Vor zwei Jahren sorgten ältere Frauen mit der «Grossmütterrevolution» für Aufsehen. Nun haben wieder ältere Frauen eine Gruppe gebildet. Lesbische ältere Frauen; auch unter ihnen sind Mütter und eine Grossmutter. «Wir sind die erste Generation, die offen lesbisch älter und alt wird», sagt Regin Moser. Die 57-Jährige ist die Initiantin der neuen Gruppierung «Silberlesben». Die Gruppe formiert sich innerhalb der LOS, der Lesbenorganisation Schweiz. «Das ist durchaus ein Statement, denn wir wollen uns auch gesellschaftspolitisch einbringen, offensiv und öffentlich auftreten und uns mit anderen Organisationen austauschen und vernetzen», sagt Moser.

Zwar gebe es beim Älterwerden durchaus Parallelen zwischen heterosexuellen und homosexuellen Frauen, sagt Moser. Doch gebe es auch bedeutende Unterschiede. «Unter den Silberlesben gibt es massiv mehr allein lebende Frauen», weiss Regin Moser. «Wir müssen deshalb der Vereinsamung entgegenwirken.»

«Keine Diskriminierung im Heim»

Wie die «revolutionären Grossmütter» wollen sich auch die «Silberlesben» einer Vielzahl von Themen widmen (siehe Box). Dabei gehen sie auch ein Thema an, über das öffentlich wenig geredet wird: Homosexualität und Sexualität im Alter. «Wir wollen einen Denkprozess in Gang bringen: Wie sollen Alterseinrichtungen damit umgehen, dass zunehmend Frauen in die Institutionen kommen, die offen als Lesbe gelebt haben?», erläutert Moser.

Homosexualität müsse nicht nur toleriert, sondern gewürdigt werden, sagt Moser. «Wenn zum Beispiel ein Lesbenpaar zusammen ins Heim eintritt, soll das auch so kommuniziert werden.» Spitäler und Alterseinrichtungen müssten klarmachen, dass die Ethik des Hauses keine Diskriminierung dulde. «Nach deutschem Vorbild könnte auch in der Schweiz ein Label Altersinstitutionen auszeichnen, die besonders aufmerksam die verschiedenartigen Lebens- und Liebensweisen ihrer Bewohnerinnen und Bewohner berücksichtigen», sagt Moser.

Ein Heim nur für Homosexuelle?

Die Auseinandersetzung mit dem Thema Homosexualität im Alter sei in der Schweiz dringend notwendig, findet auch Christoph Bucher vom Nischenangebot «gay nursing» der Spitex Goldbrunnen in Zürich. «Denn aufgrund der demografischen Entwicklung gibt es immer mehr alte Schwule und Lesben», sagt er. Schwule Patienten, die der Pflegefachmann betreut, äussern ihm gegenüber Ängste, was einen möglichen Heimeintritt betrifft. «Sie fürchten, sie würden dort nicht verstanden oder gar zweitrangig behandelt», sagt Bucher. Aus seiner beruflichen Erfahrung weiss er auch, dass die Ängste nicht unbegründet sind: So ist ihm ein Fall bekannt, in dem ein Schwuler in einem öffentlichen Altersheim von Personal und Insassen diskriminiert wurde.

Für Bucher gibt es in der Schweiz einen ausgewiesenen Bedarf nach einem Pflegeheim ausschliesslich für Schwule. Der Psychologe Daniel Summermatter ging in seiner Abschlussarbeit im Fach Angewandte Psychologie an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften 2009 ebendieser Frage nach. Eine Mehrheit seiner Interviewpartner – Schwule zwischen 50 und 79 Jahren – begrüsste die Idee eines schwulen Altersheims, weil sie dort ihre Identität nicht verstecken müssten. Die Gefahr einer Gettoisierung erachteten die Befragten als klein. «Eine Sensibilisierung für das Tabu-Thema Sexualität im Alter ist dringend nötig», sagt Summermatter, der sich vorstellen könnte, ein Heim für Homosexuelle zu leiten.

Orientierung angstfrei leben

Vorbilder für ein derartiges Projekt gibt es bislang nur wenige: So steht im niederländischen Amsterdam seit einigen Jahren ein Altersheim für Schwule; in Berlin gibt es Alterseinrichtungen für alte Lesben und Schwule. Und 2009 wurde in Antwerpen das erste schwule Altersheim Belgiens eröffnet.

In der Schweiz sind Bestrebungen nach einem derartigen Angebot, etwa durch den Verein Andersheim, versandet. Regin Moser sagt, persönlich strebe sie kein Altersheim nur für Lesben an. Doch auch sie hat ein Ziel vor Augen: «Die meisten Lesben, die jetzt im Altersheim sind, verstecken ihre sexuelle Orientierung. Das darf nicht sein. Wir kämpfen dafür, dass alle Menschen ihre sexuelle Orientierung und Identität angstfrei und selbstverständlich leben können.»