Letztes Interview
Hans Küng (93†): «Ich bin in der Endphase»

Hans Küng ist tot. Aus diesem Anlass publizieren wir ein Interview, das wir 2013 mit dem Theologen geführt haben. Der unerbittlichste Kritiker des Vatikans schrieb gerade in einem Buch, er sei «lebenssatt». Der damals 85-Jährige litt an Parkinson und kündigte an, den Freitod in Erwägung zu ziehen. Küngs Aussagen lesen sich im Rückblick wie ein Vermächtnis.

Peter Burkhardt, Patrik Müller (Text) und Mathias Marx (Bilder)
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Der Theologe und Präsident der Stiftung Weltethos, Prof. Hans Küng, am 25.10.2013 in seinem Haus in Tübingen, anlässlich des Interviews mit der «Schweiz am Sonntag».

Der Theologe und Präsident der Stiftung Weltethos, Prof. Hans Küng, am 25.10.2013 in seinem Haus in Tübingen, anlässlich des Interviews mit der «Schweiz am Sonntag».



Herr Küng, haben Sie das Leben satt?

Wenn ich mich in meinem neuen Buch als «lebenssatt» bezeichne, übernehme ich einen sehr positiven biblischen Begriff. Er bedeutet «betagt und gesättigt». Abraham, David und Hiob starben «lebenssatt». Der Begriff drückt aus, dass ich alles, was ich bewirken wollte, erfüllt habe. Ich habe lange damit gerechnet, dass mein Leben unvollendet bleibt. Aber jetzt ist es – ohne Plan – eine runde Sache geworden. Ich konnte meine Stiftung Weltethos einem guten Nachfolger übergeben und meine Erinnerungen mit dem dritten Band abschliessen. Ich kann sehr zufrieden sein, insofern bin ich lebenssatt.

Sie schreiben in dem Buch, Sie führten ein «Leben auf Abruf».

Ich bin in der Endphase, darauf habe ich mich eingestellt. Ich weiss nicht, was morgen kommt. Sie müssen auch sehen, dass ich nicht mehr gesund bin.

Obwohl Sie sehr gesund wirken.

Sie beurteilen den Apfel von den roten Backen her. Beim roten Apfel merkt man es auch nicht, wenn er innen krank ist. Ich habe Parkinson, und ich habe Mühe, zu lesen. Irgendwann werde ich gar nicht mehr lesen können. Es ist alles noch durchaus erträglich, aber es ist doch sehr ernsthaft.

Haben Sie Wünsche, die Sie sich noch erfüllen möchten?

Ich kann jetzt Dinge lesen, für die ich früher nie Zeit hatte. Ich konnte sogar den letzten Band des Romanschriftstellers Dan Brown, «Inferno», lesen. Er zeigt ein Problem auf, das für mich interessant ist, nämlich die Überbevölkerung der Erde. Ich habe schon überlegt, den neuen Band von «Asterix und Obelix» zu lesen.

Hans Küng beim Treffen mit den «Schweiz am Sonntag»-Redaktoren Patrik Müller und Peter Burkhardt.

Hans Küng beim Treffen mit den «Schweiz am Sonntag»-Redaktoren Patrik Müller und Peter Burkhardt.

Christen glauben, dass ihr Leben und ihr Tod in Gottes Hand liegt. Sie aber sind der Sterbehilfeorganisation Exit beigetreten. Warum?

Das Leben ist selbstverständlich für jeden glaubenden Menschen eine Gabe Gottes. Aber zugleich ist es der Wille Gottes, dass der Mensch dafür Verantwortung trägt. Diese Verantwortung hört in der letzten Phase des Lebens nicht auf. Es gibt in der Bibel kein Argument dagegen, dass sich jemand unter Umständen selber das Leben nimmt – oder besser gesagt: sein Leben Gott zurückgibt. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass wir in einer neuen Zeit leben: Vor hundert Jahren war in Deutschland die mittlere Lebensdauer 35 Jahre. Ich wäre schon längst tot, wenn es nicht die moderne Medizin und Hygiene gäbe. Mir ist dadurch eine zusätzliche Lebensphase geschenkt.

