Erdbeben
Levrat: «Nur wir sind seriöse AKW-Gegner»

SP-Präsident Christian Levrat über die Katastrophe in Japan und die Frage, welcher Partei die Folgen des AKW-Desasters im Wahlherbst helfen werden.

Simon Fischer und Gieri Cavelty
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Christian Levrat möchte die SP als breite Volkspartei verstanden wissen. Susi Bodmer

Christian Levrat möchte die SP als breite Volkspartei verstanden wissen. Susi Bodmer

Herr Levrat, werden nach der atomaren Katastrophe in Japan die Grünen die Wahlen gewinnen?

Christian Levrat: Kurzfristig wird es sicher eine emotionale Reaktion in der Bevölkerung geben. Ob diese den Grünen, den Grünliberalen oder der SP hilft, ist schwierig zu sagen. Mittelfristig sind wir aber die einzige Partei, welche die Schweiz auf seriöse Art von der Abhängigkeit von Atomenergie befreien kann, ohne das Land in eine Versorgungslücke zu stürzen.

Möchten Sie damit sagen: Die Grünen handeln verantwortungslos?

Es nützt nichts, einfach nur den Ausstieg zu fordern. Die Bevölkerung muss und will wissen, wie es danach weitergeht, wie wir auch ohne Atomstrom die Versorgungssicherheit garantieren können. Ich bin überzeugt, dass die Mehrheit der Wähler zum Schluss kommen wird, dass wir diesbezüglich die besseren Antworten haben.

Während sich die Grünen überlegen, eine Atomausstiegs-Initiative zu lancieren, lautet die Antwort der SP auf Fukushima «Cleantech»- Initiative. Allein mit diesem Wort vergraulen Sie Ihre Wähler.

Unsere Initiative verlangt ganz klar, dass wir bis 2030 aus der Atomenergie aussteigen, und den Strom ausschliesslich aus erneuerbaren Energien produzieren. Sie können selber beurteilen, ob es Sinn macht, dass die Grünen noch einmal dasselbe mit einer neuen Initiative fordern. Wir jedenfalls finden es sinnlos. Wir müssen jetzt alle Kräfte bündeln, um die Kurve zu kriegen. Nicht parteipolitischen Spielchen treiben. Und übrigens: Es sitzen auch Grüne in unserem Initiativkomitee.

Der frühere SP-Präsident Peter Bodenmann meint, der Ausdruck «Cleantech» sei «Hafenkäse», weil er von niemandem verstanden werde.

Das ist die übliche Kritik aus dem Oberwallis, die sich seit Bodenmanns Rücktritt alle SP-Präsidenten haben anhören müssen. Inhaltlich ist die Kritik falsch, denn die Initiative ist klar: Es ist eine Atomausstiegs-Initiative. Die Hälfte der in der Schweiz verbrauchten Energie soll aus erneuerbaren Quellen stammen. Das heisst, wir würden neben fossilen Energien wie Öl und Gas bis dann nur noch sauberen Strom produzieren.

Die SP positioniert sich als Wirtschaftspartei – selbst auf ökologische Fragen geben Sie klar ökonomische Antworten. Wieso aber haben Sie von der Wirtschaftskrise nicht profitiert? Bei kantonalen Wahlen hat die SP mehrheitlich verloren.

Wir haben rund zwei Jahre gebraucht, um die Partei zu erneuern, sowohl inhaltlich als auch personell. Wir sind jetzt in allen wichtigen Fragen wieder klar positioniert. Und wir ernten bereits die ersten Früchte dieser harten Arbeit. Seit Anfang Oktober haben wir überall zulegen können.

Sie haben den Wahlkampf gemeinsam mit dem früheren Juso-Präsidenten Cédric Wermuth eröffnet. Mit Verlaub, aber nach den Querelen rund um den SP-Parteitag löscht es da doch vielen potenziellen Wählern mit Tendenz zur politischen Mitte ab.

Wir haben den Wahlkampf mit dem ganzen Präsidium eröffnet, und er geht eben von Pascale Bruderer bis Cédric Wermuth. Die SP ist eben eine breite Volkspartei. Und Cédric Wermuth verkörpert einen Teil der Partei. Er hat als Juso-Präsident sehr gute Arbeit geleistet und die Anzahl der Mitglieder verdoppelt. Und mit der 1:12-Initiative haben die Jungsozialisten bewiesen, dass sie die einzige Jungpartei ist, die relevante politische Arbeit leistet.

Wenn wir schon bei Personalfragen sind: Für die SP steht bei den Wahlen im Herbst ziemlich viel auf dem Spiel, nicht zuletzt der zweite Bundesratssitz.

Das ist so. Werden wir an Wählerstärke verlieren, gibt es einen Angriff der SVP oder der Grünen.

Im Fall einer Niederlage müssen wir also davon ausgehen, dass Micheline Calmy-Rey Ende Jahr nicht zurücktritt, weil dies einen Angriff auf den zweiten SP-Sitz erschwert.

Wir werden die Situation mit ihr im Sommer vertieft anschauen. Ich bin überzeugt, dass sie sich bei ihrer Entscheidung von den Interessen des Landes leiten lassen wird und nicht von Parteipolitik. Ob sie bereits Ende der Legislaturperiode abtreten oder noch bis 2013 bleiben wird, ist aber noch völlig offen.