Religion
Leiter des Islam-Zentrums: «Wir machen hier nichts Gefährliches»

Für Hansjörg Schmid, Direktor des Schweizer Zentrums für Islam und Gesellschaft, ist klar: Der Islam ist ein Reizthema. Umso wichtiger ist ihm sachliches Wissen – und er warnt davor, Muslime unter Generalverdacht zu stellen.

Denise Lachat
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Hansjörg Schmid

Hansjörg Schmid

Herr Schmid, Sie haben keinen einfachen Start als Direktor des neuen Schweizer Zentrums für Islam und Gesellschaft: Die SVP will es per Volksinitiative gleich wieder abschaffen, auch CVP und FDP sind kritisch. Waren Sie auf diesen Widerstand vorbereitet?

Hansjörg Schmid: Überrascht hat er mich nicht, denn diese Stimmen haben sich schon während der gut einjährigen Vorbereitungsphase Gehör verschafft. Ich weiss natürlich, dass das Thema Islam ein Reizthema ist, und wir bauen hier etwas Neues, Unbekanntes auf. Dieser Herausforderung wollen wir uns an der Universität stellen und zeigen, dass wir hier nichts Gefährliches machen. Dazu muss es uns auch gelingen, bei Veranstaltungen die Türen für die Bevölkerung weit aufzumachen.

Sie arbeiten ja am Zentrum mit einer Kollegin zusammen, die Muslimin ist. Wie erlebt sie denn die Stimmung?

Sie und andere schildern mir, dass sie sich manchmal unter besonderer Beobachtung fühlen, vor allem auch, wenn Frauen mit Kopftuch unterwegs sind. Seit den Ereignissen in Paris sind viele auch müde, sich ständig rechtfertigen zu müssen. Gleichzeitig wissen sie aber, dass kein Weg an der Diskussion vorbeiführt. Denn es ist für eine Gesellschaft nicht gut, wenn Misstrauen unter der Oberfläche schwelt; Konflikte müssen ausdiskutiert werden. Das Zentrum will dafür einen Raum bieten. Muslime sollen eine Stimme haben, es soll also nicht nur über sie gesprochen werden. Sie sollen vielmehr über sich und ihre Religion nachdenken und sich mit anderen darüber austauschen können.

Vielen Menschen macht der Islam Angst; warum sollten sie sich mit einer Religion beschäftigen, die für sie sehr negativ besetzt ist?

Zentrum für Islam und Gesellschaft

Das Schweizer Zentrum für Islam und Gesellschaft an der Universität Freiburg hat Anfang Jahr seine Arbeit aufgenommen. Doch es ist nicht unumstritten: Die Freiburger SVP hat eine Volksinitiative zur Schliessung des Zentrums lanciert. Sie befürchtet, dass der Kanton dereinst zur Ausbildungsstätte von Imamen werden könnte.

Am Zentrum sollen also Nicht-Muslime etwas über den Islam erfahren?

Es soll natürlich in beide Richtungen gehen, wir bauen auf Dialog. Am Zentrum wird es Forschung und Lehre in islamisch-theologischen Studien geben. Dabei wird ein wichtiges Ziel sein, dass Muslime – etwa in einem Doktorat oder einem Master-Studiengang – die Gelegenheit erhalten, über ihre Religion zu reflektieren und sie selbst, vor dem Hintergrund der modernen Gesellschaft, in der sie leben, auszulegen. Es gibt in der Schweiz Religions- und Sozialwissenschafter wie auch christliche Theologen, die sich mit dem Islam auseinandersetzen, doch die Stimme der Muslime wird noch wenig gehört.

Was versprechen Sie sich von dieser Selbstauslegung an einer Schweizer Universität?

Muslime können damit einen konstruktiven Beitrag für gesellschaftliche Werte wie Solidarität und Gemeinwohl leisten und auch die junge Generation auf das Leben in der Schweiz vorbereiten. Das Verständnis einer Religion ist nämlich sehr stark vom Kontext, in dem die Menschen leben, geprägt. In der Öffentlichkeit wird häufig von den Imamen gesprochen. Es kann aber auch für jemanden in der Verwaltung oder in der Sozialarbeit hilfreich sein, wenn er sich mit dem Islam aus erster Hand auseinandersetzt; so erwirbt er sich Kompetenzen für seinen Beruf.

Das Ergebnis dieser Selbstauslegung wäre dann eine Art europäischer Islam?