Wann haben Sie entschieden, dass Sie zu Sterbehilfe greifen möchten?

Für mich war der qualvolle Tod meines Bruders im Jahr 1955 der Ausgangspunkt dafür. Er hatte einen unheilbaren Gehirntumor. Ich habe gesehen, wie er wochenlang litt. Am Ende war es nur noch ein Keuchen, bis er schliesslich erstickte. Ich habe mir damals gesagt: So will ich auf keinen Fall sterben.

Wieso haben Sie es öffentlich gemacht, dass Sie den Freitod in Erwägung ziehen? Ist es eine weitere gezielte Provokation von Hans Küng?

Nein, das ist es nicht. Es geht mir nicht um eine Rebellion gegen die Kirche. Ich bin ja auch nicht der Meinung, dass ein Familienvater wegen eines geschäftlichen Misserfolgs einfach sein Leben aufgeben könne, ohne Rücksicht auf Frau und Kinder. Das ist nicht meine Auffassung. Allerdings will ich einen Anstoss geben zu einer offenen Erörterung der Sterbeproblematik, zur Auflösung der starren Fronten.

Machen Sie sich Gedanken, wie Ihr letzter Tag aussieht?

Ich habe keine Neigung, allein in einem nüchternen Zimmer zu sterben. Ich weiss, welche Musik ich dabei haben möchte – das Adagio aus Mozarts Klarinettenkonzert KV 622 – und welche Bibeltexte und Gebete gelesen werden sollen. Das zeigt, dass ich aus einer gläubigen Haltung heraus handle.

Wird es eine Art Abschiedsfeier mit Ihren engsten Freunden und Mitarbeitern geben?

Ja, ich würde mir natürlich wünschen, dass meine engsten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dabei sind und dann noch ein Arzt und ein Priester, mit dem ich schon lange verbunden bin, ein Schüler von mir.

Der Kritiker der Päpste

Der in Sursee LU aufgewachsen Theologe, Buchautor und römisch-katholische Priester Hans Küng war einer der bekanntesten und umstrittensten katholischen Kirchenkritiker. Ab 1960 war er Theologieprofessor an der Universität Tübingen. 1979 entzog ihm der Vatikan die kirchliche Lehrbefugnis, weil er die Unfehlbarkeit des Papstes infrage stellte und die Abschaffung des Zölibats und die Gleichberechtigung der Frauen in der Kirche forderte. Die Universität reagierte mit einem Trick: Sie bot Küng eine fakultätsunabhängige Professur für Ökumenische Theologie an. 1990 startete Küng das Projekt «Weltethos», einen Katalog ethischer Massstäbe, die alle Menschen weltweit anerkennen können.

Als Christ glauben Sie an das Leben nach dem Tod. Haben Sie je daran gezweifelt?

Ich habe nie daran gezweifelt, aber ich weiss, dass es eine sehr schwierige Frage ist, und habe alle Argumente pro und kontra überlegt. Das ewige Leben ist etwas, das Raum und Zeit übersteigt, es ist eine andere Dimension. Dafür ist die «reine Vernunft» nach Kant nicht zuständig, man kann das nicht mathematisch-naturwissenschaftlich beweisen. Das Gegenteil freilich auch nicht. Aber ich habe gute Gründe, warum ich ein vertrauendes Ja zum ewigen Leben sage. Selbst wenn ich unrecht hätte und nach dem Tod in ein Nichts hineinfallen würde, bin ich der Überzeugung, dass ich besser gelebt habe mit dem Glauben, dass es ein ewiges Leben gibt, als ohne.

Hans Küng im Garten seines Tübinger Daheims.

Hans Küng im Garten seines Tübinger Daheims.

Wenn ein Kind Sie fragen würde, wie das ewige Leben aussieht, was würden Sie ihm antworten?

