Von Selbstüberschätzung und Übereifer getrieben: Junglenker haben in der Schweiz einen schlechten Ruf. Tatsächlich beruht ihr Image darauf, dass sie im Strassenverkehr die Risikogruppe Nummer eins sind. 87 Prozent der Menschen, die bei Unfällen sterben, sind 18 bis 24 Jahre alt.

Und jetzt das: Der Bundesrat will die Altersgrenze für das begleitete Fahren senken, wie das Bundesamt für Strassen (Astra) gestern bekannt gab. Der Lernfahrausweis soll künftig ab 17 Jahren abgegeben werden – und nicht mehr wie bisher ab 18 Jahren.

Kaum volljährig, schon allein

Eine noch tiefere Altersgrenze, obwohl niemand anderes anteilsmässig so viele Unfälle verursacht wie die jungen Fahrer? Astra-Direktor Jürg Röthlisberger sieht darin keinen Widerspruch. Im Gegenteil: «Wer vor der praktischen Prüfung mehr fährt, fährt sicherer», sagte er gestern vor den Medien. Dem Grundsatz «Theorie vor Praxis» wolle man mehr Gewicht geben.

Konkret sollen sich Jugendliche künftig mit 16 Jahren zum Verkehrskundeunterricht anmelden können. Der Unterricht ist demnach Voraussetzung für die Theorieprüfung. Wer sie bestanden hat, kann den Lernfahrausweis schon mit 17 Jahren beantragen.

Geht es nach dem Bundesrat, sollen Lernfahrausweis und Theorieprüfung fortan unbeschränkt gültig sein. Heute muss spätestens nach zwei Jahren die Prüfung absolviert werden. Gleichzeitig müssen Lernfahrer unter 25 Jahren vor der praktischen Prüfung mindestens ein Jahr lang mit Begleitperson üben.

Während Verkehrsverbände wie der TCS seit längerem für die vorgezogene Fahrausbildung plädieren und auf positive Erfahrungen in Ländern wie Schweden verweisen, sind die Fahrlehrer skeptisch eingestellt. «Menschen unter 18 Jahren können die Gefahren im Verkehr weniger gut einschätzen», sagte Raphael Huguenin vom schweizerischen Fahrlehrer-Verband auf Anfrage. Minderjährige hinter dem Steuer würden sich leichtfertiger verhalten. Auch die Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) warnte gestern: Künftig könnten Junglenker schon ab ihrem 18. Geburtstag allein fahren, wenn sie den Lernfahrausweis gleich zum 17. Geburtstag beantragen.

Ein Kurstag fällt weg

Seit zwölf Jahren ist die sogenannte Zwei-Phasen-Ausbildung in Kraft. Nach der Fahrprüfung wird der Führerausweis für drei Jahre zuerst auf Probe ausgestellt. Verstösst ein Lenker während dieser Zeit einmal massgeblich gegen die Verkehrsregeln, verlängert sich die Probezeit. Bei einem zweiten Verstoss wird der Führerausweis
annulliert.

Während der Probezeit müssen Lenker heute zudem zwei Weiterbildungstage besuchen. Doch deren Wirkung ist fraglich, wie eine Studie im Auftrag des Bundes schon 2014 zeigte. «Besonders zum zweiten Kurstag erhielten wir viele negative Rückmeldungen», bestätigte Astra-Chef Röthlisberger. Neulenker
ärgerten sich nicht nur über Inhaltliches, sondern auch über das Finanzielle. Die Kurse kosten im Schnitt rund 700 Franken. Deshalb sollen sie fortan nur noch einen Weiterbildungstag besuchen, dies aber neu spätestens sechs Monate nach der Fahrprüfung.

Die Dauer der obligatorischen Ausbildung verkürzt sich somit von 24 auf 17 Stunden. Das wiederum sorgt beim Fahrlehrerverband für Skepsis: «Hier wird auf Kosten der Sicherheit
gespart», kritisiert Huguenin. Dass im Gegenzug neu zwei obligatorische Lektionen bei einem Fahrlehrer vorgesehen sind, könne das nicht wettmachen. In der ersten Stunde wird das Bremsen geübt, in der zweiten das umweltschonende Fahren. Heute kann man sich ohne eine einzige Fahrstunde zur praktischen Prüfung anmelden.

Die Vorschläge des Bundesrat gehen nun bis Oktober in die Vernehmlassung. Danach wird entschieden, was genau umgesetzt wird.