Ich bin vorsichtig mit dem Begriff europäischer Islam, auch wenn es das damit beschriebene Phänomen faktisch bereits gibt. Wichtig ist, dass die Muslime ihn inhaltlich selber füllen können, selbstverständlich im Rahmen des geltenden Rechts und im Rahmen der Universität. Denn es soll ja kein Staatsislam geschaffen werden, den man dann unter Beobachtung hält.

Im eidgenössischen Parlament wurde ursprünglich vorgeschlagen, Imame in der Schweiz auszubilden. Was halten Sie von der Idee?

Das ist zum einen eine Frage der Ressourcen, die hier nicht ausreichend vorhanden sind. Zum anderen vermittelt eine Universität Kompetenzen in einer wissenschaftlichen Disziplin, bildet also keine Berufsleute aus. Imame brauchen zusätzlich praktische Kompetenzen, die nicht von einer Universität, sondern von den Religionsgemeinschaften vermittelt werden müssen; das betrifft etwa Riten für Gottesdienste oder Zeremonien. Denkbar ist aber, dass Imame einen Teil ihrer Qualifikation an unserem Zentrum erwerben. Denn sie stehen in der Schweiz ja vor grossen Herausforderungen, weil sie nicht nur eine religiöse, sondern viele soziale Aufgaben haben: Die Menschen hier richten sich mit einem ganzen Bündel von Fragen an sie.

Hintergrund der Idee einer Imam-Ausbildung war ja, die Radikalisierung von Muslimen in der Schweiz zu verhindern.

Es ist sicher im Interesse eines Staates, dass religiöse Betreuungspersonen, und zwar welcher Religion auch immer, eine gute Ausbildung geniessen und sich in dem Kontext, in dem sie wirken, gut auskennen. Dann können sie auch Ansätzen von Radikalisierung wirksam entgegentreten. Die Universität ist ja Garantin für hohe Standards, weil die Ausbildung in einem öffentlichen und interdisziplinären Rahmen stattfindet. Andererseits steckt in der Vorstellung «Radikalisierung verhindern» auch ein Stück weit ein Klischee: Radikale Positionen werden wirklich nur von einer sehr kleinen Minderheit vertreten, und es wäre problematisch, die Muslime insgesamt unter Generalverdacht zu stellen.

Sie kommen aus Deutschland: Wie ist denn da die Situation?

Deutschland bietet auch keine Imam-Ausbildung an, sondern islamisch-theologische Studiengänge und daneben Weiterbildung für Imame. In verschiedenen Bundesländern wird jetzt auch islamischer Religionsunterricht an den staatlichen Schulen eingeführt, was einen hohen Bedarf an Lehrkräften zur Folge hat. Es ist in der deutschen Verfassung garantiert, dass Religionsunterricht nach den ordentlichen Grundsätzen der Religionsgemeinschaften und durch eine Lehrperson der jeweiligen Religionsgemeinschaft vermittelt wird. Viele junge Muslime studieren aber einfach aus eigenem Interesse islamische Theologie, ohne sich auf diesen Berufsweg festzulegen.

Woher kommt eigentlich Ihr Interesse für den Islam?

Mein Interesse wurde bereits in meiner Jugend durch Begegnungen mit Muslimen geweckt. Vor allem aber mit Beginn meines Theologiestudiums wurde mir klar, dass ich mich mit dem Islam auseinandersetzen will. Es ist heute nicht mehr möglich, hier in Europa Theologie zu betreiben, ohne auch darüber nachzudenken, wie sich die verschiedenen Religionen zu den Herausforderungen der Gesellschaft stellen.

Haben Sie ein Beispiel dafür?

Ja, etwa das kontrovers diskutierte Thema Sterbehilfe. Es wird interessant sein, dazu in der Schweiz auch muslimische Stimmen zu hören.

Sie unterrichten als Deutscher im zweisprachigen Freiburg. Wo haben Sie Französisch gelernt?

In der Schule. Ich war aber auch sehr häufig mit meiner Familie in Frankreich, denn meine Mutter war die erste Generation der deutsch-französischen Freundschaft nach dem Zweiten Weltkrieg. Ihre Gastmutter war wie eine Grossmutter für mich. Diese emotionale Seite ist natürlich sehr wichtig für die Sprache. Ich freue mich sehr, in diesem zweisprachigen Kontext tätig zu sein.

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