Bildung
Lehrplan 21: Die Arbeit ist fertig – nun fängt sie an

Das Dokument hat 20 Prozent abgespeckt, jetzt geht es zur Umsetzung an die Kantone. Eine Mitarbeit der Kantonsparlamente ist nicht vorgesehen.

Hans Fahrländer
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Der Einfluss der Lehrplanmacher auf den Unterricht im Klassenzimmer ist beschränkt.

Der Einfluss der Lehrplanmacher auf den Unterricht im Klassenzimmer ist beschränkt.

Keystone

Die Deutschschweizer Erziehungsdirektorenkonferenz (D-EDK) hat den Lehrplan 21 (LP 21) mit 19 Ja-Stimmen bei 2 Enthaltungen in dritter Version verabschiedet.

Nun geht er an die Kantone, welche für die Umsetzung verantwortlich sind. In zwölf Kantonen entscheidet die Regierung über die Einführung, in den übrigen der Bildungs- oder Erziehungsrat.

Ein Lehrplan ist ein Facherlass für die Schule, kein Gesetz. Mitarbeit der Kantonsparlamente ist nicht vorgesehen, deshalb gibt es auch keine Referendumsmöglichkeit. Der LP 21 kann nur auf einem Umweg zu Fall gebracht werden: via Initiative auf Änderung des kantonalen Schulgesetzes.

Lehrerverband LCH: Voll mit an Bord

Der Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH) begrüsst ausdrücklich die Freigabe des LP 21 an die Kantone. Diese stünden nun aber in der Verantwortung, betont LCH-Präsident Beat W. Zemp: «Sie müssen für die Umsetzung genügend Mittel zur Verfügung stellen. Es braucht Zeit, Geld, Weiterbildung, geeignete Lehrmittel und seriöse Umsetzungskonzepte.» Vor der nun erfolgten Überarbeitung gehörten Lehrerinnen und Lehrer zu den härtesten Kritikern des LP 21. Ob die nunmehrige «volle Zustimmung» von der Verbandsspitze überall bis an die Basis durchdringt, werden die kommenden Monate zeigen. (FA)

Straffungsauftrag umgesetzt

An einer Medienkonferenz in Zürich erläuterten vier Bildungsdirektoren die Ergebnisse der Überarbeitung: Christian Amsler (Schaffhausen, Präsident), Regine Aeppli (Zürich), Bernhard Pulver (Bern) und Stephan Schleiss (Zug). Der Auftritt des Letztgenannten sollte dokumentieren: Zumindest auf der Ebene der Bildungsdirektoren ist auch die SVP mit an Bord.

Nachdem die Konsultationsvorlage wegen des Umfangs und der Komplexität stark kritisiert worden war, wurde das Dokument um 20 Prozent gekürzt, es umfasst jetzt noch 470 Seiten und 363 Kompetenzen. Zum Vergleich: Der aktuelle Aargauer Lehrplan umfasst 511 Seiten, der Zürcher 415. Es kam auch zu inhaltlichen Anpassungen, insbesondere in Gebieten, die als «Reizzonen» geortet worden waren: Berufliche Orientierung, IT und Medien, Ethik und Religionen oder Gender-Rollen. In einigen Gebieten wurden die Ansprüche gesenkt. Statt «Mindestanspruch» heisst es neu «Grundanspruch».

Christian Amsler verwies auf die breite Abstützung bei der Erarbeitung, unter anderem wirkten 50 Lehrkräfte und ebenso viele Fachdidaktiker der pädagogischen Hochschulen mit. Aus der direkten Konsultation und jener der Kantone resultierten insgesamt rund 1000 Rückmeldungen, welche nun grösstenteils eingearbeitet wurden.

Einführungspläne und Widerstände in den Kantonen der Nordwestschweiz

Kanton Aargau
Die Regierung hat die Einführung des LP 21 auf das Schuljahr 2020/21 verschoben. Begründung: keine neuen Reformen, solange die Schule sparen muss. Ein konservatives Komitee «Ja zu einer guten Bildung – Nein zum Lehrplan 21» will den LP 21 mittels Volksinitiative verhindern. Die Unterschriftensammlung läuft.

