mitglied der Fraktion. In Finanz- und Wirtschaftspolitik war sie brillant. Und ja, sie war Mitglied der sogenannten «Viererbande». Dazu gehörten neben ihr und Hubacher der Basler Andreas Gerwig und der Gewerkschafter Walter Renschler. Etliche Fraktionsmitglieder fühlten sich deswegen als Mitglieder 2. Klasse.

Lilian war aber auch eine hingebungsvolle Mutter dreier adoptierter Kinder. Als eines jung starb, war das eine grosse Belastung. Insbesondere trug sie schwer daran, dass einige Medien daraus einen Skandal machten, ihr die Privatsphäre nicht gönnten.

Ein Rückenleiden, das sie schon als Nationalrätin plagte, verfolgte sie bis ins Alter. Lange blieb ihr wacher Geist offen, stark und interessiert. Allen, die mit ihr zu tun hatten, werden die am Dienstag Verstorbene als prägende Persönlichkeit in bester Erinnerung bleiben.

* Ursula Mauch (81) Die Chemikerin war Aargauer Nationalrätin und erste Präsidentin der SP-Fraktion im Bundeshaus.