Sie nutzte ihren Auftritt in Locarno geschickt, um einmal mehr international für Aufmerksamkeit zu sorgen. An einer Podiumsdiskussion am Rande des Filmfestivals zum Thema Heimat gab Carla del Ponte vor laufenden Kameras ihren Rücktritt als Chefin der UNO-Untersuchungskommission für Syrien bekannt. «Ich habe resigniert», begründete die 70-jährige resolute Tessinerin den Schritt am Sonntag. «Diese Kommission ist nutzlos, sie ist lächerlich.»

Sie hätte gehofft, dass ihre Ermittlungen zu einem Prozess vor dem internationalen Gerichtshof (ICC) führten oder gar vor einem Spezialtribunal. Doch der Uno-Sicherheitsrat habe keinen entsprechenden Schritt gemacht, die Erkenntnisse der Untersuchungskommission an den ICC zu überweisen. Sie verstehe ihren Rücktritt daher als Provokation, als Hilferuf im Namen der Opfer dieses Krieges.

Die Sache der Opfer. Das sei schon immer auch die ihrige gewesen, sagte Del Ponte vor einem Jahr im Gespräch mit dieser Zeitung. Bei ihrer Jagd nach den Kriegsverbrechern im ehemaligen Jugoslawien oder in Ruanda, als Bundesanwältin und als Tessiner Staatsanwältin im Kampf gegen die italienische Mafia. Sie sei bei ihrer eigentlichen Arbeit kaum von Emotionen gelenkt worden. Auch nicht, als sie im Gerichtssaal einem Kriegsverbrecher gegenüber gesessen sei. «Emotional wurde ich nur, wenn ich die Geschichten der Opfer dieser Männer gehört habe.»

Die Kollegen machen weiter

Und nun setzt sich die Frau, die einst nur knapp einem Attentat entgangen ist und die jahrelang nur mit Personenschutz die Strasse betreten konnte, definitiv zur Ruhe. Paulo Pinheiro und Karen AbuZayd, die beiden verbleibenden Mitglieder der UNO-Untersuchungskommission bedanken sich bei Del Ponte für ihren Einsatz während der vergangenen fünf Jahre. Die Arbeit der Kommission müsse angesichts des Konflikts in Syrien weitergeführt werden, um das Mandat zu erfüllen, die Täter zu identifizieren und die Verantwortlichen der Justiz zuzuführen, halten sie in einer Stellungnahme fest. Was in Syrien geschehe, bezeichnen sie als die schlimmsten Menschenrechtsverletzungen und internationalen Verbrechen der Geschichte. Die Kommission hat bisher rund ein Dutzend Berichte veröffentlicht, in denen Menschenrechtsverletzungen in Syrien dokumentiert werden.

Del Pontes Rücktritt kommt in einer Zeit, in der die internationalen Friedensbemühungen in Syrien ins Stocken geraten. Im Juli endeten die Syrien-Gespräche in Genf erneut ohne Ergebnis.

Carla Del Ponte ist nicht nur in der Schweiz seit ihrer Tätigkeit als «Mafiajägerin» im Tessin ein Begriff, sondern ist international wohl eine der bekanntesten Schweizerinnen. Ihre Leistungen als Chefanklägerin des Internationalen Strafgerichtshofes für die Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien wurden jedoch immer wieder auch kritisch gewürdigt. So wurde ihr vorgeworfen, dass sie die beiden Schlüsselfiguren des Jugoslawienkriegs, Ratko Mladić und Radovan Karadžić, während ihrer Amtszeit nicht zu fassen kriegte. Del Ponte machte die serbische Politik dafür verantwortlich. Ebenso wird ihr angelastet, dass sie gegen den ehemaligen serbischen Präsidenten Slobodan Milošević wegen zahlreicher Unterbrüche kein Urteil zustande gebracht hat. Der Prozess begann zwar 2002, Milošević starb 2006.

Eklat wegen Memoiren

Zu einem regelrechten diplomatischen Eklat führte 2008 die Publikation ihrer Memoiren über ihre Zeit als Chefanklägerin in Deen Haag, die unter dem italienischen Titel «La Caccia — Io EI Criminali di Guerra» («Die Jagd – Ich und die Kriegsverbrecher»). Darin äusserte Del Ponte den Verdacht, die Kosovo-Befreiungsarmee UCK habe 1999 rund 300 Serben verschleppt und ihnen Organe für den Weiterverkauf entnommen. Da Del Ponte zur Zeit der Publikation der Memoiren schon Schweizer Botschafterin in Argentinien war, hat ihr das Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) jegliche Werbung zum Buch untersagt. Ein Bericht des Europarats, der unter der Leitung des Schweizer Europaratsabgeordneten Dick Marty — einst Nachfolger Del Pontes als Tessiner Staatsanwalt — entstanden ist, gab Del Ponte jedoch nachträglich recht.