Doch der Reihe nach. Das Thema Familie prägt aktuell die politische Agenda. Der Bundesrat hat sich am Mittwoch über die Einführung eines Vaterschaftsurlaubs gezankt, das Ergebnis steht noch aus. Und in einem Monat stimmen wir über die Familieninitiative der SVP ab. Auch jene Eltern sollen Steuerabzüge geltend machen können, die bei der Kinderbetreuung ohne Kita auskommen (wollen). Die SVP möchte, wie sie sagt, die «traditionelle Familie» stärken; in Umfragen geniesst die Vorlage viel Sympathie.

Die mittelständische Kindererziehung ist Hochleistungssport. Die Eltern wollen, dass ihre Kinder in einer zunehmend kompetitiven Welt die besten Chancen erhalten. Das hat seinen Preis: Zumal viele Mütter leiden unter den eigenen wie gesellschaftlichen Erwartungen. Mit einer attraktiven Erwerbsarbeit kann eine Frau die hohen Ansprüche in Sachen Liebe und Förderung erst recht nicht vereinbaren – es sei denn vielleicht, die Grosseltern sind rüstig und lustig und wohnen in der Nähe, oder aber der Ehemann steckt beruflich gleichfalls zurück. Doch ist die Welt nicht eben zunehmend kompetitiv? Muss sich der Gatte da nicht selbst im Beruf behaupten und Karriere machen?

Klar jedenfalls ist, dass die Kita den Müttern den Rücken bloss bedingt freihält: Die Kinder müssen gebracht und geholt werden, das mindert die Flexibilität und erhöht den Stress. Ist der Sprössling krank, fällt die Krippe sowieso aus. Es ist demnach nicht unbedingt nur so, dass sich Frauen aus reiner Freude an der vermeintlichen Tradition für einige Zeit aus dem Berufsleben verabschieden. Vielmehr haben sie keine echte Wahl.

Vor diesem Hintergrund mokieren sich Feministinnen gewiss zu Recht über die medial gefeierten «neuen Väter», die sich auf Augenhöhe mit der Partnerin um Einkommen und Haushalt kümmern. In der Realität bilden solche Männer eine überschaubare Minderheit – der «neue Vater» ist primär ein Idealtyp. Allein: Ein in der Geschichte lediglich für kurze Zeit erreichtes Ideal bildet auch die sogenannte «traditionelle Familie» mit väterlichem Ernährer und Hausfrau. Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein war es selbstverständlich und notwendig, dass Frauen ihren Beitrag zum Familieneinkommen leisteten. Noch im Jahr 1870 war weit über die Hälfte der Schweizerinnen erwerbstätig. Auch die Kinder waren zur Arbeit angehalten. Die Aufklärung, allen voran der Genfer Philosoph Jean-Jacques Rousseau, hatte das Bild der totalen Mama Mitte des 18. Jahrhunderts zwar schon entworfen. Es vergingen aber 200 Jahre, bis sich die grosse Mehrheit der Familien – in den Goldenen Fünfzigern des 20. Jahrhunderts – eine solche Profi-Hausmutter effektiv leisten konnte. Und kaum erreicht, ist das Ideal seit den 1960er-Jahren schon wieder bedroht (weshalb es die SVP jetzt ja aufpäppeln möchte).

Was das alles heissen soll? Zur Erreichung echter Gleichberechtigung wäre die Einführung eines Vaterschaftsurlaubs nur der Beginn. Was es ausserdem bräuchte, sind ganz neue Modelle der Arbeitsorganisation. Immerhin: Darf man beispielsweise den Visionen von Google-Chef Eric Schmidt glauben, werden solche flexiblen Modelle die Arbeitswelt über kurz oder lang ohnehin revolutionieren. Bis es so weit ist, bedeutet es umgekehrt kein Unglück, wenn Familienarbeit mit einem Steuerabzug honoriert wird. Betrachtet man dies als Entgegenkommen an die ansonsten allzu gestresste Mutter und weniger als Unterstützung rechtskonservativer Ideologie, ist auch klar, dass diese Subvention nicht auf Kosten anderer Formen der Familienförderung gehen darf. Gewiss: Teuer würde die ganze Angelegenheit werden – Vaterschaftsurlaub hier, Steuerabzüge da. Umsonst freilich sind unsere Superfamilien auf keinen Fall zu haben. Heute zahlen diesen Preis einfach die vielfach überforderten Jungmütter und -väter.

Übrigens: Jean-Jacques Rousseau, der Vater der «traditionellen Familie» – er selbst steckte die eigenen Kinder ohne jeden Skrupel ins Waisenhaus.