Herr Schwab, die SDA-Redaktion durchlebt schwierige Zeiten: Entlassungen, Streik, Personalexodus, Unsicherheit beim Sozialplan. Wird jetzt mit der neu fusionierten Gesellschaft Keystone-SDA alles besser für die Journalisten?

MARKUS SCHWAB: Es ist richtig: Die SDA hat eine schwierige Zeit hinter sich. Ich bin aber überzeugt, dass der Verwaltungsrat und die Redaktionskommission im Rahmen des anlaufenden Schlichtungsverfahrens vor der Eidgenössischen Einigungsstelle (EES) sich bald auf eine gemeinsame Lösung verständigen können. Wenn wir diesen Konflikt hinter uns gebracht haben glaube ich, dass wir zusammen im neuen Unternehmen einer positiven Zukunft entgegenblicken.

Die Stimmung in der Redaktion ist schlecht, Sie als CEO wurden hart kritisiert, insbesondere für ihre Äusserungen in der «NZZ am Sonntag». Am Tag nach diesem Interview trat die Redaktion in den Streik. Würden Sie rückblickend nochmals alles gleich machen?

Sagte ich heute «Ich würde alles nochmals gleich machen», wäre das in meinem Fall nicht gut. Es sind Fehler passiert, auch bei mir. Gerade was die Kommunikation anbelangt, haben wir dazu gelernt. Ich würde das Interview in der «NZZ am Sonntag» heute nicht mehr so geben. Als gelernter Wirtschaftsprüfer fehlte mir die kommunikative Erfahrung. Ich bin es mich gewohnt, nüchtern die Fakten darzulegen. Die Aussagen gegenüber der «NZZ am Sonntag» waren zwar faktisch korrekt, aber der Tonfall ist nicht gut angekommen. Das würde ich heute sicher anders machen.

Im Rahmen des Sparprogramms im Hinblick auf die Fusion werden 36 von 150 redaktionellen Stellen abgebaut. Dort, wo aufgrund von freiwilligen Kündigungen Personalknappheit herrscht, wurden neue Arbeitsverträge nur bis Ende 2019 befristet aufgesetzt. Folgt schon bald der nächste Kahlschlag?

Nein. Wir planen mit dem im Januar kommunizierten Stellenetat. Ein weiterer Abbau ist derzeit kein Thema. Die Befristung einiger neuer Arbeitsverhältnisse ist eine Folge des laufenden Schlichtungsverfahrens vor der EES. Nach einer hoffentlich baldigen Einigung möchten wir wieder längerfristig planen, auch beim Personal.

Fürs laufende Jahr 2018 hat die SDA ein neues Tarifssystem eingeführt – auch unter dem Druck Ihrer Kunden haben Sie diesen einen 10-prozentigen Einführungsrabatt gewährt. Bereits gibt es erste Kundengespräche für die Tarife 2019. Bleibt der Preisdruck hoch?

Dieser Rabatt wurde gewährt, weil das neue Tarifsystem bei praktisch allen Kunden unter dem Strich zu höheren Preisen geführt hat. In den Gesprächen über das neue Tarifystem wurde uns dann rasch klar: Diesen Rabatt werden wir nicht zurücknehmen können. Er wird auch 2019 bleiben. Eine Lehre daraus war, dass wir dieses Jahr früher das Gespräch mit unseren Kunden suchen. Ich hoffe, dass 2019 an der Tarif-Front Ruhe herrscht, damit wir uns auf die Umsetzung der neuen Strategie der Keystone-SDA konzentrieren können. Diese bietet nämlich auch grosse Chancen, unseren Kunden noch attraktivere Produkte anzubieten.

Welche Chancen? Mit einer kleineren Redaktion wird ihr Output kleiner und die Kunden sind noch weniger zu zahlen bereit. Ein Teufelskreis.

Wir sind überzeugt, dass wir durch die multimediale Verknüpfung von Texten, Videos, Bildern und Infografiken unseren Kunden ein attraktives Angebot machen können. Hierfür müssen wir dann sowieso wieder neue Tarife ausarbeiten. Das ist eine Chance, um neue Einnahmen zu generieren.

Unter dem Strich bleibt nach den Entlassungen ein reduzierter Output, zumindest beim Text.