Dann würde ich sagen: Hier ist eine Raupe, schau die mal an, wie die über den Boden kriecht. Kein besonders schönes Tier. Es kann gar nichts anderes machen als am Boden kriechen. Und jetzt schau, wie sich die entwickelt, sich in den Kokon einhüllt, und schliesslich kommt da ein wunderbares Wesen voller Farbe, voller Freiheit heraus, das fähig ist, in einer völlig anderen Dimension zu leben.

Wenn Sie im Himmel den ehemaligen Päpsten begegnen würden: Was würden Sie ihnen sagen?

Dass sie jetzt alles vergessen können, was vorher war (lacht). Auch alle ihre falschen Entscheidungen.

Johannes Paul II. hätten Sie einiges zu sagen, wenn es diese Möglichkeit gäbe. Immerhin war er es, der Ihnen die Lehrerlaubnis entzogen hatte.

Ich hoffe, dass es diese Möglichkeit nicht gibt. Wir wollen doch nicht all die irdischen Langweiligkeiten noch einmal aufwärmen.

Was möchten Sie vor dem Tod noch erleben?

Ich erlebe jetzt eigentlich das, wovon ich nicht dachte, dass es zu meinen Lebzeiten noch kommt: Ich hatte mich damit abgefunden, dass es keinen Umschwung in der katholischen Kirche gibt. Der ist nun mit dem neuen Papst erfolgt. Das ist eine riesige Überraschung.

Papst Franziskus hatte einen unglaublich guten Start. Vieles ist aber durch Symbole bedingt: wie er sich anzieht, sein Auto, sein Besuch auf Lampedusa. Sind Sie wirklich überzeugt, dass es ein Umschwung ist?

Es ist noch viel zu früh, ein solches Urteil abzugeben. Und doch bin ich überzeugt, dass er einen Paradigmenwechsel eingeleitet hat. Sein Vorgänger trat prunkvoll auf, mit Gold und Edel steinen. Franziskus aber als einfacher Bischof, der sich wenig um das Protokoll kümmert und die Sprache des Volkes spricht.

Das sind Äusserlichkeiten.

Das ist mehr als eine Stilfrage. Das ist ein anderes Verständnis von Papsttum. Er hat ja auch gesagt, dass er für die Armen da sein will. Die Frage, die sich für mich nun stellt, ist die, ob er auch sieht, dass es auch in der Kirche viele Leute gibt, die arm dran sind, zum Beispiel die Millionen Geschiedenen und die Millionen Frauen, die unter dem Verbot der Pille, der Kondome und der künstlichen Befruchtung leiden, das für den Vatikan immer noch gilt. Oder ob er sieht, dass viele Priester, die ihr Leben der Kirche widmeten, wegen des Verbots der Heirat gehen mussten. Das sind alles Fragen, die in meinem Buch «Ist die Kirche noch zu retten?» stehen, das ich ihm geschickt habe.

Hat er darauf reagiert?

Franziskus schickte mir zwei Handschreiben, die er mit «brüderlich, Fran-ziskus» unterzeichnete. Darin stand, er würde die Bücher «mit Genuss» lesen. Solches habe ich von seinen beiden Vorgängern nie gehört.

Irgendwann muss der Papst seinen Worten und Symbolen Taten folgen lassen, sonst wird seine Popularität schnell verfliegen.

Sicher. Aber es wäre falsch, würde er revolutionär vorwärtsdrängen. Dann riskierte er starke Polarisierungen in Kurie und Kirche. Dieser Wandel braucht Zeit, und ich hoffe sehr, dass Franziskus genug Zeit und Energie hat. Und dass nicht ein Unglück passiert.

Eine erste Enttäuschung war für viele, dass Franziskus den Protz-Bischof von Limburg nicht in die Wüste geschickt hat.

In anderen Fällen, bei finanziellen Exzessen in Slowenien, hat er durchgegriffen. Den Bischof von Limburg hat er immerhin in Rom mehrere Tage warten lassen und ihm dann eine Auszeit verordnet. Er will erst noch die Untersuchung abwarten. Das kann ich verstehen, auch wenn der Papst von mir aus hätte weitergehen können. An seinen alten Platz kann der Bischof ohnehin kaum wieder zurückkehren.

