Kaminfeger
«Liberalisierung ja, aber nicht auf diese Weise»

Kaminfegermeister Hans-Peter Dössegger, Seon, äussert sich im Samstagsinterview zum Teil-Marktöffnungsvorhaben des Aargauer Regierungsrates.

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Aargauer Zeitung

Hanny Dorer

Die Aargauer Regierung will das Kaminfeger-Monopol aufheben. Im Laufe der Vernehmlassung zeigte sich, dass die Vorlage des Regierungsrates kaum auf Gegenliebe stösst. Sie wird zum Teil ganz abgelehnt, zum Teil werden viel höhere Kosten befürchtet als vom Kanton angenommen. Bei den Kaminfegermeistern selbst herrscht keine einheitliche Meinung. Die AZ unterhielt sich mit dem Kaminfegermeister Hans-Peter Dössegger, der als Berufsmann die Liberalisierung deutlich befürwortet, als Vizeammann aber die Mehrkosten anprangert.

Hans-Peter Dössegger, sind Sie ein Glücksbringer?
Hans-Peter Dössegger: (lacht) Ja, der Kaminfeger wird schon noch als Glücksbringer angeschaut.

Woher kommt eigentlich dieses Glücksbringer-Image?
Dössegger: Das kommt von früher, als die Häuser durch die offenen Kamine und die Holzkonstruktionen stark brandgefährdet waren. Da brachte der Kaminfeger durch seine Arbeit ein gewisses Mass an Sicherheit, also Glück. Das hat aber nichts mit dem «schwarzen Mann» zu tun, sondern mit dem Beruf.

Hat sich der Beruf seither stark verändert?
Dössegger: Ja, sicher, Als junger Kaminfeger bin ich in alten Bauernhäusern noch ab und zu «durchs Chämi gschloffe», habe also mit den Füssen am Kaminrand angesperrt und beim Hinaufklettern den Glanzruss entfernt. Heute gibt es solche Kamine kaum mehr.

Was ist denn heute anders?
Dössegger: Mit den heutigen Verbrennungstechniken kennt man kaum noch Glanzruss in den Kaminen, deshalb gibt es auch kaum noch Kaminbrände, ausser man benützt falsche Brennstoffe wie etwa nasses Holz.

Ihr Sohn ist ja auch Kaminfegermeister. Liegt dieser Beruf bei Ihnen in der Familie?
Dössegger: Nein, mein Vater war Förster. Zum Kaminfeger bin ich an einem Jugendfestumzug gekommen, an dem Berufe vorgestellt wurden. Zu dritt stellten wir als etwa 9-Jährige die Kaminfeger dar - das gefiel mir und ich bin dabei geblieben.

Wie gross ist Ihr Betrieb?
Dössegger: Mit rund 250 Stellenprozenten sind wir einer der kleineren Betriebe im Kanton. Gleichzeitig sind wir aber auch ein Meisterprüfungsbetrieb, das heisst, wir bilden Gesellen, die eine Zeit lang bei uns arbeiten, bis zur Meisterprüfungsreife aus.

Zur Sache

Im Januar schickte der Regierungsrat seinen Bericht zur «Liberalisierung des Kaminfegerwesens» in die Vernehmlassung. Bisher mussten die Besitzer von Feuerungs- und Abgasanlagen zwingend den von ihrer jeweiligen Gemeinde gewählten Kaminfeger akzeptieren. Neu sollen sie frei aus den im Aargau vom Kanton konzessionierten Kaminfegern wählen dürfen. Diese sind nicht mehr an Tarife gebunden, sondern können die Preise frei festlegen. Für die Durchführung von Kontrollen und Reinigungen sind die Anlageneigentümer selber verantwortlich. Die Gemeinden müssen jedoch Listen der bestehenden Anlagen führen und sicherstellen, dass die Kontrollen und Reinigungen auch wirklich durchgeführt werden. Der Kanton geht von Kosten von 1,5 Mio. Franken aus, die Kaminfeger dagegen befürchten Mehrkosten von 2 Mio. Franken. (do)

Wie stehen Sie zur Liberalisierungsvorlage des Regierungsrates?
Dössegger: Ich bin absolut für die Liberalisierung und den freien Markt. Ich habe viel in Aus- und Weiterbildung investiert. Im freien Markt habe ich die Möglichkeit, auch andere Dienstleistungen anzubieten, also die Betreuung von ganzen Feuerungsanlagen zu übernehmen und in Handel und Service tätig zu sein. Mit dem heutigen System dagegen darf ich nur reine Kaminfegerarbeiten ausführen. Wobei «nur» untertrieben ist: Immerhin bin ich in den mir zugeteilten Gemeinden verantwortlich für jede Feuerungsanlage.

Wie steht es denn nach der Liberalisierung mit der Verantwortung?
Dössegger: Nach wie vor ist die Gemeinde verantwortlich für die Feuerungsanlagen. Bis jetzt hat sie diese Verantwortung aber dem Kaminfeger übertragen, der für eine regelmässige Kontrolle verantwortlich ist und über die ausgeführten Kontrollen auch Buch führt. So habe ich einen Überblick über sämtliche Feuerungsanlagen der Gemeinde. Neue Anlagen erfasse ich bereits beim Bau und mache als Zuständiger für den kommunalen Brandschutz den Architekten und Bauherren Brandschutzauflagen.