Zukünftig wollen wir dank einem Monitor-System die redaktionelle Leistung besser den Kundenbedürfnissen anpassen. Polizeimeldungen etwa werden in gewissen Regionen von unseren Kunden stark nachgefragt, in anderen weniger. Es geht darum, die Leistung gezielt zu optimieren – nicht um eine Reduktion des Outputs.

Wie schaffen Sie es, die demoralisierte Redaktion von der neuen Strategie zu überzeugen?

Ich bin überzeugt, dass wir eine gute Mannschaft haben, die viel zu leisten imstande ist und die grossen Herausforderungen gemeinsam meistern kann. Es geht jetzt darum, die Botschaft an jeden Einzelnen heranzutragen, das wir mit der neuen Strategie eine gute Zukunft vor uns haben. Der neue Verwaltungsratspräsident Ueli Eckstein und ich werden in nächster Zeit gemeinsam an den verschiedenen Redaktionsstandorten das Gespräch suchen. Ich bin überzeugt: Die neuen Möglichkeiten, die sich mit der multimedialen Ausrichtung bieten, sind auch für den Berufsalltag der Journalisten eine Bereicherung.

Will das Gespräch mit der Redaktion suchen: Der neue Verwaltungsratspräsident Ueli Eckstein.

Will das Gespräch mit der Redaktion suchen: Der neue Verwaltungsratspräsident Ueli Eckstein.

Laut einem Bericht der «Luzerner Zeitung» planen Sie bereits fürs Jahr 2019 mit Gebührengeldern. Die entsprechende Verordnung des Bundesrats hat der Bundesrat aber noch gar nicht verabschiedet.

Es ist richtig, dass wir in der Mittelfristplanung mit Geldern aus dem Gebührentopf in der Höhe von zwei Millionen auf der Grundlage der Radio- und Fernsehverordnung  (RTVV) rechnen. Aber unsere Planung ist nicht so, dass wir ohne diese Gelder nicht überleben könnten.

Auf der einen Seite Gebührengelder erhalten, und auf der anderen Seite jährlich Dividenden, unter anderem an die österreichische Aktionärin APA, auszahlen zu wollen – das dürfte in der Politik schlecht ankommen.

Wir prüfen derzeit verschiedene Szenarien, wie wir mit einer allfälligen öffentlichen Unterstützung umgehen würden und was die Folgen davon wären – auch auf die Struktur des Unternehmens. Denkbar ist etwa ein abgetrennter Service-Public-Bereich, der nicht gewinnorientiert arbeitet.

Keystone-SDA sieht Wachstumschancen im Bereich «Corporate Production». Werden SDA-Redaktoren bald Artikel für die Kundenmagazine der gleichen Firmen schreiben, über die sie gleichzeitig für andere Medien unabhängigen Journalismus liefern sollten?

Nein. Dieses Thema hat bei den Redaktoren verständlicherweise Ängste über den Verlust der journalistischen Unabhängigkeit ausgelöst. Das haben wir zur Kenntnis genommen: Wie aus dem Organigramm der Keystone-SDA geht hervor, sind die Bereiche Corporate Publishing und Nachrichtenagentur klar getrennt. Ob sich in Zukunft vereinzelt Synergien ergeben, wird sich zeigen müssen. Auch die Unternehmensstruktur ist nicht in Stein gemeisselt.

Die dritte Säule von Keystone-SDA ist der Bereich Solutions. Sie wollen Medienhäusern und anderen Kunden IT-Produkte anbieten und hier vom Know-How der APA profitieren. Die Schweizer Verlagshäuser versuchen doch selber schon, ihre IT-Produkte an Dritte zu verkaufen. Hier hat niemand auf Keystone-SDA gewartet.

Die APA hat in diesem Bereich schon viel Erfahrungen gemacht und Erfolge verzeichnet. Es geht uns in der Schweiz nicht darum, dass wir im Solutions-Bereich von heute auf morgen riesige Wachstumsraten verzeichnen werden. Erst einmal müssen wir das Unternehmen Keystone-SDA auch technologisch fusionieren. Wir haben im Medienbereich eine einzigartige Ausrichtung und Produktpalette. Diese Produkte, die wir in der eigenen Arbeit täglich brauchen, wollen wir mit Überzeugung an weitere Abnehmer verkaufen können.