Sie erleben den Briefwechsel mit dem Papst als eine informelle Rehabilitierung. Das heisst aber auch, dass Sie auf einmal nicht mehr der Rebell sind, als der Sie immer galten.

Ich habe den Ausdruck Rebell nie geschätzt. Rebell, das hat mit emotionaler Einstellung zu tun. Ich sehe mich als kritischen Reformtheologen. Meine Kritik habe ich immer wissenschaftlich untermauert. Der Briefwechsel mit dem Papst ist eine hocherfreuliche Bestätigung für vieles, das ich in meinen Büchern geschrieben habe.

Sie blieben der katholischen Kirche stets treu, von der Sie verstossen wurden. Erstaunlich.

Ich bin nicht um des Papstes willen Katholik, sondern um des Evangeliums und der Glaubensgemeinschaft willen. Man versuchte mich zu marginalisieren und es stand auch infrage, ob ich an der Universität Tübingen bleiben kann oder nicht. Ich erhielt damals etwa 10 000 Briefe von Menschen, die mich unterstützten. Einige las ich erst Jahre später, und da stiess ich auf einen Brief eines sehr prominenten Schweizers. Er schrieb mir, wenn ich nicht in Tübingen bleiben dürfe, dann würde er dafür sorgen, dass ich in Zürich einen Lehrstuhl bekäme.

Wer war dieser Schweizer?

Christoph Blocher! Doch ich konnte dann ja in Tübingen weitermachen.

Wie stellen Sie sich die katholische Kirche der Zukunft vor?

Negativ formuliert: Wenn die Kirche noch immer keine echte Reform hin-kriegt, wenn sie etwa den Zölibat nicht aufhebt und die Frauen nicht aufwertet, dann wird sie immer mehr zu einer Grosssekte werden. Es werden dann noch mehr Leute einfach nicht mehr mitmachen – der äussere wie innere Exodus der vergangenen Jahre ist schlimm. Wenn die katholische Kirche sich jedoch neu aufs Evangelium besinnt und die Nöte der Menschen ernst nimmt – dann ist vieles möglich.

Herr Küng, was soll von Ihnen bleiben?

Das, was ich in meinen Büchern erarbeitet und geschrieben habe. Texte, die den Menschen weiterhelfen. Einige meiner Schlüsseltexte wurden vor kurzem veröffentlicht im Buch «Was bleibt. Kerngedanken». Weitere Ambitionen habe ich nicht. Dass ich nicht heiliggesprochen werde, damit habe ich mich schon abgefunden (lacht).

Bedauern Sie, dass Sie keine Kinder haben?

Nein. Ich liebe zwar Kinder, war aber froh – aber wir wollen jetzt nicht zu persönlich werden –, keine Verantwortung für eine Familie zu haben. Was ich alles erlebt habe, hätte eine Familie gewaltig belastet.

Sie sprachen eingangs vom «Leben auf Abruf». Wissen Sie für sich, wann dieser Zeitpunkt da sein wird?

Das weiss ich nicht. Eine meiner tiefen Überzeugungen ist, dass man jeden Tag so nehmen soll, wie er kommt. Macht euch nicht Sorgen um den morgigen Tag, heisst es schon im Evangelium. Ich lebe jetzt auch so, ich habe planmässig zuerst die Stiftungen abgegeben und eine Sache nach der anderen abgeschlossen. Ich hatte noch Auftritte in München, Tübingen, Luzern – immer vor vollen Reihen. Das Weitere wird man sehen…

Das wirkt wie eine Abschiedstournee. Ist das nicht traurig, sich bewusst zu sein: Vielleicht war ich jetzt das letzte Mal hier in dieser Stadt?

Ja, schon. Aber das muss nicht sentimental genommen werden. Als gläubiger Mensch sage ich mir: So wie’s kommt, kommts.