Italien hat 24 Nationalparks, Deutschland deren 16. In der Schweiz hingegen gibt es nur einen einzigen – den 1914 eingerichteten Schweizerischen Nationalpark im Engadin. Ob sich an dieser Situation etwas ändert, hängt von den Stimmbürgern in acht Gemeinden im Locarnese ab. Im Juni 2018 werden sie über die Park-Charta abstimmen. Das voluminöse Dokument ist der zentrale Management-Plan für den künftigen Nationalpark.

In diesen Tagen gaben die Präsidenten der beteiligten Gemeinden (Onsernone, Ascona, Bosco Gurin, Brissago, Centovalli, Losone, Ronco s/Ascona und Terre di Pedemonte) mit der Publikation der Charta den Startschuss zur entscheidenden Phase vor der Abstimmung. Die Behördenvertreter sehen im Nationalpark-Label eine einmalige Chance, das Gebiet zu schützen, aufzuwerten und die Abwanderung in den Randgebieten zu bremsen. «Wir wollen den Park, damit man auch im 3. Jahrtausend noch in unseren Tälern leben kann», sagt Cristiano Terribilini, Gemeindepräsident von Onsernone.

Helikopter-Lieferungen erlaubt

Im Gegensatz zum bestehenden Nationalpark, einem echten Naturreservat, geht es im Locarnese um einen Nationalpark der neuen Generation, der aus einer Kernzone und einer Umgebungszone besteht. Der Parkperimeter verläuft über mehrere Klimazonen von den Brissago-Inseln im Lago Maggiore auf 200 Metern über Meer bis zu den Alpgipfeln bei Bosco Gurin auf 3000 Meter Höhe. Die schwach besiedelten Täler Onsernone und Centovalli stellen die zentralen Gebiete dar.

Die Charta regelt die Perimeter der Kern- und Umgebungszonen. Für die Kernzonen (28 Prozent) gibt es gesetzliche Restriktionen, damit sich die Natur dort frei entfalten kann. Schon jetzt werden diese Zonen vom Menschen praktisch nicht mehr genutzt. Allerdings sind auch eine Reihe von Ausnahmen vorgesehen, damit gewachsene Strukturen und Traditionen erhalten werden können. So kann die Kernzone zwar nur auf vorgeschriebenen Wegen durchwandert werden, Hunde können aber mitgeführt werden, sofern sie an der Leine sind. Selbst die Belieferung von Berghütten mit Helikoptern bleibt erlaubt oder Rettungseinsätze durch die Rega. Die Jagd ist grundsätzlich verboten, wird aber im Falle von potenziellen Schädlingen zugestanden, etwa bei Überbestän- den von Wildschweinen.

Pufferzone bleibt unverändert

In der Umgebungszone des Nationalparks sind keine Einschränkungen vorgesehen. Die Zone ist der Lebens- und Wirtschaftsraum der ansässigen Bevölkerung. Die Aufgabe besteht darin, einen schützenden Puffer um die Kernzone und die darin befindliche Natur zu bilden – etwa über Infrastrukturen für einen sanften Tourismus.

2000 lancierte Pro Natura die Kampagne «Gründen wir einen neuen Nationalpark!». Das Parlament schuf neue gesetzliche Grundlagen, um Nationalpärke der neuen Generation zu ermöglichen. 2016 scheiterte das aussichtsreiche Projekt Parc Adula an der Urne. Im Locarnese war ein erstes Projekt in die Brüche gegangen, weil die Gemeinde Cevio ausstieg. Damit fielen wichtige Zonen des oberen Maggiatals sowie das Bavona-Tal weg. Danach wurde der Parkperimeter neu gefasst. Auch jetzt gibt es Gegner des Nationalparkprojekts Locarnese. Einige Spruchbänder hängen an Häusern: «Unnütz, schädlich, teuer: Nein zum Nationalpark» ist dort zu lesen.

Kaum Kosten für Gemeinden

Doch der Enthusiasmus überwiegt. Das spiegelt sich in der offiziellen Haltung der Gemeinden. «Das Projekt ist weniger kompliziert als beim Parc Adula – und alle Gemeinden stehen dahinter», sagt der kantonale Umweltminister Claudio Zali (Lega). Er zeigt sich daher zuversichtlich.

Stimmt die Bevölkerung dem Nationalpark zu, wird er für eine Laufzeit von 10 Jahren eingerichtet. Danach wird erneut abgestimmt. Die jährlichen Subventionen der öffentlichen Hand belaufen sich auf rund 5,2 Millionen Franken – 60 Prozent erbringt der Bund, 20 Prozent der Kanton, 17 Prozent Stiftungen. Die Gemeinden müssen selbst nur 3 Prozent oder umgerechnet 160 000 Franken aufbringen. Zirka 20 Stellen werden direkt geschaffen, zwischen 250 und 300 Arbeitsplätze dürften indirekt entstehen. Die jährliche Wertschöpfung wird auf 20 Millionen Franken geschätzt. «Es ist eine goldene Gelegenheit, die wir nicht verpassen dürfen», meint Ottavio Guerra, Gemeindepräsident von Centovalli.

Teilnehmerrekord am 16. Nationalpark Bike-Marathon:

Teilnehmerrekord am 16. Nationalpark Bike-Marathon

Der Nationalpark Bike-Marathon lockte am 27. August 2017 über 2200 Teilnehmer in die Nationalparkregion. Ein Teilnehmerrekord, die gleichzeitige Wertung als Schweizermeisterschaft und zahlreiche Neuerungen im Zielbereich zeichneten die 16. Auflage des grössten Bike-Marathons in der Schweiz aus.