Kanton Baselland
Die Einführung wird zweigeteilt: Bereits 2015/16 soll der Lehrplan 21 für die Primarschulen gelten. Die Sekundarschulen sollen 2018/19 folgen, da für sie noch Anpassungen nötig sind. Widerstand leistet vor allem ein Komitee, das eine Initiative zum Ausstieg Basellands aus dem Harmos-Konkordat eingereicht hat.

Kanton Basel-Stadt
Die Basler werden die Ersten sein, die mit dem Schuljahre 2015/16 den Lehrplan 21 umsetzen. Der Stadtkanton prescht vor, weil ihm Lehrpläne für die Sekundarstufe, wie sie mit Harmos eingeführt wird, fehlen. Gegenüber dem neuen Lehrplan gibt es zwar kritische Stimmen, aber keine fundamentale Opposition.

Kanton Solothurn
Ursprünglich war die Einführung auf das Schuljahr 2017/18 geplant , neuste Verlautbarungen aus dem Bildungsdepartement sprechen von 2018/19. Offener Widerstand kommt von der SVP. Im Kantonsrat ist ein Auftrag eines SVP-Vertreters auf Verhinderung des LP 21 hängig. Die Regierung lehnt den Vorstoss ab.

Kanton Zürich
Der Lehrplan 21 wird im Kanton Zürich frühestens ab Schuljahr 2017/18 verbindlich. Vorgesehen ist eine gestaffelte Einführung. Zunächst sind allerdings noch verschiedene Vorarbeiten nötig. Für 2016 ist eine Vernehmlassung geplant, wie Bildungsdirektorin Regine Aeppli am Freitag vor den Medien sagte.

Ein Verfassungsauftrag

Amsler erinnerte daran, dass der LP 21 nicht ein «nice to have» ist: Die sprachregionale Lehrplan-Harmonisierung leite sich ab aus dem Artikel 62 der Bundesverfassung, der vom Volk im Jahr 2006 mit überwältigendem Mehr angenommen worden ist.

Regine Aeppli betonte: «Jeder Kanton entscheidet für sich, wann, in welchem Verfahren und in welchem Umfang der Lehrplan 21 eingeführt wird.» Die Kantone sind frei, eigene Unterrichtsschwerpunkte zu setzen, die Stundentafel sowie die Beurteilungsinstrumente anzupassen sowie die Lehrmittel zu bestimmen.
Bernhard Pulver räumte mit einigen Vorurteilen auf, die dem Lehrplan bis heute entgegengeschwappt sind:

  • Es stimme nicht, dass der LP 21 mit seiner Kompetenzorientierung den Unterricht «revolutioniere». Die Berufsbildung kenne diese Methode schon lange. Nun folge ihr die Volksschule.
  • Es stimme nicht, dass das Wissen nicht mehr gefragt sei: «Kompetenz besteht aus dem Wissen, aus der Fähigkeit, das Wissen anzuwenden, und aus der Haltung, dies auch zu tun.»
  • Es stimme nicht, dass mit dem LP 21 Meinungen und Haltungen der Schüler beurteilt würden: «Es geht um ihre Haltung zur Arbeit, zum Lernen, nicht um ihre Weltanschauung!»

Hürzelers Enthaltung

Eine der beiden Enthaltungen bei der Schlussabstimmung stammte vom Aargauer Bildungsdirektor Alex Hürzeler, wie er auf Anfrage bestätigte: «Ich habe mich vor und während der Plenarversammlung der D-EDK für eine Geschäftsbehandlung in zwei Lesungen eingesetzt. Das hätte uns mehr Zeit gegeben für Anpassungen und für eine definitive Beschlussfassung, zum Beispiel im nächsten Frühjahr. Doch die grosse Mehrheit sprach sich gegen dieses Vorgehen aus.»