Und wer führt diese Kontrolle nach der Liberalisierung?
Dössegger: Dafür ist dann die Gemeinde zuständig. Verantwortlich für den Zustand der Feuerungsanlage ist aber der Betreiber, die Gemeinde muss nur kontrollieren, ob die Arbeiten gemäss den Vorschriften der Aargauischen Gebäudeversicherung durchgeführt wurden.

Was heisst das für Ihre Kunden?
Dössegger: Bisher war es so, dass ich in einem regelmässigen Turnus sämtliche Feuerungsanlagen in meinem Gebiet kontrollierte. Neu muss sich der Besitzer bei einem vom Kanton konzessionierten Kaminfeger seiner Wahl melden und ihn für die Kontrolle bestellen. Allerdings ist es mir ein Rätsel, wie eine Gemeinde die Übersicht behalten will, wenn mehrere Kaminfeger in ihrem Gebiet tätig sind.

Zur Person

Hans-Peter Dössegger, 55, ist verheiratet mit Bernadette und Vater von drei erwachsenen Kindern, die alle noch zu Hause in Seon wohnen. Der eidgenössisch diplomierte Kaminfegermeister ist zuständig für die Gemeinden Seon, Schafisheim, Staufen, Hallwil und Birrwil. Sein Sohn Patrick ist in seine Fussstapfen getreten und hat im letzten Dezember die Prüfung als Kaminfegermeister bestanden. Hans-Peter Dössegger ist seit 13 Jahren im Seoner Gemeinderat, seit 6 Jahren als Vizeammann. Der Montag ist generell für die Gemeinde reserviert. Als Hobbys erwähnt er vor allem Sport: im Winter Skifahren, im Sommer ist er oft auf dem Bike oder dem Rennvelo anzutreffen. «Das bringt mir den nötigen Ausgleich zum Arbeitsalltag», sagt er. (do)

Welchen Einfluss hätte die Liberalisierung auf Ihr Einkommen?
Dössegger: Das ist schwer abschätzbar. In anderen Kantonen, zum Beispiel im Kanton Zürich, ist die Kaminfegerarbeit rund 60 Prozent teurer. Heute arbeite ich quartierweise, habe also sehr wenig unproduktive Zeit. Wenn meine Kunden über mehrere Gemeinden verteilt sind, erhöht sich die unproduktive Zeit, was eine Teuerung nach sich zieht. Anderseits könnte ich den Umsatz mit dem Anbieten von zusätzlichen Dienstleistungen steigern.

Sie tragen sozusagen zwei Hüte - jenen des Kaminfegers und jenen des Gemeinderates. Wie beurteilen Sie die Kaminfegervorlage aus der Sicht des Gemeinderates?
Dössegger: Als Gemeinderat wünsche ich mir eine saubere Regelung, welche die Gemeinde nichts kostet. Sowohl der Gemeindeammänner- als auch der Gemeindeschreiberverband haben dies in der Vernehmlassung zum Ausdruck gebracht. Liberalisierung ja, aber nicht auf diese Weise. So werden Kosten generiert, denen keine Wertschöpfung gegenübersteht. Dazu kommt, dass man den Gemeinden einmal mehr zusätzliche Kosten aufbürden will, welche ihnen den letzten Spielraum für antizyklisches Handeln nehmen.

Hätte die Liberalisierung einen Einfluss auf die Sicherheit der Anlagen?
Dössegger: Ich könnte mir vorstellen, dass die Qualität der Anlagen abnimmt, weil viele Anlagenbesitzer die Fristen nicht einhalten und den Kaminfeger erst bestellen, wenn sie von der Gemeinde gemahnt werden. Heute kommt der Kaminfeger von sich aus vorbei.

Immer mehr werden die fossilen Brennstoffe durch Alternativenergien ersetzt. Hat in diesem Umfeld der Beruf des Kaminfegers überhaupt noch Zukunft?
Dössegger: In der heutigen Art wird der Beruf des Kaminfegers sicher nicht weiterbestehen. Anderseits wird es immer Holzfeuerungen geben, ich denke etwa an Pellets- oder Holzschnitzelheizungen. Dazu braucht es aber eine umfassendere Ausbildung. Die Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln, besteht nur im freien Markt. Das jetzige Monopol hält leider viele Kollegen von einer Weiterbildung ab, da sie ja ihr fest zugeteiltes Gebiet haben.

Haben Sie keine Angst vor der Zukunft?
Dössegger: Im Zeitalter von Minergie und Wärmepumpen, wo in einem Haus höchstens noch ein Schwedenofen steht, wird die reine Kaminfegerarbeit sicher markant zurückgehen. Also muss man sein Tätigkeitsgebiet auf mehr Gemeinden ausdehnen und sich auf seine Weiterbildung konzentrieren. Im freien Markt wird nur der überleben, der das breiteste Spektrum an Dienstleistungen anbieten kann.